Die Trümmerfrau – weit mehr als ein „Mythos“

Frauen und Männer in den Ruinen der Lutherischen  Kirche am Moltkeplatz, die beim letzten Großangriff auf Essen am 11. März 1945 zerstört und mit tatkräftiger Hilfe vieler Gemeindemitglieder 1947 wieder aufgebaut wurde. Das Foto schickte uns der heutige Propst Klaus Pahlen.
Frauen und Männer in den Ruinen der Lutherischen Kirche am Moltkeplatz, die beim letzten Großangriff auf Essen am 11. März 1945 zerstört und mit tatkräftiger Hilfe vieler Gemeindemitglieder 1947 wieder aufgebaut wurde. Das Foto schickte uns der heutige Propst Klaus Pahlen.
Was wir bereits wissen
Leserinnen und Leser widersprechen der These der Historikerin Leonie Treber, die Trümmerfrauen im Westen Deutschlands als einen „Mythos“ entzaubert.

Essen.. Ein Mythos ist eine sagenhafte Erzählung, deren Wahrheitsgehalt zweifelhaft ist. Die Figur der „Trümmerfrau“, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ruinenschutt neues Baumaterial machte, sei ein solcher Mythos, sagt die Historikerin Leonie Treber.

Wenn das stimmen sollte, könnten sehr viele Essener ihren eigenen, konkreten Erinnerungen nicht mehr trauen. Sie haben selbst Trümmer weggeräumt oder erlebten als Kinder, wie ihre Mütter in den Ruinen schufteten. Zu sehen sind auf diesem Foto Frauen und Männer in den Ruinen der Lutherischen Kirche am Moltkeplatz, die beim letzten Großangriff auf Essen am 11. März 1945 zerstört und mit tatkräftiger Hilfe vieler Gemeindemitglieder 1947 wieder aufgebaut wurde. Das Foto schickte uns der heutige Propst Klaus Pahlen.

Noch schwanger gearbeitet

Viele WAZ-Leserinnnen und -Leser widersprechern der Historikerin Leonie Treber. Einige Leserbriefe:

Ursula Hellwig, Jahrgang 1952, schreibt: „Ende der 50-er Jahren war mir als Kind der Begriff „Trümmerfrau“ geläufig und begegnete mir fast täglich. Meine Mutter, meine beiden Tanten sowie viele Nachbarinnen im damals entsprechenden Alter unterhielten sich häufig über ihre schwere Arbeit als Trümmerfrauen, die sie zum Teil, wie auch meine Mutter, noch im siebten und achten Monat schwanger ausführen mussten.

Alles Einzelfälle? Wohl kaum. Hilfe von den zitierten professionellen Firmen mit entsprechenden Geräten gab es so gut wie gar nicht. Wer noch einen funktionierenden Lkw besaß, hat hin und wieder beim Abtransport geholfen. Aber das waren Glücksfälle. Nach den massiven Zerstörungen gab es ja kaum noch gut organisierten Betriebe mit geeigneten Geräten.“

„Von welchen Arbeitslosen spricht die Autorin?“

F.J.Peters schreibt: „Wer hat denn dann die Trümmer weggeräumt ? Von welchen Arbeitslosen spricht die Autorin? Die paar Männer, die frühzeitig aus der Gefangenschaft heimkamen und ohne Arbeit da standen, wurden in den Bergbau geschickt. Wer nach solchen Zerstörungen von professionellen Firmen und entsprechenden Geräten spricht, hat keine Vorstellung von den damaligen Verwüstungen und hat außerdem an den falschen Orten recherchiert.

Noch stehende Fassadenreste wurden mittels Seilen und Menschenkraft niedergerissen, weil sie lebensbedrohend waren. Da lagen ja auch nicht nur ein paar Steine, da lagen ganze Straßenzüge, und irgendwo musste man gehen oder den Handwagen ziehen können. Wer wie ich als Kind dabei gestanden hat, wird diese Bilder nicht vergessen. Es waren immer die Frauen, die für Ordnung gesorgt haben.“

Einige Frauen Steine bearbeiten gesehen

Gerd Meiering schreibt: „Als etwa sechsjähriger Junge, so erinnere ich mich heute noch lebhaft, habe ich sogar noch Anfang der 50-iger Jahre einige Frauen mit Kopftüchern Steine zur weiteren Verwendung bearbeiten sehen, die sie aus einem Schuttberg herausholten.

Ort des Geschehens war der Bahnhof Süd! Für mich waren zu diesem Zeitpunkt Trümmergrundstücke nichts Außergewöhliches.“

Viele Frauen und Mütter mussten „Steine klopfen“

Geschichtsforschung Gisela Lissek schreibt: „1945 marschierten die Russen in Sachsen-Anhalt ein, mein Vater war im Krieg und wir mussten ohne unsere Habe flüchten. In Essen angekommen, ging meine Mutter, wie viele unserer Nachbarinnen, auf die Trümmergrundstücke, um „Steine zu klopfen“ und Altmetall zu sammeln, die für den Wiederaufbau gebraucht wurden, da es ja nichts anderes gab. Man bekam ein paar Pfennige dafür und es musste schon kräftig malocht werden, um ein paar Reichsmark zu bekommen, mit denen die Mütter zum Unterhalt ihrer Familien beitragen konnten.

Es war eine mühevolle Arbeit, Altmetall und Steine aus dem Trümmerschutt zu buddeln mit Schüppen oder anderen Hilfsmitteln. Wobei die Ziegelsteine dann mit einem Hammer oder anderen sich dazu eignenden Metallgegenständen vollständig vom Mörtel befreit werden mussten, damit sie zum Wiederaufbau benutzt werden konnten, ansonsten gab es kein Geld dafür. Das alles ohne Bagger und ähnlichen Baugeräte. So sah der Anfang vom Wiederaufbau unserer Bundesrepublik aus, aus der Not geboren.“

Meine Mutter sollte arbeiten

Stadtgeschichte Marlis Kreuter schreibt: „Ich bin Jahrgang 1941. Nach Kriegsende sollte meine Mutter, Jahrgang 1909, zum Trümmerräumen in Rüttenscheid verpflichtet werden. Das Haus meiner Eltern steht noch in der Straße Dohmannskamp.

Meine Mutter wurde nur deshalb vom Aufräumdienst entbunden, weil mein Vater damals in französischer Gefangenschaft war und sie mich als Kleinkind versorgen musste.“

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