Ein Leben gegen die Stoppuhr

Ein paar Jahre sind ins Land gezogen, doch der entschlossene Blick ist geblieben: Edgar Krüger bei einem Wettkampf im Grugastadion vor 40 Jahren und heute.
Ein paar Jahre sind ins Land gezogen, doch der entschlossene Blick ist geblieben: Edgar Krüger bei einem Wettkampf im Grugastadion vor 40 Jahren und heute.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Bei zahllosen Wettkämpfen ist Edgar Krüger auch den Schnellsten davongelaufen. Heute feiert der renommierte Sportler und Polizeihauptkommissar im Ruhestand seinen 70. Geburtstag

Essen.. In Erinnerungen versunken blättert Edgar Krüger in einem dicken Ordner herum, in dem er zahllose Zeitungsartikel über ihn fein säuberlich in Klarsichtfolien abgeheftet hat. „Krüger wieder der Schnellste“ und „Krüger zieht an allen vorbei“ lauten die begeisterten Schlagzeilen aus den 60er-Jahren, als der frühere Polizeihauptkommissar als Läufer bei internationalen Wettkämpfen einen Triumph nach dem anderen einfuhr. Noch heute hat in der Essener Leichtathletik noch niemand seine Sprintzeiten geschlagen. So schrieb er 1967 im Grugastadion Sportgeschichte, als er die 100 Meter in 10,3 Sekunden lief. Seine Bestzeit – diese ist bis heute unerreicht. Die Artikel sind Zeugnisse eines bewegten Lebens, das der Pensionär nun etwas ruhiger angehen lässt. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag.

„Eigentlich habe ich kein Problem mit dem Älterwerden, aber der 70. ist schon eine Zäsur“, sagt er und witzelt: „Wenn früher ein 45-Jähriger eine Bank überfallen hat, habe ich mich immer gefragt, wie ein alter Opa auf so eine Idee kommen kann. Ich glaube, da muss man nichts mehr hinzufügen.“ So macht er um die Zahl keinen großen Tamtam, auch eine Party wird es nicht geben, dafür eine kleine Familienfeier bei Tochter Nicole in Worms.

Mutter war Leistungsschwimmerin

Das sportliche Talent lag bei Krüger in der Familie, seine Mutter war zu Lebzeiten eine bekannte Leistungsschwimmerin. Auch er hatte sich zunächst fürs Schwimmen entschieden, doch der Vollblutsportler merkte schnell, dass das Wasser doch nicht sein Element war. Seine Leidenschaft galt dem Laufen. „Meine Mutter hat diese Entscheidung ein wenig bedauert. Aber immer, wenn ich Wasser gesehen habe, bin ich rückwärts gegangen.“

Im brandenburgischen Neuruppin geboren, flüchtete seine Familie 1949 aus der sowjetischen Besatzungszone und wohnte zunächst in Unna und Hamm. 1955 führte die Krügers ihr Weg nach Essen-Bergerhausen, wo Edgar Krüger die Realschule besuchte. Fotos zeigen einen zarten, eher schmächtigen Jungen, dem man nicht auf den ersten Blick eine spätere Karriere im Polizeidienst und im Spitzensport zugetraut hätte. Dies spürte der Teenager wohl manchmal, doch war es ihm auch ein Ansporn. Sein sportliches Ausnahmetalent fiel erstmals bei einer Schulstaffel auf. Bei seinem Abschluss dann stand sein Berufswunsch fest: Polizist. „Die körperlichen Anforderungen waren im Polizeiberuf früher deutlich höher als heute“, sagt Krüger, wobei auch leise Kritik mitschwingt. Brillenträger, Spreizfüße, Plattfüße – mit jeglicher körperlichen Beeinträchtigung sei man damals im Auswahlverfahren bei der Polizei durchs Raster gefallen. Eine harte Auslese, die für Krüger aber ihre Berechtigung hatte: „Heute drücken die Polizeischüler ein paar Semester die Schulbank und dürfen sich dann Kommissar nennen. Der Weg dahin war früher deutlich länger und die körperliche Fitness spielte eine viel größere Rolle.“ Diese fehle dem Nachwuchs heute oft.

Verpasste Chance auf Olympia

Im Polizeisportverein, dessen Hauptsportwart er heute noch ist, boten sich ihm vielfältige Möglichkeiten, sich in vielen Disziplinen auszuprobieren, der Stolz auf seinen Verein ist Krüger deutlich anzumerken: „Wir sind über 2500 Mitglieder und wir haben die besten Schwimmer Deutschlands hervorgebracht.“ Ihm fiel der Erfolg in jungen Jahren weitestgehend zu, wie er selbst anmerkt: „Ich habe damals nicht viel trainieren müssen, das habe ich wohl auch einem gewissen Talent zu verdanken.“

Und eben dieses führte ihn 1970 bis nach Zürich, wo er sich mit seinem Sprint für die Olympischen Spiele in München qualifizierte: 10.6 Sekunden auf 100 Meter. Doch kurz bevor der große Tag da war, hatte das Schicksal andere Pläne mit Edgar Krüger: Ein Muskelfaserriss vereitelte seine Olympia-Teilnahme. „Das war schon bitter“, sagt er rückblickend. Dafür erklomm er in den folgenden Jahren behänd die polizeiliche Karriereleiter: 1975 Kommissar, 1977 Oberkommissar, 1982 Hauptkommissar. Noch heute hält er guten Kontakt zu den Kollegen von der Polizei Essen und spielt regelmäßig Tennis, um fit zu bleiben. Seine Sprintzeit hat er schon lange nicht mehr messen lassen – er muss sich nichts mehr beweisen.