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Ruhrgebiet

Ein Ruhrgebiets-Reiseführer, der erzählt, was andere verschweigen

02.08.2012 | 14:00 Uhr
In seinem Ruhrgebiets-Reiseführer lenkt Wolfgang Berke den Blick auf stille Attraktionen und verrückte Taten. Wozu er wohl auch die Textbrücken über der A40 zählt.Foto: Oliver Müller/WAZ FotoPool

Essen.   Wolfgang Berke hat ein Buch über das Ruhrgebiet geschrieben, in dem es mal nicht pathetisch und schönfärberisch zugeht. Berke hat in seinem Reiseführer "Smartbook - Ruhrgebiet für Fortgeschrittene" ein waches Auge für Ecken, Kanten und Skurilitäten der Region.

Ruhrgebiets-Enthusiasten sind manchmal schwer erträglich. Vor allem wenn sie sich in schreibender Absicht an den Computer setzen, wird’s schnell kritiklos, pathetisch und schönfärberisch. Wir lesen dann viel über herzensgute Menschen, die immer zusammenhalten, über böse Mächte in Düsseldorf, die das arme Revier knechten, und über die schier umwerfende Schönheit rostenden Stahls. Der Sound solcher Elogen ähnelt Prospekten des Regionalverbands. Sie sollen Selbstbewusstsein demonstrieren, strahlen in ihrer dröhnenden Übertreibung aber glatte Gegenteil aus.

Auch Wolfgang Berke ist ein Ruhrgebiets-Enthusiast, aber keiner von der dumpfen Sorte. Er hat ein waches Auge für die Ecken und Kanten und Skurilitäten, an denen ja gerade die Städte des Ruhrgebiets so reich sind. Das hat er jetzt mit einem kleinen Buch bewiesen, das im Klartext-Verlag erschienen ist: „Smartbook - Ruhrgebiet für Fortgeschrittene“ (190 Seiten, 14,95 Euro).

Missratene Denkmäler

Hier ist endlich mal ein Reiseführer der etwas anderen Art entstanden. Zwar führt uns auch Berke zu ein paar altbekannten Top-Acts wie der Villa Hügel , der Lichtburg und den üblichen Halden-Aussichten. Mehr angetan ist er aber von stillen Attraktionen, von Fehlplanungen, verkannten Orten, verrückten Taten. Ausgemachter Schwachsinn wie der „Platz des europäischen Versprechens“ in Bochum, die „Parkautobahn“ A 42 oder die Textbrücken an der A40 („Rahn müsste schießen...“) heißt in diesem Buch genau so.

Berke stößt sich auch erfreulich kräftig am missratenen Denkmal für Kardinal Hengsbach in der Essener Innenstadt. Überfällig und schön auch zu lesen, wie der Autor aus dem aufgeblasenen Wortgeklingel der Landschaftsarchitekten und ihrer Nachbeter in Regionalverbänden und Verwaltungen die Luft rauslässt und etwa einen „Gleispark Frintrop“ wieder etwas erdet.

Auf krummen Touren durch Essen und das Ruhrgebiet

Der Mann hat sich zudem eine fast kindliche Freude am Entdecken erhalten. Die überwucherte Lokomotiven-Teststrecke von Krupp nördlich des M1-Geländes hat er wiederentdeckt, den Lok-Schuppen will er erahnt haben. Und er kann noch traurig sein darüber, dass das große Schmiede-Relief von Krupp an der Hausackerstraße in Holsterhausen eines Tages einfach weg war, weil das Haus neu gedämmt wurde. Ein frühes Opfer der Energiewende...

Ruhrgebiet - In Echt

Das sind nur ein paar Beispiele dafür, wie Berke auf krummen Touren durch Essen und das Ruhrgebiet mäandert. Der wahre Stadt- und Regionalpatriot hat ja zu den Gegenständen seiner Betrachtung ein eher zwiespältiges Verhältnis. Zwar liebt er inbrünstig, aber dann findet er eben auch wieder unendlich viel, worüber man nur den Kopf schütteln kann, was dann wiederum - in einem höheren Sinn - schon wieder liebenswert ist, irgendwie.

Der bekennende Wanne-Eickeler, der tatkräftig mithilft diesem heutigen Herner Stadtteil seine Identität zu erhalten, hat das alles in eine lockere Sprache gefasst, die ohne das schwüle Ruhrgebiets-Pathos auskommt. Fazit: Diesem Reiseführer folgen hoffentlich weitere. Denn das Ruhrgebiet bietet unendlich viele Chancen, Dinge gegen den Strich zu bürsten. Und nötig ist es auch.

 

Frank Stenglein


Kommentare
02.08.2012
17:46
Ein Ruhrgebiets-Reiseführer, der erzählt, was andere verschweigen
von schriftsetzer | #1

Das Hengsbach-Denkmal in einem Buch als missraten zu bezeichnen, finde ich schon etwas gewagt. Oder ist das ihre eigene Meinung, Herr Stenglein?

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