Die soziale Balance auf einer Karte

Die Teilhabekarte „Essen.dabei sein“ wird zunächst in einer Auflage von 75.000 Stück ausgegeben. Sollte der Bedarf größer sein, sind weitere Exemplare schnell nachdruckbar, verspricht die Stadt.
Die Teilhabekarte „Essen.dabei sein“ wird zunächst in einer Auflage von 75.000 Stück ausgegeben. Sollte der Bedarf größer sein, sind weitere Exemplare schnell nachdruckbar, verspricht die Stadt.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Ein neuer Ausweis verschafft 115.000 Bürgern ab heute ermäßigten Eintritt zu Freizeit-, Kultur- und Sportangeboten – niemand muss mehr seinen Sozialhilfebescheid vorzeigen

Essen.. Aus lauter Scham wird es so manch einer mehr als einmal überlegt haben: Ob er seinen 22-seitigen Leistungsbescheid an der Kasse von Grugabad, -park und Co. mitsamt aller persönlichen Details vorzeigt, nur um unter den Augen vieler Wartender seinen Anspruch auf ermäßigten Eintritt zu legitimieren. Nicht wenige Bürger dürften darauf verzichtet haben.

Dass ein solch alltäglicher Auftritt stigmatisierend, ja diskriminierend und datenschutzrechtlich bedenklich sein kann, ist keine neue Erkenntnis. „Das macht man nicht so gerne“, weiß auch Sozialdezernent Peter Renzel. Und doch hat es Jahre gebraucht, bis es der Stadt gelang, derartige Hürden für Hartz IV-Empfänger und Grundsicherungs-Bezieher abzubauen.

Heute ist es nach mehreren missglückten politischen Anläufen so weit: Die neue Karte „Essen.dabei sein“ geht in Umlauf, um Bürgern, die auf Transferleistungen angewiesen sind, damit sie über die Runden kommen, Türen zu öffnen und mehr Teilhabe zu ermöglichen. Ein entsprechender Vorstoß der SPD-Fraktion hatte im vergangenen Jahr die nötige Mehrheit im Rat gefunden.

Niemand soll ausgeschlossen werden

Um es vorwegzunehmen: Es gibt nicht mehr Rabatte und keine höheren Ermäßigungen als bisher, aber einen vielleicht eleganteren Zugang zu der Vielfalt von Sport-, Freizeit- und Kulturangeboten der Stadt und einiger privater Anbieter.

„Das ist ein wichtiger Schritt für mehr Lebensqualität und soziale Balance“, ist Renzel überzeugt: „Niemand sollte von den Angeboten seiner Stadt ausgeschlossen werden.“

Nicht mehr als 10.000 Euro sind aus dem Budget des Jobcenters in die Produktion von „Essen.dabei sein“ und dazugehöriger Info-Flyer geflossen. Pro Jahr kalkuliert die Stadt mit weiteren 5000 Euro für den Nachdruck der ein Jahr gültigen Karten.

Kunden des Jobcenters bekommen ihren Ausweis in der für sie zuständigen Geschäftsstelle im Stadtteil. Wer Sozialhilfe, Grundsicherung im Alter oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhält, wendet sich an das Sozialamt an der Steubenstraße. Für Essens Wohngeldempfänger und Familien, die einen Zuschlag zum Kindergeld bekommen, sind die Karten in der Wohngeldstelle an der Freiytagstraße hinterlegt.

Anspruch auf „Essen.dabei sein“ haben nach Auskunft der Stadt 115.000 Essener – rund ein Fünftel der Stadtbevölkerung. Das ist wirklich beschämend.