Die Prinzenrolle ihres Lebens

Gespannt warten Prinzessin Nicole II. und Prinz Wolfgang I. vor den Türen des Festsaals – ein Mitarbeiter der Prinzengarde befestigt noch schnell den Umhang, reicht den Blumenstrauß. Ein letzter prüfender Blick: Alles sitzt. Tief durchatmen und los geht’s. Mit einem kräftigen „Essen Helau“ marschiert das Stadtprinzenpaar, angeführt vom Hofstaat und der Tanzgarde, durch die applaudierende Menge Richtung Bühne. Kein einfaches Amt, wie sich später noch herausstellen wird.

Im Seniorenheim „Gerhard-Kersting-Haus“ in der Innenstadt wird geschunkelt und mitgesungen. Man merkt schnell, dass der Funke des Prinzenpaares sofort übergesprungen ist. Auf der Bühne folgt der traditionelle Prinzentanz und ein Orden wird überreicht. Es folgen ein paar dankende Worte und schon bahnen sich die beiden wieder den Weg nach draußen – gerade einmal 15 Minuten hat der Auftritt gedauert, dann geht es zurück in den Bus.

„Das ist völlig normal“, erklärt Ihre Lieblichkeit Prinzessin Assindia Nicole II., wie es korrekt heißt. „Natürlich würden wir gerne länger bleiben, nur könnten wir dann nicht alle Termine wahrnehmen.“ Und davon gibt es allerhand. An einem Tag können bis zu zwölf Sitzungen anstehen. Bei einer guten Viertelstunde Aufenthalt nicht viel, könnte man meinen. Aber weit gefehlt. „Der erste Auftritt ist meist um zehn Uhr morgens, der letzte um zehn Uhr abends“, verrät Tollität Prinz Wolfgang I. und erzählt, dass er selten vor Mitternacht im Bett sei.

Bis zum nächsten Auftritt bleibt den Jecken eine gute Stunde. Zeit, um den Magen zu besänftigen. „Eine so lange Pause haben wir nicht jeden Tag“, versichert Prinzessin Nicole II. „Normalerweise hechten wir von einem Auftritt zum nächsten und essen im Bus ein paar Brötchen“, ergänzt Wolfgang.

Beim Freundeskreis Essener Karneval geht es dann wieder von vorne los: Umhang umbinden lassen, Diadem richten und auf die Bühne. Ein Orden wird verliehen, gemeinsam gesungen und getanzt. Auch hier ist nach gut 15 Minuten wieder alles vorbei. Doch wer meint, dass es schnell langweilig wird, der irrt. „Wir überlegen uns für jeden Auftritt etwas anderes. Mit den Senioren schunkeln wir oft, bei Karnevalsvereinen wird ausgelassen gefeiert“, erzählt Nicole. Doch so stressig es auch manchmal sein kann, man merkt es den beiden nicht an. Nicole und Wolfgang strahlen übers ganze Gesicht und freuen sich jeden Tag aufs Neue, das Amt des Stadtprinzenpaares ausfüllen zu dürfen, für das sie sich bewerben mussten. „Das größte ist, wenn ich in die strahlenden Gesichter schaue und alle mit uns tanzen und singen“, so der 48-jährige Prinz.

Die beiden lieben den Karneval nicht nur, sie leben ihn. Seit Kindesbeinen ist das Stadtprinzenpaar in Karnevalsvereinen aktiv. Nicole war im Fanfarencorps, der Tanzgarde und bis vor zwei Jahren Vizepräsidentin der KG Völl Freud. 1982 durfte die Mutter einer Tochter bereits als Kinderprinzessin auf dem Rosenmontagswagen Kamelle werfen. Wolfgang hingegen wirkte bei einer Parodistengruppe mit, bevor er für Nicole von Duisburg nach Essen gezogen ist – kennengelernt haben sich die beiden übers Internet. Den persönlichen Höhepunkt erlebten sie im vergangenen Jahr, als sich die beiden das Ja-Wort gaben: am 11.11. um 11 Uhr 11.

Für die Session hat sich der Disponent Wolfgang zwei Monate Urlaub genommen, die Büroangestellte Nicole schafft es trotz der vielen Termine an drei Tagen pro Woche für ein paar Stunden zu arbeiten. „Ohne das Entgegenkommen unserer Arbeitgeber hätten wir das gar nicht geschafft“, weiß Wolfgang.

Das Amt des Stadtprinzenpaares ist nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine finanzielle Herausforderung – selbst wenn die Ornate gesponsert werden. „Ich weiß jetzt schon, dass ich die Ornate nach der Session kaufen werde“, versichert Nicole, schließlich sei man nur einmal Karnevalsprinzessin und die Stücke seien eine tolle Erinnerung. Den genauen Preis verrät die 45-Jährige nicht, sie merkt nur an, dass das prunkvolle Kleid je nach Ausstattung schnell bis zu 6.000 Euro kosten kann. Strumpfhosen, Diadem und Schmuck müssen die beiden selbst zahlen. Ein kleiner Urlaub sei es gewesen.

Wieder zurück im Bus geht es zur Galasitzung der KG Völl Freud – ihrer jecken Heimat. Obwohl die beiden seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen sind, Nicole und Wolfgang Heiliger sprühen so voller Energie, dass sie selbst im Bus singen und schunkeln. „Wir halten uns mit Vitaminen fit“, lacht der Prinz. Dann heißt es wieder „Essen Helau“ und das Stadtprinzenpaar marschiert in den Festsaal. Helau...