Die Villa Hügel in Essen - wie sie kaum jemand kennt

Die WAZ führt Besucher durch die sonst verschlossenen Räume in der Villa Hügel.
Die WAZ führt Besucher durch die sonst verschlossenen Räume in der Villa Hügel.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
WAZ-Leser bekamen im Rahmen unserer Sommeraktion eine Führung abseits der üblichen Wege: Es ging hoch ins Belvedere, in den Dienstbotentrakt und in den weitläufigen Keller. 8300 Quadratmeter Wohnfläche zählt das Haus, verteilt auf 269 Räume.

Essen.. Ein Besuch der Villa Hügel ist für Essener sicher Standard, auch eine Führung haben schon viele gemacht. Aber wer durfte schon mal in den Keller steigen, wer das so genannte „Belvedere“ über der oberen Halle betreten oder die Mädchenzimmer von Bertha und Barbara Krupp besichtigen?

Eine Gruppe von WAZ-Lesern bekam jüngst die Gelegenheit, die Villa Hügel so zu sehen, wie es bisher nicht vielen vergönnt war: Abseits der üblichen Pfade ging es in Räume und Etagen, die sonst verschlossen oder besonderen Besuchern vorbehalten sind. Es war, da waren sich alle einig, ein hochinteressantes Erlebnis.

Als Einstieg liefert Manuela Fellner-Feldhaus, Mitarbeiterin des Historischen Archivs Krupp, in der Eingangshalle dennoch erst einmal Basiswissen: 8300 Quadratmeter Wohnfläche zählt das Haus, verteilt auf 269 Räume. Bis zu 640 Bedienstete sorgten in der Spitze dafür, dass der Betrieb innen wie auch im weitläufigen Park funktionierte und das alles in Schuss blieb, wie es vor allem den Frauen der Krupps sehr wichtig war. Die Villa Hügel, das war in ihren Hoch-Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg eine Mischung aus Hofstaat, Wohnmaschine und Unternehmensrepräsentanz.

Über eiserne Wendeltreppen

Fellner-Feldhaus führt die WAZ-Leser über verstecke Aufzüge und enge, eiserne Wendeltreppen zunächst ins Belvedere. Wie die 1873 fertiggestellte Villa Hügel aussah, bevor spätere Generationen sie Anfang des 20. Jahrhunderts mit Unmengen an Holz wohnlich machten, lässt sich hier noch gut erahnen: Es war ein Haus aus Eisen und Stein, kalt und alles andere als gemütlich, wie schon zeitgenössische Beobachter berichteten.

„Alfred Krupp hatte große Angst vor Feuer“, sagt Fellner-Feldhaus, daher die Wahl der Materialien. Große Schächte belegen Krupps Ehrgeiz, das Haus technisch zu belüften, was zu seinen Lebzeiten allerdings nur unzulänglich gelang. Der Blick von hier oben ist in alle Richtungen prächtig, reicht bis zur Villa von Berthold Beitz, der seinerseits einen wunderbaren Blick auf den Hügel genießt.

Original möblierte Appartements der Krupp-Mädchen

Durch unscheinbare Türen betritt man das Wohndachgeschoss, den Trakt, in dem früher die Hausangestellten und das technische Personal ihre Schlafzimmer hatten. Die Gruppe betritt lange, holzvertäfelte Flure und ein historisches Doppelzimmer, in dem noch Betten stehen, wie sie vor 100 Jahren auch schon hier standen. Alles sehr einfach, aber immer noch weit besser als 90 Prozent aller Dienstmädchen-Schlafstellen zu jener Zeit. Eine Uhr hängt wie eine Mahnung an der Wand: Ohne Pünktlichkeit konnte man sich bei den Krupps gleich wieder die Papiere holen.

Nach den kleinen, aber schnuckeligen und original möblierten Appartements der Mädchen Bertha und Barbara geht’s runter in das Arbeitszimmer der früheren Hausherrn mit dem wuchtigen Schreibtisch. Im Speisesaal wurden erst Anfang der 1990er Jahre Wandgemälde freigelegt, die heitere Speiseszenen zeigen.

„Man kann auch in einem solchen Haus Schichten freilegen“, sagt Fellner-Feldhaus. Durch eine als Wandschrank getarnte Tür in der Bibliothek geht’s unvermutet in den Keller und man betritt zunächst den so genannten „China-Raum“, den Gustav Krupp mit phantasievollen Motiven anlegen lassen - als Erinnerung. „Er war ja von Haus aus Diplomat und einige Jahre in China an der deutschen Botschaft tätig“, sagt die Führerin.

Eine kleine Wellness-Oase

Die Alliierten, die Villa Hügel nach 1945 einige Jahre als großes Büro nutzten, haben eine fast elegant zu nennende, bis heute bestehende Bar eingebaut und nutzten den China-Raum als Offiziers-Casino. Sie sprangen auch gern mal in den kleinen, aber ziemlich tiefen Jugendstil-Pool, der gleich nebenan noch heute existiert, wenn auch zurzeit ohne Wasser und außer Betrieb. Ohne Übertreibung könnte man von einer kleinen Wellness-Oase sprechen, wenn auch den sanitären Einrichtungen ihre fast 100 Jahre natürlich anzusehen sind.

Ein besonderes Highlight: die Küche, in der sich viel original Großküchentechnik der 1930 Jahre erhalten hat. „Sie wird zwar nicht mehr zum Kochen, aber bei Empfängen immer noch zum Anrichten von Speisen genutzt“, berichtet Fellner-Feldhaus. Beeindruckend die rund fünf Meter lange Kochstelle und ein Suppenkessel mit 75 Litern Fassungsvermögen. Das richtige für ein Haus dieser Größenordnung.