Ein Ostern in Frieden

Familie Baschir ist aus dem Irak geflüchtet. Sie hofft, in Essen nun ein neues Zuhause zu finden.
Familie Baschir ist aus dem Irak geflüchtet. Sie hofft, in Essen nun ein neues Zuhause zu finden.
Foto: Essen
Was wir bereits wissen
Für Familie Baschir ist dieses Osterfest ein besonderes. Nach Monaten auf der Flucht ist sie nun in Sicherheit. Wie die gläubigen Christen aus dem Irak dieses Jahr Ostern feiern und was sie vermissen.

Essen..  Arthr muss kurz überlegen, dann fällt es ihm wieder ein: „Ich habe ein Fahrrad geschenkt bekommen“, sagt der Neunjährige und lächelt bis die kleine Lücke zwischen seinen Schneidezähnen hervorblitzt.

Es ist jetzt ein Jahr vergangen, seit der Junge sich zum ersten Mal auf den Sattel seines Fahrrades setzte. Es war an Ostern. In Karakosch - einer Stadt im Irak, die er damals noch sein Zuhause nannte. Für den Jungen fühlt sich dieses Land aber längst nicht mehr nach seinem Zuhause an. So ohne Sicherheit, ohne Geborgenheit. Das Fahrrad - begraben unter Trümmern, irgendwo in Karakosch - ist heute nicht mehr als eine Erinnerung an vergangene Ostern.

Weit weg von der Heimat

Das diesjährige Fest verbringt Arthr mit Mama, Papa, Oma, Opa und den zwei kleineren Geschwistern mehr als 4.000 Kilometer entfernt von seiner Geburtsstadt Karakosch – in einem Asylbewerberheim in Essen, das jetzt vorerst sein neues Zuhause ist. Familie Baschir, die in Wirklichkeit anders heißt, gehört wie fast alle Bürger in Karakosch dem syrisch-katholischen Glauben an.

Als im August 2014 die Terrormiliz „Islamischer Staat“ in ihre Heimatstadt eindringt, müssen sich die Baschirs entscheiden: entweder zum Islam konvertieren, ein Kopfgeld zahlen oder die Stadt verlassen. Sie entscheiden sich für Letzteres und verbringen damit Monate auf der Flucht. Für sie ist aber klar: Sie wollen nach Deutschland. Drei seiner Brüder seien bereits hier, erzählt Thaddeus Baschir (36), der im Irak als Sportlehrer gearbeitet hat. „Wir hoffen hier auf eine Zukunft. Es herrscht Gerechtigkeit und es gibt ein gutes Gesundheitssystem.“

Die örtliche syrisch-katholische Gemeinde erleichtert der Familie die Ankunft in Essen. Talal Eshaq, der auch aus Karakosch stammt und schon länger in Deutschland ist, übersetzt nicht nur für die Familie, sondern nimmt sie auch zu den Gottesdiensten in der Franziskanergemeinde Heilig Kreuz in Huttrop mit. Die Familie wird zudem von der Caritas-Flüchtlingshilfe unterstützt.

Erinnerungen ans Fest

Jetzt an Ostern kommt bei der Familie nichtsdestotrotz ein bisschen Wehmut auf. Wenn Hanna (30) von den Feierlichkeiten in Karakosch berichtet, dann macht sie das mit ausladenden Bewegungen oder aber sie schaut träumerisch zu ihrem kleinen Sohn herüber. „Das ist ein Fest der Liebe. Da vergisst man alle Konflikte“, sagt sie und streichelt dem Jüngsten über den Kopf.

Ostern 2014. Da war alles noch ganz anders: „ Wir haben damals alle nicht daran gedacht, dass wir einmal aus unserer Stadt flüchten müssen“, sagt Vater Thaddeus. Von Gründonnerstag bis Ostermontag betete, feierte und beschenkte sich die Familie über mehrere Tage. Schon nach Palmsonntag begannen die Vorbereitungen. „Wir haben zusammen Plätzchen mit Walnuss und Datteln gebacken“, erzählt Hanna.

Traditionell gibt es am Gründonnerstag einen Gottesdienst, in dem der Priester zwölf Kindern die Füße wäscht. So wie es Jesus auch bei seinen Jüngern getan hat.

Karfreitag wird dann in Gebeten der Kreuzigung Jesu gedacht. Den Höhepunkt der Feierlichkeiten bildet der Ostersamstag. „Morgens haben wir Ostereier gefärbt. Das machen wir immer so“, sagt Mutter Hanna. Der Abend ist meist besonders lang. So war es auch im vergangenen Jahr. „Wir haben bis drei Uhr getanzt und gefeiert.“ Ungewöhnlich ist nur: Nach dem Gottesdienst geht es nicht direkt nach Hause. Eine Stunde lang tanzen die Gläubigen zusammen auf dem Kirchplatz. Mit Weinblättern, viel Reis, Mangold und Teigtaschen mit Fleisch und Zwiebeln genossen die Baschirs dann das Ende der Fastenzeit. Mama Hanna hatte sich ihre neuen Sandalen, eine moderne Jeans und eine bunte Bluse angezogen. „Die ganze Familie bekommt an diesem Tag neue Kleidung. Und die Kinder natürlich auch Spielzeug“, sagt die 30-Jährige. Für Arthr gab es das Fahrrad, für Marta eine Barbie und für Tamas ein Spielzeugauto.

Ostern 2015 verbringen die Baschirs nun fern der Heimat. Auf manches müssen sie dieses Mal verzichten. „Wir haben sonst immer 20 bis 30 Grad. Hier ist jetzt sehr windig und kalt“, sagt Vater Thaddeus mit einem Blick aus dem Fenster.

Keine Wallnuss-Plätzchen

Was sie noch vermissen: das Frühstück an Ostersonntag. Da gibt es eigentlich traditionell einen Schafsdarm, gefüllt mit Reis und Fleisch. Auch die Walnuss-Plätzchen müssen in diesem Jahr ausfallen. „Wir haben hier einfach keine Möglichkeit etwas zu backen“, sagt Hanna. Immerhin: Am Gründonnerstag haben sie mit etwa 300 anderen Gläubigen der syrisch-katholischen Gemeinde einen Gottesdienst abgehalten. Ein großes Fest muss es dieses Mal auch gar nicht sein. „Unsere Generation ist mit Krieg aufgewachsen. Jetzt sind wir endlich in Sicherheit und das macht uns glücklich.“ Und vielleicht kann die Familie dann ja das Weihnachtsfest in einem eigenen Heim feiern. Und vielleicht hat der junge Arthr dann auch schon ein neues Fahrrad. Aber was ist schon so ein Rad wert, wenn man ein Leben ohne Angst haben kann?