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Mobbing

„Du hast keine Freunde, du bist ganz alleine“

31.01.2016 | 11:05 Uhr
„Du hast keine Freunde, du bist ganz alleine“

Essen.   Eine Jugendliche wurde von ihren Mitschülern an einer Waldorfschule jahrelang gemobbt. Die Mutter erlebte die Lehrer als ratlos. Eine Leidensgeschichte, die auch Auswege aufzeigen soll.

An ihre Grundschuljahre in der Freien Waldorfschule in Essen-Stadtwald erinnert sich Mia Behrens (Namen geändert) gern. „Wir hatten da eine schöne Kindheit“, sagt die 18-Jährige. Wenn es schneite, rief die Lehrerin morgens an: „Lass’ den Tornister daheim, bring’ einen Schlitten mit.“ Das Alphabet hatte Zeit bis morgen. Im Klassenraum lagen Sitzkissen, die sie beim Rechnen stapelten: Von dem Kissenberg sprangen die Schüler in die Arme ihrer Lehrerin.

Liebevoll sei die Schule damals gewesen, sagt Sophie Behrens, und ihre Tochter fühlte sich behütet. Im vergangenen August aber hat Mia die Schule verlassen; denn als sie von Mitschülerinnen drangsaliert, beleidigt, gedemütigt wurde, fehlte die schützende Hand ihrer Lehrer: Im Sommer 2014 wurde Mia auf ihrem Handy mit Voicemails bombardiert, also mit Sprachnachrichten wie dieser: „Alter, wie kann man nur so behindert sein wie du. Du bist die größte Hure, die ich kenne. Ich hasse dich über alles. Ich würde dich am liebsten abstechen. . . wenn ich dich noch mal sehe, werde ich dir wieder eine knallen. . . Du hast keine Freunde, du hast niemanden, du bist ganz allein.“ Die namentlich bekannte Absenderin schickte diese Nachricht an die ganze Klassengruppe, Mia war geächtet.

Wer Mia verteidigte, wurde bedroht

Jugendpsychologie
Mobbing ist Gewalt: „Kein Kind kommt da alleine raus“

Mobbing geht von Gruppen aus und grenzt einzelne Gleichaltrige aus. Die Opfer selbst können sich kaum wehren. Erwachsene müssen eingreifen,-

Auslöser war ein belangloser Streit der 16-jährigen Mia mit dieser Mitschülerin: Am letzten Schultag vor den Sommerferien gerieten sie bei einer Feier am Baldeneysee aneinander. Am Ende ohrfeigte die Mitschülerin Mia, trat ihr mit Wucht auf den Fuß. Am Folgetag schrieb Mia eine Textnachricht: Sie sei im Krankenhaus gewesen, ihr Zeh sei gebrochen. „Boah, da muss man nicht so übertreiben, das ist bloß ein kleiner Knacks“, kam zurück. Bald wurde der Ton derber, es kamen sexuelle Verleumdungen hinzu. Wer Mia verteidigte, wurde bedroht: „Misch’ Dich nicht ein, sonst kassierst Du auch was. . .also halt die Fresse.“ Am Ende meldeten sich sogar unbekannte Männer bei Mia: „Willst Du mal wieder gef. . . werden?“

In zwei Tagen bekam Mia fast 50 solcher Nachrichten: sicht- und hörbar für die ganze Klasse. Es waren Ferien, und Mia erlebte den Weltuntergang. Ihre Mutter wandte sich an eine Beratungsstelle, die ihr riet, die Schule einzuschalten: Dies sei kein alterstypischer Konflikt, sondern Mobbing. Die Gewalt habe sich in der Klasse offenbar ungebremst entfalten können, weil niemand den Täterinnen Grenzen gesetzt habe.

Die Expertin hatte Mia Jahre nämlich schon zuvor in ähnlicher Lage beraten; die Peinigerinnen waren dieselben: Mädchen, mit denen Mia schon als Grundschulkind vom Kissenberg gesprungen war.

„,Ständig rief jemand bei uns an: ,Was kostest Du?’“

In der Waldorfschule bleiben die Klassen vom 1. bis zum 12. Schuljahr zusammen: Denn für „ein angemessenes In-sich-selbst- und In-die-Welt-Wachsen junger Menschen“ spiele „die Kontinuität einer Klassengemeinschaft eine große Rolle“. In Mias Klasse erlebte sie die Kehrseite dieser Waldorf-Philosophie: Spätestens seit der Unterstufe gaben einige wenige Mädchen den Ton an: „Viele schauten zu denen hoch, fanden sie cool und anziehend – auch weil sie so eine Macht hatten.“ Lange sei es ihr nicht anders gegangen, sagt Mia.

Dabei wurde sie von den coolen Mädchen früh schikaniert und in Misskredit gebracht: Als sie zwölf, 13 war, kursierten Gerüchte, sie stehle, gehöre einer Bande an; immer wieder hängte man dem hübschen, zarten Mädchen an, es sei leicht zu haben: „Jungs aus höheren Klassen fragten anzüglich, ob ich zu ihren Partys kommen wolle. Ständig rief jemand bei uns an: ,Was kostest Du?’“ Als sie sich an die erwähnte Beraterin wandte, tuschelte man, sie sei wegen Sexsucht in Behandlung. „Da war ich 14.“

Solche Nachrichten gingen auch an die ganze Klassengruppe. Foto: Ulrich von Born/FUNKE Foto Services

Ihre Lehrer erlebte sie als wenig hilfreich; so fragte einer sie nach einer qualvollen Klassenfahrt: „Wieso sagen die anderen denn Schlampe zu Dir?“ Sophie Behrens vermittelten die Pädagogen den Eindruck, „ich sei eine Problemmutter“.

Einen Schulwechsel verwarf die Familie damals, weil es für Waldorfschüler schwierig ist, an Regelschulen Anschluss an den Stoff zu finden. Und in Klasse neun entspannte sich die Lage: Mia stellte sich mit den tonangebenden Mädchen gut, merkte allerdings: „Jetzt richten sie die Lästereien gegen andere.“ Sie sei sich nicht treu gewesen, aber froh, aus der Schusslinie zu sein. Bis zu jenem Juli-Tag 2014, als ihre vermeintlichen Freundinnen ihr erst den Zeh brachen, dann den Krieg erklärten.

Lehrerinnen: „Das schaffen wir nicht allein“

Diesmal hoffte Sophie Behrens auf tatkräftigere Hilfe der Schule: Nach den Ferien legte sie den Klassenbetreuerinnen die Abschrift der fast 50 Droh-Nachrichten vor, ein Protokoll über frühere Vorfälle fügte sie an. Die Lehrerinnen reagieren nun alarmiert; eine sieht sich überfordert: „Das schaffen wir nicht allein.“ Sophie Behrens stimmt zu, sich erst Rat einzuholen, was zu tun sei: „Um Mia zu schützen, sollte man nichts überstürzt machen.“ Ein Satz, den sie sich Wochen später vorhalten lassen muss, als noch immer nichts passiert ist: „Sie wollten ja nicht, dass wir etwas unternehmen.“

Dabei hätte Sophie Behrens eine Sanktion oder ein Signal an die Täterinnen erwartet – beides blieb aus. Mia wurde weiter beschimpft, Gekicher hob an, wenn sie die Klasse betrat, Mitschüler rückten den Tisch weg. Oft kam Mia weinend nach Hause: „So will ich nicht leben!“

Immer wieder hakte Sophie Behrens nach, was geschehe, um Mia zu helfen. Einmal mailt die alleinerziehende Mutter: „Ich fahre jetzt mit Bauchweh auf Dienstreise.“ Ausgerechnet da bitten die Lehrerinnen Mia zum Gespräch – mit den beiden Mädchen, die ihr am ärgsten zusetzen. Sie habe sich dem schutzlos ausgeliefert gefühlt, sei am Ende in Tränen ausgebrochen, aus dem Raum gelaufen. Ihre Mutter erzählt, sie habe von unterwegs eine Freundin alarmiert, damit die sich um ihre verstörte Tochter kümmere. Nur die Lehrerinnen erinnern sich anders: Die Gesprächsatmosphäre sei gut gewesen, von einem Zusammenbruch Mias nichts zu merken. Dabei sagt die heute: „Es war der schlimmste Tag!“

Bei der Polizei angezeigt: Die erste echte Sanktion zeigt Wirkung

Für Abhilfe sorgte das Gespräch jedenfalls nicht. Letztlich sollte ein einziges, spätes Signal an die Mobberinnen ergehen: Im November 2014 klärte ein Jugendkontaktbeamter der Polizei die Klasse über rechtliche Folgen von Cyber-Mobbing auf. Seine Warnungen blieben allgemein, erzielten aber den Effekt, „dass die Whats-App-Nachrichten u.ä. eingestellt wurden“, wie die Schule betont. Das stimme sogar, sagt Mia.

„Ich wurde nicht mehr so aggressiv gemobbt, aber subtiler und weiter von der ganzen Klasse geschnitten.“ Jede Meldung von Gehässigkeit begleitet – das blieb auch Lehrern nicht verborgen. „Immer wenn Mia sich meldet, umhülle ich sie mit Licht“, verriet etwa eine Pädagogin der Mutter. Die Klassenlehrerin bemühte sich seit August weiter um externe Beratung, im Dezember mailte sie: „Leider mit nicht sehr viel Erfolg.“

Ernüchtert gehen Mia und ihre Mutter im Januar 2015 zur Polizei und zeigen ein Mädchen wegen der Vorfälle im Sommer und der fortgesetzten Beleidigungen an. Die Jugendliche muss auf der Wache erscheinen, ein Buch über Mobbing lesen, wird dazu später befragt. Die erste echte Sanktion zeigt Wirkung: Dieses Mädchen lässt Mia fortan in Ruhe.

Ansonsten will die nur noch bis zur Zentralen Abschlussprüfung (Realschulabschluss) durchhalten. Sie legt sie mit 1,6 ab; dann kündigt ihre Mutter den Schulvertrag mit Hinweis auf Mias Leidensgeschichte – und das Versagen der Schule.

Man bedauere, was Mia geschehen sei, heißt es dort. Doch man habe ja „zeitnah“ gehandelt: Gemeint sind die wenig erfolgreichen Bemühungen der Lehrerinnen sowie der späte Besuch des Polizisten. „Die meisten Vorkommnisse fanden außerhalb statt und entzogen sich dem direkten Einfluss der Schule“, schreibt Waldorf-Geschäftsführerin Petra Ridl-hammer in einer Stellungnahme. Darin heißt es auch, auf dem Schulgelände herrsche ein Handyverbot. Die Realität sieht anders aus: Beim Verlassen des Schulhofs zücken fast alle Schüler die Smartphones.

Seite 2: Freie Waldorfschule Stadtwald möchten sich nicht öffentlich äußern

Seite 3 des Artikels: Privatschulen: Eltern können notfalls zivilrechtliche Schritte einleiten

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2016-01-31 11:05
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