Ein Kandidat und ein Oberbürgermeister auf Abruf

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Was wir bereits wissen
Thomas Kufen als OB-Kandidat - die CDU hat das erwartbare getan, aber Streit vermieden. Der SPD steht hingegen eine ungemütliche Zeit bevor. Seit der Generalkritik an Reinhard Paß erhält dieser mehr Sympathien als je zuvor und kämpft recht geschickt um seine erneute Nominierung.

Die CDU-Führung hat sich verständigt, und das Ergebnis ist keine Überraschung: Thomas Kufen wird im September 2015 als Kandidat für die Wahl zum Oberbürgermeister antreten. Der 41-Jährige ist kein Charismatiker, gehört nicht zu jenen, die einen Raum allein durch ihre Anwesenheit füllen. Kufen ist ein taktisch versierter, mit allen Wassern gewaschener Pragmatiker, der in den letzten Jahren an der Spitze der CDU-Fraktion aus einer eigentlich verfahrenen Ausgangssituation ziemlich viel gemacht hat.

Wenn man sagt, jemand sei sehr „beweglich“ im Sinne von extrem kompromissbereit, dann ist das oft nicht schmeichelhaft gemeint. Für einen Politiker ist diese Neigung in einer politisch so komplizierten Stadt wie Essen aber durchaus nützlich. Manche in der CDU hätten es gerne etwas prinzipienfester und ideologischer, das allerdings ist nicht Kufens Ding. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hat es der Borbecker geschafft, zum führenden Kopf seiner Partei zu werden. Insofern ist seine - noch inoffizielle - Kür folgerichtig.

Sicherlich wäre es auch reizvoll gewesen, es mal mit einem unabhängigen Kandidaten - oder einer Kandidatin - mit Strahlkraft über das Parteimilieu hinaus zu versuchen. Es passt zur risikoscheuen Essener CDU, dass solche Überlegungen zwar existierten, aber man nie ernsthaft auf mögliche Persönlichkeiten zugegangen ist. Letztlich blieb es dann bei „Nummer sicher“.

Immerhin: Die CDU hat einen Kandidaten, während die SPD „ihren“ amtierenden OB auf Abruf gestellt hat. Ich kann mich nicht erinnern, dass Reinhard Paß in den letzten fünf Jahren jemals soviel Sympathien zuflogen wie seit der Generalkritik durch die designierte neue Parteivorsitzende. Paß nutzt das geschickt, indem er dosiert Selbstkritik übt und so auf seine SPD zugeht, andererseits die Überparteilichkeit des Amtes betont und sich mit den Bürgern zu verbünden sucht.

Gut möglich, dass die SPD ihm trotzdem die erneute Kandidatur verweigert. Dies birgt aber unkalkulierbare Risiken für die innerparteiliche Stimmung und für den möglichen Ersatzkandidaten. Parteien, in denen gestritten wird, wirken nicht attraktiv. Die SPD hat sich in eine Duell-Situation hineinmanövriert, die ohne Gesichtsverlust kaum zu meistern ist.

Über Wahlchancen zu spekulieren, wäre zu früh, schon weil es in der ersten und gleichzeitig letzten reinen OB-Wahl sehr auf die Persönlichkeiten ankommen wird - und die eben noch nicht feststehen. Klar ist nur: Essen ist keine SPD-Stadt mehr, aber sicherlich auch keine CDU-Stadt. Die Ratswahl zeigte, dass die Blöcke in etwa gleich stark sind. Es könnte also spannend werden.