Ein Meister der Bambusflöte

Die Shakuhachi, traditionelle japanische Bambus-Flöten.
Die Shakuhachi, traditionelle japanische Bambus-Flöten.
Foto: WAZ FotoPool

Essen.. Michael Müller spielt das japanische Instrument so erfolgreich, dass ihm jetzt ein seltener Titel verliehen wird. In seiner Stilrichtung ist er der einzige Europäer mit Lehr-Lizenz.

Gitarre, Schlagzeug, Bambusflöte, so verlief der musikalische Werdegang von Michael Müller. Während er auf dem Saiten- und Schlaginstrument gern Hardrock spielt, erklingen auf der Shakuhachi, der japanischen Bambusflöte, eher windige bis rauschige Töne und ein samtiger Klang, beschreibt der 53-jährige Stoppenberger, der sich darauf erst Volksstücke und Kinderlieder, dann die japanische Kammermusik aus dem 16. Jahrhundert erarbeitet hat.

Fast nur Japaner erlaubt

Michael Müller spielt heute Zen-Musik aus der buddhistischen Tradition und das so gut, dass er an diesem Sonntag den Titel Neu-Meister verliehen bekommt. Allerdings in New York beim Treffen der Großmeister, zu denen fast ausschließlich Japaner gehören. Und nur ganz wenige Musiker aus anderen Ländern wie der Lehrer von Müller, der aus Amerika stammt. Der Stoppenberger wird nun der einzige europäische Meister mit Lehr-Lizenz für diesen Stil sein. An der Verleihung wird er nicht teilnehmen können, was ihn traurig stimmt, aber gleichzeitig erleichtert: Wenn in Anwesenheit so vieler Großmeister sein Name fällt, der zudem um einen japanischen Künstlernamen ergänzt wird, „wäre ich ganz schön aufgeregt.“

Siebeneinhalb Jahre hat Michael Müller geübt, um die Flöte auf diesem hohen Niveau spielen zu können. Seine Liebe zu Asien existiert bereits viel länger. Er war 15, als ein Pater ihn in der Pfarrei St. Ignatius in die Zen-Meditation einführte. „Könnte was für mich sein“, spürte Müller schnell, der nun auch seit vielen Jahren die asiatische Kampfkunst Tai Chi ausübt. Die japanische Heilkunst Reiki hingegen nutzt er nur für den Hausgebrauch.

Flötenspielen, um den Alltag zu vergessen

Der Reiki-Raum mit Räucherkerzen-Duft befindet sich im Dachgeschoss. Zum Flöten-Spiel hat die Familie den 53-Jährigen in den Keller verbannt, wo er sein Studio eingerichtet hat. Ein bis zwei Stunden täglich schaltet er dort unten auch vom stressigen Job ab. Der Wirtschaftsinformatiker arbeitet bei der Messe Essen. Als Leiter der Informationstechnik verantwortet er die Netzwerke, die Computer- und die Telefontechnik. „Ich nehme viel Arbeit mit nach Hause“, sagt er. Mit der Musik kann er loslassen. „Das Einssein mit der Flöte und der Musik ist echte Faszination und gleichzeitig Meditation, dann nehme ich nur noch den Ton wahr.“

Bis der erste Ton allerdings erklang, war es ein „oft beschwerlicher Bambuspfad“. Der führte von der ersten Ahorn-Flöte aus dem Internet („Es war grausam“) über die zweite („noch schlimmer“) bis zur 100 Jahre alten und 5000 Dollar teuren Shakuhachi aus Bambus. Dazwischen hätte er fast aufgegeben. Dann brachten ihm seine Frau und seine Schwiegermutter ein Buch vom Wühltisch mit, das den Titel „Ich ging den Weg der Zen-Flöte“ trug. „Ich habe es sofort gelesen und war infiziert“, erinnert er sich.

Ein Weg, der nie zu Ende geht

Nach langer Suche findet er endlich einen Lehrer, Ronnie Nyogetsu Reishin Seldin, mit dem er auch nach Japan zu einem weiteren Großmeister reist, um zu lernen. Erst lernt Michael Müller aber Grifftabelle und japanische Noten. Sein Lehrer schickt ihm Stücke per Internet, die er singt, klatscht und auf Englisch erklärt.

Der Schüler arbeitet sich jahrelang mit viel Selbstdisziplin und Selbstkritik durchs Repertoire und erntet großes Lob von seiner Tochter – und vom Großmeister: „Zu sagen, dass Mike weiter gekommen ist als jeder Student, den ich jemals in Europa hatte, ist natürlich wahr, aber ich glaube, für Mike ist es nur ein Anfang.“ Ob der einmal gar Großmeister wird, das spielt für Michael Müller derzeit aber keine Rolle, sein Ziel: „An den Feinheiten arbeiten und immer weiter lernen.“

„Ich bin mein einziger Kritiker“

Drei Schüler hatte Michael Müller, die er mit Erlaubnis seines Lehrmeisters unterrichtete. Allerdings nicht per Internet, wie er mit seinem Großmeister kommuniziert, sondern bei Treffen in seinem Studio. Nun, da der Stoppenberger selbst Neu-Meister ist, hat er offiziell die Lehr-Lizenz als Shakuhachi-Lehrer, wirbt aber nicht um Schüler. Vielmehr entstehe der Kontakt bei Konzerten, die der 53-Jährige unter anderem beim Japan-Tag in Düsseldorf, bei Vernissagen in Köln oder im Schloss Borbeck spielt. Im April wird er beim meditativen Gottesdienst in der Marktkirche zu hören sein. Und 2013 vielleicht eine CD aufnehmen. Das hat er seit geraumer Zeit vor, sein Problem: „Ich bin mein einziger Kritiker.“ Wer solle ihm sagen, ob die Aufnahmen gut genug seien, um sie zu veröffentlichen.

Ein anderer Wunsch: Michael Müller würde gern für Autisten oder Wachkomapatienten Musik machen. „Vielleicht reagieren sie auf die tiefen Töne“, sagt er und hat Krankenhäuser angeschrieben. Bisher erfolglos.

Kontakt und Infos: www.facebook.com/shakumike. Dort können sich Interessierte auch zu Hörproben weiterklicken.