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Ein Leben ohne eigenes Auto in Essen

19.09.2012 | 12:00 Uhr
Ein Leben ohne eigenes Auto in Essen
Marc Becker und Nicola Voelkel haben zwar einen Stellplatz in der Tiefgarage ihres Hauses, nutzen diesen aber nicht, da sie kein Auto besitzen und mit öffentlichen Verkehrsmittel, dem Fahrrad oder per Carsharing unterwegs sind.Foto: Sebastian Konopka

Essen.  Die Essener Nicola Völckel und Mark Becker leben seit zehn Jahren autolos und sind froh, dass sie sich nicht um Wartung, Tanken, TÜV kümmern müssen. Sie bewegen sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrad oder Carsharing fort.

Eins stellt Mark Becker (39) gleich klar: Er sei weder Auto-Hasser noch ökologischer Missionar. Er habe Hunderttausende Kilometer am Steuer zurückgelegt, bevor er irgendwann merkte, dass er kein Auto brauche. Genauso ging es seiner Frau Nicola Völckel (42), die während des Studiums in Berlin noch einen Wagen hatte – und ihn kaum bewegte: „Irgendwann stieg ich ein und sah, dass die Fußmatte schon verschimmelt war.“

Seit einem Jahrzehnt sind die beiden autolos; was auch mit ihren Wohnorten zusammenhänge: Sie haben in Bonn, Münster, Berlin gelebt, seit 2008 wohnen sie in Essen. Allesamt große Städten mit Bahnanbindung und gutem öffentlichen Nahverkehr; einige auch radtauglich. „Ich komme aus einem 1000-Seelen-Dorf in Rheinland-Pfalz, da war das völlig anders. Da bedeutete ein Auto Selbständigkeit, ohne Führerschein ging es nicht“, sagt Becker. Heute halte er es für das größte Privileg in der Stadt zu wohnen, und zwar mitten in der Stadt.

Carsharing von "Stadtmobil"

Darum hat sich das Ehepaar eine Eigentumswohnung am Fuße des RWE-Turms gekauft, einen Steinwurf von Bahnhof und City entfernt. Beide haben ein Jobticket für den ÖPNV , fahren mit der U-Bahn zu ihren Arbeitsplätzen: Er zur Uni, sie zur Hochschule für Oekonomie und Management (FOM) weiter nördlich gelegen. Den zur Wohnung gehörenden Tiefgaragenplatz haben sie vermietet.

Trotzdem ist es nicht ganz korrekt, dass die beiden kein Auto haben, sie haben sogar eine ganze Fahrzeugflotte: Sie nehmen nämlich beim Carsharing von „Stadtmobil“ teil. Der Grund dafür ist vier Jahre alt und heißt Sam. Als er zur Welt kam, sind sie mit dem Taxi zur Geburtsklinik gefahren. Doch bald mussten sie feststellen, dass Zugfahrten mit Kinderwagen und Reisebett mühselig sein können. Vor allem, wenn man umsteigen muss und es am Zielort an Bussen und Bahnen fehlt. „Wenn wir meine Familie in Süddeutschland besuchen, sind wir mit dem Extragepäck fürs Kind ohne Auto doch eingeschränkt“, sagt Mark Becker.

"Nimm so viel Du tragen kannst"

Andererseits empfanden sie es als Luxus, ohne Auto zu leben. „Keine Parkplatzsuche, keine Reparaturen, Wartung, Autowäsche, TÜV. Weniger Kosten. Die Hürde, ein Auto anzuschaffen, war riesengroß“, sagt Nicola Völckel. Carsharing war für sie die richtige Lösung: Sie können drei Stadtmobil -Stationen locker zu Fuß erreichen und zahlen als Jobticket-Inhaber nur 36 bzw. 12 Euro (Partner-Tarif) Jahresgebühr. Dazu fallen – je nach Fahrzeugtyp verschiedene – Gebühren an, wenn sie ein Auto leihen.

Das gönnen sie sich für fünf bis sechs kleinere Fahrten im Monat: Mal fahren sie im Auto zu einem Konzert in Düsseldorf und bringen danach den Babysitter heim, mal nehmen sie sich einen Transporter, um Gartengerät in ihren Schrebergarten zu bringen und Grünabfälle abzutransportieren. Mit dem Opel Combo haben sie sogar ihren Umzug gemacht. Alltägliche Einkäufe erledigen sie ohne Auto: „Wir haben große Rucksäcke und beherzigen die Ameisen-Taktik: Nimm nur so viel, wie Du tragen kannst.“

Ein robustes "U-Bahn-Kind"

Weil sich dieses Prinzip für den Urlaub auf Amrum weniger eignet, schicken sie schon mal zwei, drei 15-Kilo-Pakete mit Urlaubslektüre und Spielzeug ans Reiseziel. „Mit Koffern, Laufrad und Ikea-Taschen haben wir dann immer noch genug Gepäck im Zug dabei“, sagt Nicola Völckel. Trotzdem empfinde sie Bahnfahren als bequemer. „Wir sind da halt geübt. Ich kenne auch viele Leute, die immer auf die Bahn und ihre Verspätungen schimpfen. Andererseits wundere ich mich, wie viele Menschen sich täglich den Stau auf der A 40 antun.“

Sam habe sich in der Kita schon den Ruf eines robusten „U-Bahn-Kindes“ erworben. „Der wird bei Schnee und Kälte dick eingepackt, während andere Kinder im Winter quasi in Hausschuhen in die Kita chauffiert werden.“ Doch während seine Eltern angesichts steigender Benzinpreise vom Trend zum geteilten Auto sprechen, hätte ihr Sohn nichts gegen einen Familienwagen, „am besten groß und blau“.

Christina Wandt



Kommentare
20.09.2012
11:02
Ein Leben ohne eigenes Auto in Essen
von muemumin | #7

"eine Eigentumswohnung am Fuße des RWE-Turms"
Da frage ich mich doch, wer heutzutage noch in dieser Gegend eine Eigentumswohnung kauft. Diese Gegend, genannt "Südviertel" kommt immer mehr herunter und ist eigentlich nur noch wegen der zentralen Lage als Wohngegend noch einigermaßen attraktiv. Lebensmittel kann man nur in der City oder in Geschäften kaufen, wo man schon wieder öffentliche Verkehrsmittel braucht. Abends muss man bald mit Personenschützer aus dem Haus gehen. Einige höherwertige Häuser sind umgeben von Nachkriegsbauten, die immer unattraktivere Mieterstrukturen bzw Leerstände aufweisen. Dementsprechen ist auch das Publikum, das man abends in Bus und Bahn antrifft. Ohne Auto bleibt dann nur: "my home is my castle"
Ich selber bin seit 2008 ohne Auto und überlege, mir wieder einen Wagen anzuschaffen. Hier in Essen ist der ÖPVN keine Alternative zum Auto, da zu alte Bahnen, schlechte Anschlüsse, unsichere Stationen/Bahnhöfe abends etc.

20.09.2012
03:14
Ein Leben ohne eigenes Auto in Essen
von usedom1218 | #6

Ich hatte jetzt 2 Tage kein Auto - ätzend!!!! Kann ich echt nicht verstehen, wie man ohne Auto gut klar kommt. Ok, vielleicht sollte ich Kranberger trinken - würde mir das Kistenschleppen sparen. Und Einkäufe immer so ein bisschen, statt Großeinkauf 1 x die Woche. Und die ganze Zeitverschwendung im Bus... an der Bushaltestelle wartend... dann wankend, mit Tüten im Bus stehend, weil alle Plätze voll sind... an jeder dritten Laterne anhaltend... schwitzende, stinkende Leute um mich herum ... Hach, da lob ich mir die Parkplatzsuche, sofern ich überhaupt suchen muss. TÜV und Wartungen sind auch nicht ständig und Reparaturen erst recht eher selten. Wenn ich mir die Ticketpreise anschaue und all die Unbequemlichkeiten des Nahverkehrs bedenke, befülle ich lieber freudig meinen Tank, düse mal eben schnell nach IKEA und kaufe irgendwas Sperriges, das in den Kofferraum passt.. nur so zum Spaß - weil ich es kann...

19.09.2012
15:41
Ein Leben ohne eigenes Auto in Essen
von dummmberger | #5

Es ist kein Problem, ohne Auto auszukommen. Man braucht nur 3 Dinge:

- Gute Nerven
- Viel Zeit
- und als wichtigstes gute Freunde mit Auto.

1 Antwort
Ein Leben ohne eigenes Auto in Essen
von Madde | #5-1

Nein, das Wichtigste ist ein Wohnort wo vieles zu Fuß erreichbar ist und die Anbindung der öffentlichen Verkehrsmittel gut ist.
Dh mindestens durchgehend 30 Min Takt, auch früh morgens und spät abends.
Ausserden sollte es eine direkte Linie zwischen Wohnort und Arbeitsplatz geben, denn sobald man den Anschlussbus etc verpassen kann und wieder 30 Min und mehr warten muss ist das ganze einfach nur noch zum kotzen.

19.09.2012
14:22
Ein Leben ohne eigenes Auto in Essen
von franzx | #4

Ich bin kein Autogegner, auch wenn es so klingen mag. Ich fahre sogar wirklich sehr gerne mal mit dem Auto. Aber ich bevorzuge dennoch die urbane, städtische Lebensweise mit Bewegung, frischer Luft, Austausch und vielen Möglichkeiten auf meinen Wegen. Wenn ich die Wege alle mit dem Auto zurücklegen würde, würde ich selber zum Verkehrschaos mit beitragen und mich außerdem wie in einer Kapsel durch das städtische Leben bewegen. Da nehme ich lieber direkt dran teil. Auto fahren kann ich dann noch immer mal wenn ich dazu Lust habe und dann auch lieber durch die schöne Umgebung als mitten durch die engen Städte. Ich sehe es auch nicht ein, dass Diesel verbrannt werden muss, damit ich mich bewege. Naja jeder muss es für sich selbst wissen.

19.09.2012
14:22
Ein Leben ohne eigenes Auto in Essen
von franzx | #3

Es ist schon schlimm wenn die autogerechte Lebensweise der normale Standard sein soll und es als etwas besonderes beschrieben wird, kein Auto zu besitzen. Leider ist es mittlerweile fast überall normal, dass Wege mit dem Auto zurückgelegt werden, die eigentlich zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV getätigt werden könnten. Wenn man schon sieht, wie heutzutage Kinder mit dem dicken SUV zur Grundschule oder in den Kindergarten gebracht werden müssen. Laufen oder Bus fahren geht anscheinend nicht mehr. Gleichzeitig wird sich aber beklagt, dass die Gesellschaft immer unsportlicher wird. Nach der Arbeit wird dann in ein Fitneßstudio gefahren um das auszugleichen. Da fahr ich lieber gleich mit dem Rad und hab alles auf einmal erledigt. Dann wird gejammert, dass die Fußgängerzonen aussterben, gleichzeitig lassen es die Städte aber zu, dass an jeder Ecke Aldis, Lidls etc. entstehen, die man bequem mit dem Auto erreichen kann...

19.09.2012
14:16
Ein Leben ohne eigenes Auto in Essen
von qmich | #2

Carsharing, tolle Sache wenn es bezahlbar wäre und ähnlich viele Stationen hätte wie das Metropolrad.
Aber was bringt mir ein Leben nur mit Bus und Bahn wenn ich nicht zu der Zeit wann ICH möchte dahin komme wo ICH möchte. So macht man sich nur von den Öffentlichen abhängig und in einem Winter wie vor 2 Jahren käme man tagelang garnicht mehr vom Fleck.
Die Lösung kann also nur lauten Bus und Bahn als Ergänzung zum Auto zu betrachten. Trotzdem müssten mehr Park & Ride Parkplätze gebaut werden! In einer Metropolregion wie dem Ruhrgebiet ist das Netz des ÖPNV leider nicht gut ausgebaut und spätestens an der nächsten Stadtgrenze habe ich nach 24 Uhr ein Problem weiter zu kommen. In Städten wie Berlin, Hamburg oder München fahren innerstädtisch die meisten Linien rund um die Uhr. So etwas gibt es Ruhrgebiet leider nicht wenn man etwas abseits der Innenstadt wohnt.

19.09.2012
13:33
„Kein Auto zu haben, ist ein Luxus“
von Dr.Akula | #1

Ist schon erstaunlich das uns, ausgerechnet jetzt wo es weiter bergab geht mit dem Carsharing System, weisgemacht werden soll wie toll es doch ohne Auto ist. Ich persönlich möchte nicht MITTEN in der Stadt wohnen, wo man nach Einbruch der Dunkelheit nicht vor die Türe gehen kann ohne überfallen zu werden. Oder wie Ameisen bepackt ständig daran denken zu müssen was ich vielleicht noch schleppen könnte um einmal weniger zu laufen.

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