Die Stunde Null schlägt in Essen am 11. April 1945

Leichte amerikanische Feld-Artillerie rollt im April 1945 durch das zerbombte Südviertel. Im HIntergrund links der Turm der Emschergenossenschaft.
Leichte amerikanische Feld-Artillerie rollt im April 1945 durch das zerbombte Südviertel. Im HIntergrund links der Turm der Emschergenossenschaft.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Vier Tage brauchen die Amerikaner, um das zerbombte und kaum verteidigte Essen zu erobern. Nazi-OB wird abgesetzt und Alfried Krupp festgenommen

Essen.. Der 8. Mai 1945 ist ein historisches Datum: Es ist der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende geht, und es ist der Tag der Befreiung von der Hitler-Diktatur. Für die Menschen in Essen schlägt die so genannte „Stunde Null“ schon knapp vier Wochen früher. Am 11. April, einem Mittwoch, erobern die Soldaten der 79. US-Division und der 17. US-Airborne Division die weitgehend zerstörte Ruhrmetropole. Vormittags verhaften sie im Bredeneyer Rathaus Nazi-Oberbürgermeister Just Dillgardt und setzen seinen Stellvertreter Dr. Dieter Russell kommissarisch als Stadtoberhaupt ein. Dieser versichert: „Ich verpflichte mich, alle Befehle der militärischen Stelle durchzuführen.“

Durch die Weltpresse wird allerdings ein anderes Bild aus Essen gehen. Eines, das den Zusammenbruch des Nazi-Regimes in der propagandistisch glorifizierten „Waffenschmiede des Reiches“ symbolisiert. Es zeigt den verhafteten Alleininhaber Alfried Krupp von Bohlen und Halbach auf einem US-Jeep vor der Villa Hügel: gedemütigt und trotzdem stolz. Auf die Frage , warum er Essen nicht verlassen habe, antwortet Krupp: „Ich wollte bleiben, wo ich hingehöre, bei meiner Fabrik und meinen Mitarbeitern.“ Sein Schicksal ist bekannt: Das Firmenvermögen wird beschlagnahmt und Krupp selbst in Nürnberg wegen „Plünderung“ und Einsatz von „Sklavenarbeit“ zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Erinnerungen an die letzten Kriegstage in Essen

Die letzten Kriegstage in Essen: Der Historiker und frühere Superintendent Heinrich Gehring (74) zeichnet das Bild einer demolierten und wehrlosen Stadt, die den Alliierten in der ersten April-Dekade militärisch nichts mehr entgegenzusetzen hat. Heftig widerspricht er Feldmarschall Walter Model, der im Frühjahr 1945 den Auftrag hatte, den „Ruhrkessel“ bis zum letzten Mann zu verteidigen. Und eine für ihn vorteilhafte Version in die Welt zu setzen sucht. Um die Essener Bevölkerung vor weiterem Unheil zu bewahren, so seine Schutz-Behauptung, habe die deutsche Armee die Stadt geräumt und dem Angreifer quasi kampflos überlassen. Doch Gehring sagt: „Das ist pure Legende, in Wirklichkeit hatte die Wehrmacht nichts mehr zu bestellen.“

Die Essener Bürger verhalten sich ausgesprochen besonnen, als die beiden US-Divisionen am 6. April von Karnap im Norden und vom Osten her in die Stadt eindringen. Die meisten hängen weiße Tücher in die Fenster. Und die Kumpel von Zollverein – ein bisschen opportunistisch, ein bisschen heroisch – verhindern am 8. April, dass die Schachtanlage entgegen dem Willen der Nazis zerstört wird.

Malerische Altstadt-Ruhrfront in Schutt und Asche gelegt

Noch aberwitziger ist der Plan des stellvertretenden Gauleiters Fritz Schleßmann, der Essen Anfang April sogar komplett räumen und die letzten Industrieanlagen restlos zerstören will. Eine wahnhafte Idee, die glücklicherweise scheitern wird. Dennoch gibt es neben den vielen Besonnenen immer wieder die Verbohrten und Verbrecherischen. Diese „verrückten Durchhalte-Typen“, wie Gehring sie nennt, liefern sich vereinzelte Gefechte mit den übermächtigen Amerikanern, sie sprengen in Steele die Ruhrbrücke, lynchen Zwangsarbeiter, stellen Wehrmachtsdeserteure an die Wand und leisten in Werden solange Widerstand, bis die GI’s die malerische Altstadt-Ruhrfront in Schutt und Asche gelegt haben.

Stadtarchivar Robert Jahn hält 1945 für die Stadtchronik nüchtern fest: „Der Übergang der Stadt Essen in fremde Hand hatte wenig Heroisches an sich.“

Zeitzeugin Renate Smirnow-Klaskala erinnert sich

Die WAZ hat ihre Leser gebeten, die Erinnerungen an die Stunde Null in Essen aufzuschreiben. Renate Smirnow-Klaskala aus der Straße „In der Senke“ in Schonnebeck ist dem Aufruf gefolgt. Ihr Bericht:

„Als der Krieg zu Ende ging, kamen meine Mutter, mein kleiner Bruder, der noch im Kinderwagen lag, und ich – ein kleines fünfjähriges Mädchen – nach Essen zurück.

Januar 1945 waren wir im eisigen Winter von Schlesien geflohen, nach langer Irrfahrt landeten wir in Bayern. Dort erlebten wir das Kriegsende. Am Straßenrand stehend betrachteten wir den Einzug der Amerikaner. Was das bedeutet, habe ich wohl noch nicht ganz begriffen.

Als wir endlich endlich wieder in Essen zurückkamen , war die Stadt verändert. Zerbombte Häuser, kaputte Straßen, Bombentrichter. Das Wichtigste aber war, wieder vereint mit Oma und Opa und Tanten zu sein. Na, Onkel gab es da nicht, sie waren gefallen, wie mein Vater, vermisst oder in Gefangenschaft.

Meine Oma ging mit mir einkaufen, was mich besonders beeindruckte war, dass der Laden in einem ausgebombten Haus im Keller war. Trotzdem kamen mir die paar Lebensmittel himmlisch vor – mit Gerüchen, die ich nicht kannte.

Meine Tante nahm mich mit auf Besuch. Wir mussten über einen riesigen Fluß (kam mir so vor, war wohl der Rhein-Herne-Kanal). Die Brücke, eine solche sollte es wohl sein, spannte sich drüber. Sie bestand aus Trittbrettern und Seilen, die beängstigend schaukelten. Aber die Hand meiner Tante war sicher.

Als wir das Ziel erreicht hatten, war es verschwunden. Nur noch ein Trümmerfeld. Spielen konnten wir Kinder aber immer noch, noch hatten wir nicht verspielt.

Wir spielten zwischen Trümmern und geheimnisvollen Stollen, worüber die schlimmsten Gräuelgeschichten im Umlauf waren, die wir immer und immer wieder hören wollten.

Nachkriegsgeschichten können endlos sein, ich mache Platz für das Heute und bin glücklich, dass ich lebe, leben darf, überlebt habe.“