Die Theatermacher

Kray..  Mit seinem „Theatermacher” machte sich Thomas Bernhard über Schauspielerneurosen und Provinzbühnen lustig. Es passt zum selbstkritischen, zuweilen augenzwinkernden Selbstverständnis der Studio-Bühne, dass sie sich ausgerechnet dieses Stück ausgesucht hat, um ihr 25-jähriges Bestehen zu feiern: So lange sitzt das Amateurensemble bereits in einer alten Schule in Kray-Leithe und sorgt mit seinem Mix aus leichten Komödien, anspruchsvollen Dramen und kindgerechten Stücken bei Theaterfans aus nah und fern für Begeisterung – und das allen Widrigkeiten zum Trotz.

Es war vor fünf Jahren – das Ensemble steckte mitten in den Proben zur fröhlichen Gala, mit der man das 20-Jährige feiern wollte – als eine Hiobsbotschaft hineinbrach: Ein von der Stadt beauftragtes Gutachten wurde öffentlich, in dem das Gebäude der Studio-Bühne als „Schrottimmobilie” bezeichnet wurde. „Da blutet einem das Herz. Da fehlt mir einfach die pragmatische Distanz”, kommentiert die künstlerische Leiterin Kerstin Plewa-Brodam das Geschehen. Kein Wunder, denn ihre Familie ist besonders eng mit der Bühne verbunden. Ihr Vater war es, der den Grundstein zur Studio-Bühne legte, als er in den 1950er Jahren zur Laienspielschar Essen-West stieß und dieser bald seinen eigenen Stempel aufdrückte. „Die haben nicht vernünftig gesprochen und konnten die Bühne nicht ausfüllen”, erinnert sich Siegfried Plewa- Brodam. „Ich habe denen gesagt: Das muss besser gehen – und die haben geantwortet: Dann mach es doch besser!“ Ein Jahr später übernahm er die Spielleitung. Sein Anspruch, dass Theaterspielen nicht nur Spaß machen soll, sondern dass dabei auch Dinge vermittelt werden müssen, die der Persönlichkeitsbildung dienen, hat die Studio-Bühne bis heute geprägt. Das änderte sich auch nicht, nachdem er im vergangenen Jahr die Leitung der Studio-Bühne abgegeben hat, die vor 25 Jahren aus der Laienspielschar hervorgegangen war.

1990 bekam die Laienspieltruppe mit der alten Leither Schule an der Korumhöhe erstmals eigene vier Wände von der Stadt zur Verfügung gestellt. Knapp 50 Plätze hat die kleine Bühne: Zuweilen wird auch das Foyer bespielt – der offene Raum samt Flurtreppe gibt findigen Regisseuren völlig neue Möglichkeiten.

Ob es nun erlebbare Stadtgeschichte wie beim „Herz von Essen” ist, bedrückende Schicksale von Homosexuellen und Juden während des Zweiten Weltkriegs in „Hüter der Zeit”, beindruckendes Schauspiel in „Von Mäusen und Menschen” oder Boulevardkomödie pur wie in „Mein Freund Harvey”: Die Abwechslung im Spielplan sucht ihresgleichen.

Die mannigfachen Möglichkeiten, sich zu entfalten und auszuprobieren, sind es wohl auch, die manchen Profi reizen, mit der Studio-Bühne zusammenzuarbeiten – wie Wolfgang Gruber, der normalerweise unter anderem im Aalto-Theater tätig ist. Mit seinem „Theatermacher” bespielt er erstmals in der 25-jährigen Geschichte des Theaters das ganze Haus: Vom Fundus im Keller, wo die Kostüme auf ihren nächsten Einsatz warten, übers Foyer und den Bühnenbereich im Erdgeschoss bis zum Wohnzimmercafé, das die Stammgäste nur zu gut kennen: Hier kommt man immer wieder nach den Vorstellungen mit dem einen oder anderen Darstellern ins Gespräch.

Dass man oft gar nicht merkt, dass die Schauspieler auf der Bühne allesamt Amateure sind, liegt mitunter auch an der exzellenten Nachwuchsförderung, der man vor sechs Jahren sogar ein eigenes Label verpasst hat: „Sturm & Drang 2.0” heißt die Marke, unter der die Krayer Theatermacher ihre Kinder- und Jugendprojekte zusammenfassen. Eine wichtige Arbeit im Stadtteil, weshalb die Truppe auch am liebsten nicht weg von hier will – dem Schrottimmobilien-Gutachten zum Trotz. Die Zukunft bleibt weiter ungewiss, ein befürchteter Rauswurf aus dem Haus von Seiten der Stadt blieb bisher genauso aus wie eine Bestandsgarantie oder gar eine umfassende Renovierung der Immobilie. Vielleicht war die Entscheidung Grubers, das Haus so sehr in den Mittelpunkt seiner Inszenierung zu rücken, auch als Kommentar zu diesem Trauerspiel zu lesen.

Doch auch wenn sich die Crew der Studio-Bühne tief in Leithe verwurzelt sieht, strahlt ihre Arbeit weit über die Grenzen des Stadtteils hinaus. Für etliche Produktionen hat man internationale Auszeichnungen mit nach Hause genommen. Neben Gastspielen in Tampere, Sunderland oder Zürich, Auftritten auf zahlreichen Festivals im In- und Ausland, verbindet das Haus vor allem eine enge Zusammenarbeit mit dem Theater Vera in Nishni Nowgorod. Aktuell ist die Truppe zum achten Mal in Essens russischer Partnerstadt zu Gast, um dort das Antikriegsdrama „Mutter Furie” zu präsentieren.

Während sich die Politiker auf höchster Ebene schwer tun, aufeinander zu zugehen, zeigt das kleine Amateurensemble aus Kray, dass Kunst alle Konflikte überwinden kann. Respekt, und alles Gute – auf die nächsten 25 Jahre!