Durchbruch im Verhandlungs-Poker - Die polnischen Bauarbeiter in Essen halten endlich ihr Geld in Händen

Zehn Tage haben polnische Bauarbeiter kämpfen müssen, bis sie ihren Lohn bekamen.
Zehn Tage haben polnische Bauarbeiter kämpfen müssen, bis sie ihren Lohn bekamen.
Foto: Tietz
Was wir bereits wissen
Es war ein zäher Verhandlungsmarathon, doch er hat ein glückliches Ende: Die polnischen Bauarbeiter, die mittellos in Essen gestrandet waren, haben ihren Lohn jetzt in der Tasche. Am Montag bekamen sie das Geld ausgezahlt. Bar auf den Tisch.

Essen.. Endlich gibt es eine Lösung: Die 50 polnischen Bauarbeiter, die seit Anfang August für ihre Entlohnung kämpfen, haben ihr Geld in der Tasche.

„Serdecznie dziękuję!“ Das ist Polnisch für „Vielen Dank!“, und es war der häufigste Satz am Montagnachmittag im Gewerkschaftshaus an der Teichstraße: Die 50 polnischen Bauarbeiter, für die die Industriegewerkschaft Bau zehn Tage lang um deren Lohn gekämpft hatte, bekamen ihr Geld bar ausgezahlt. Gewerkschaftssekretär Holger Vermeer war - wie die Arbeiter selbst - erleichtert, aber auch erschöpft: „Wir sind einfach nur sau-froh.“

Von einer polnischen Firma angeworben, hatten die 52 Bauarbeiter am 3. Juli auf dem Gelände des Uniklinikums mit Abbrucharbeiten in der Psychiatrie begonnen. Im Auftrag des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) wird das Gebäude in den nächsten Jahren für rund 23 Millionen Euro umgebaut und modernisiert. Im Vertrag vereinbart war eine monatliche Bezahlung. Mündlich hatte der Geschäftsführer des Nürnberger Generalunternehmers dagegen wöchentliche Auszahlungen versprochen. „Absolut üblich am Bau“, sagt der Gewerkschaftssekretär. „Schließlich müssen die Jungs hier Miete zahlen und Essen kaufen.“

Der Unternehmer drehte den Geldhahn zu

Die erste Zahlung, 150 Euro, kam wie zugesagt nach einer Woche. Doch danach blieben die Zahlungen aus. Der Unternehmer ließ seine Männer hängen und drehte den Geldhahn zu. Als die Bauarbeiter letzte Woche in wachsender Verzweiflung ihr Geld einfordern wollten, eskalierte der Konflikt. Das Unternehmen verwies die Männer der Baustelle und zahlte nicht.

Für die Männer und ihre Interessenvertreter von der IG Bau begann ein Verhandlungsmarathon, der begleitet wurde von Demonstrationen. Immer wieder gingen die polnischen Bauarbeiter auf die Straße, um auf ihre Notlage hinzuweisen.

Zusätzliche Sorge bereitete den Arbeitern die Suche nach einem Dach über dem Kopf. Just an dem Tag, an dem die Bauarbeiter mit einer Kundgebung am Klinikum auf ihre Notlage aufmerksam machten, kündigte die Vermieterin die Ferienwohnungen in Gelsenkirchen, in denen sie bislang gewohnt hatten. Es habe Beschwerden der Nachbarn über Lärm und Müll gegeben, heißt die Begründung. Recherchen der IG Bau ergaben: Ein Vertreter des Generalunternehmers hatte der Vermieterin am Vorabend mitgeteilt, die Bauarbeiter würden nicht in der Lage sein, die Miete zu zahlen.

Die Bauarbeiter waren in Essen gestrandet

Die Bauarbeiter waren in Essen gestrandet, nachdem sie von ihrem Dienstherren von der Baustelle verwiesen wurden, weil sie ihre Bezahlung einforderten. Ihre finanziellen Reserven waren nach der Zeit ohne Bezahlung aufgebraucht.Zwischenzeitlich mussten sie in einer Notschlafstelle für Obdachlose übernachten. Sie hatten kein Geld für Nahrung - und erst recht nicht für Benzin, um die Heimreise anzutreten. Privatspenden - eine amerikanische Touristin übergab beim Anblick der Proteste spontan 500 Euro - und die Unterstützung durch die Gewerkschaft IG Bau halfen ihnen dabei, über die Runden zu kommen.

Während die Gewerkschaft schon sehr ernsthaft über ein provisorisches Lager im Gewerkschaftshaus nachdachte, schaltete sich der Bauherr ein. Der Landschaftsverband verschaffte den Bauarbeitern Platz in der Turnhalle einer von ihm betriebenen Förderschule im Westviertel und half aus mit Essensgutscheinen und Lebensmitteln. Gewerkschafter schmierten ehrenamtlich Berge von belegten Brötchen, das Deutsche Rote Kreuz lieferte Feldbetten und Decken.

Wie schließlich auf die zähen Verhandlungen der Durchbruch folgte

Parallel dazu liefen fast pausenlos Verhandlungen mit dem Nürnberger Unternehmer, die LVR-Sprecherin Katharina Landorff zurückhaltend als „zäh“ beschreibt. Ende letzter Woche schien die Situation festgefahren.

Am späten Freitagabend dann doch der Durchbruch. Endlich, sagt die LVR-Sprecherin. Endlich, sagt auch der Gewerkschaftssekretär. Das Unternehmen trat die Ansprüche für die Lohnzahlungen gegenüber dem Auftraggeber an die Gewerkschaft ab. Damit war der Weg für die Auszahlung frei. „Der LVR hat hat per Blitzüberweisung die ausgehandelte Summe von 73 000 Euro auf ein treuhänderisches Gewerkschaftskonto überwiesen“, meldete Katharina Landorff am Montagvormittag. Die Gewerkschafter Claudia Schmidt und Holger Vermeer hatten einen unterhaltsamen Arbeitstag, diese Überweisung zu Bargeld zu machen. Um 16.45 Uhr können sie den Wartenden verkünden: „Es hat sich vielleicht rumgesprochen, dass wir das Geld bekommen haben.“

Bargeld wird auf den Tisch gezählt

Während Claudia Schmidt den Bauarbeitern aus der Geldkassette Bargeld auf den Tisch zählt, löst sich die Spannung bei Arbeitern und Gewerkschaften. Vermeer denkt noch kurz an die Arbeiter, die aufgegeben haben und nach Polen zurück gekehrt sind: „Die Kollegen bekommen das Geld überwiesen.“ Die Bauarbeiter planen schon die Heimfahrt. Ob sie noch einmal zurück kommen? „Jaz nie“, sagt einer. Bestimmt nicht. (ks/tap)