Du darfst Sie zu mir sagen

... im Dschungel der Möglichkeiten, wie man seinen Gegenüber politisch korrekt anspricht. Bei Ikea zumindest werden die Kunden entsprechend der schwedischen Lebensart stilecht geduzt. Im Beratungsgespräch mit dem Mitarbeiter gilt dies aber nicht.
... im Dschungel der Möglichkeiten, wie man seinen Gegenüber politisch korrekt anspricht. Bei Ikea zumindest werden die Kunden entsprechend der schwedischen Lebensart stilecht geduzt. Im Beratungsgespräch mit dem Mitarbeiter gilt dies aber nicht.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Polizei Essen soll die Bürger auf ihrer Facebook-Seite nur noch siezen – und auch in anderen Berufszweigen ist längst nicht mehr so klar, wie man sich den guten Sitten gemäß im Alltag begegnen soll

Essen.. Wenn es um höfliche Gepflogenheiten geht, herrscht im Zeitalter der sozialen Medien offenbar eine gewisse Verunsicherung. Sie oder Du – welche Kommunikationsform gehört am Arbeitsplatz, in der Uni oder in der Begegnung zwischen Polizei und Bürger zum guten Ton, und wo herrscht erhöhte Fettnäpfchen-Gefahr? Letzterer Fall hatte kürzlich für Diskussionen gesorgt, als das NRW-Innenministerium die Order an die Polizei erteilte, die Netzgemeinde auf ihrer Facebook-Seite gefälligst nur noch mit Sie anzusprechen. Dies sorgte für viel Kritik, hatte das informelle Du den Gesetzeshütern doch neue Sympathien eingebracht und – zumindest virtuelle – Bürgernähe vermittelt. Und überhaupt, sind in der anonymen Welt des Internets nicht alle irgendwie per du?

In der Behörde habe man die Regelung relativ gelassen zur Kenntnis genommen, sagt Axel Neubauer, Geschäftsführer der GdP-Kreisgruppe Essen-Mülheim: „Das ist für uns vollkommen in Ordnung. Der Bürger kann von der Polizei jederzeit einen respektvollen Umgang erwarten. Allerdings ist Facebook noch ein recht neues Medium, aus meiner Sicht war das Du dort nicht unbedingt unpassend.“ Wer allerdings etwa bei der Polizei vis-à-vis eine Anzeige erstatte, sei dort schon immer ordnungsgemäß gesiezt worden – Social Media hin oder her.

Du wird in der Werbung oft benutzt

Auch in der Werbung wird das Du in der Kundenansprache oft benutzt, um eine persönliche Beziehung zur Zielgruppe herzustellen und um jung und locker zu wirken. Das schwedische Einrichtungshaus Ikea ist da wohl ein Paradebeispiel, doch wolle man das Du in der Werbekommunikation vor allem erhalten, um die landestypischen Umgangsformen zu wahren, sagt Sprecherin Panagiota Jansen: „In Schweden ist das Duzen ganz normal, die Menschen sprechen sich quer durch alle betrieblichen Hierarchien und Altersgruppen mit Du an. Ausgenommen sind Mitglieder des Königshauses.“ Für alle anderen heißt es im Zweifel: „Hej! Schraub’ dir dein Regal selbst zusammen...“

Auch unter Gewerkschaften will man von kleinlichen Ränkespielen, die über Sie oder Du zum Ausdruck gebracht werden, nichts wissen – unabhängig von Ehrenamt oder Festanstellung sind im Kampf für faire Arbeitsbedingungen jedenfalls bei Verdi alle im Du vereint. Lothar Grüll, Geschäftsführer beim Verdi-Bezirk Essen, ist das auch ganz recht so: „Ich duze meinen Bundesvorsitzenden ebenso wie er mich – und das schon seitdem ich in die Gewerkschaft eingetreten bin. Das gilt für alle Mitglieder, bei uns hat das einfach etwas mit Gemeinsamkeit zu tun.“

Was die Situation in den Unternehmen betrifft, gibt es derweil unterschiedliche Betriebskulturen. Für neue Mitarbeiter ist es mithin eine taktische Gratwanderung, ob man gleich zum Du übergeht, wenn es die gesamte Belegschaft so hält, oder durch das Sie vorerst eine professionelle Distanz aufrechterhält. Doch ist das Siezen im Büro nicht notwendigerweise ein Zeichen von schlechtem Betriebsklima, findet Grüll: „Für den gegenseitigen Respekt ist es sicherlich nicht entscheidend, ob man sich nun siezt oder duzt – ich muss ja auch meinem Chef nicht gleich ein Weihnachtsgeschenk machen, um ein gutes Arbeitsverhältnis zu haben.“

Duzen als Zeichen von Gemeinschaftssinn

Und trotzdem – früher war vieles klarer geregelt, bestätigt Jens Loenhoff, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen: „In den vergangenen Jahrzehnten hat sich da einiges verschoben. In der Universität war es bis in die 50er Jahre hinein zum Beispiel durchaus üblich, seine Kommilitonen zu siezen.“ Die Studentenproteste der 60er trugen einiges dazu bei, die strikten gesellschaftlichen Konventionen aufzuweichen; die aufsässige Jugend duzte ihre Autoritäten gelegentlich bewusst, um zu provozieren und bestehende Machtgefälle ins Wanken zu bringen. Mit Erfolg. Denn heute ist auch an der Uni einiges salonfähig geworden, was früher undenkbar schien – für Loenhoff nicht immer eine Veränderung zum Positiven: „Ich kenne einige Lehrbeauftragte, die sich von ihren Studenten duzen lassen. Wenn der Altersunterschied eher gering ist, kommt das schon mal häufiger vor.“

Doch sei es eben auch diese scheinbare Nähe, die in institutionellen Beziehungen oft für Missverständnisse und Enttäuschungen sorge: „Der Dozent, mit dem ich mal kumpelhaft in der Kneipe ein Bier getrunken habe, muss mir in der Prüfung vielleicht doch eine schlechte Note geben. Der Chef tut sich womöglich schwer, einem Mitarbeiter zu sagen: ‘Du, Peter, ich muss dich entlassen’“, formuliert der Wissenschaftler es überspitzt. Auch sei es ein Mythos, dass andere Länder prinzipiell unverkrampfter mit dem Thema umgingen, weil es keine Siezkultur wie in Deutschland gibt. „In Amerika bleibt der Präsident der Universität ebenso der Präsident einer Universität, wenn er sich von jedem mit ‘John’ ansprechen lässt. Da gibt es andere Möglichkeiten, Statusunterschiede deutlich zu machen.“ Sind wir Deutsche also gar nicht so spießig, wie immer behauptet wird.

Missverständnisse am Arbeitsplatz

Funktionieren könne es mit dem Du am Arbeitsplatz laut Loenhoff aber trotzdem – allerdings unter einer Bedingung: „So lange sich alle Beteiligten über ihre Rolle im Klaren sind und den Respekt vor einander wahren, muss das Du nicht zwangsläufig zu Problemen führen. Es ist natürlich Zeichen für eine gewisse Vertrauensbasis. Am Ende kommt es darauf an, wie ich meine Putzfrau behandle und nicht darauf, ob ich sie sieze oder duze.“

Und in der Schule? Wie reagieren Lehrer pädagogisch korrekt, wenn sie im Unterricht plötzlich keck mit „Ey du, Frau Müller“ adressiert werden? Hier sieht Ilse Führer-Lehner vom NRW Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kaum Raum für Neuerungen: „Man ist in der Schule nicht Gleicher unter Gleichen. Allerdings ist es bei Grundschulkindern relativ normal, wenn sie beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule ihre Lehrer noch duzen“, so die Bildungsreferentin. „Aber später sollten die Rollen klar verteilt sein. Allein damit es durch einen Mangel an Distanz nie wieder zu Missbrauchsfällen kommt, wie es sie etwa an der Odenwaldschule gegeben hat.“

So ist es für die Lehrer an den meisten Gymnasien üblich, die Schüler mit dem Eintritt in die Oberstufe zu siezen – auch wenn man ihnen in der fünften Klasse noch die Schuhe gebunden hat. Alles eine Frage des Respekts.