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Die nüchterne Analyse verheißt für 2016 nicht viel Gutes

01.01.2016 | 11:00 Uhr
Die nüchterne Analyse verheißt für 2016 nicht viel Gutes

Essen.  Die Flüchtlingskrise hat das Jahr 2015 in Essen geprägt und dürfte 2016 dominieren. Für die Bürger wird es unbequem. Aber die Fakten sind wie sie sind. Ein Kommentar.

Es lief, irgendwie. So könnte man das Jahr 2015 zusammenfassen, das auch für Essen Herausforderungen brachte, von denen anfangs keiner etwas ahnte. Gemessen daran ist die Bilanz beachtlich: Alle Flüchtlinge sind untergebracht, der Standard entspricht den Möglichkeiten eines wohlhabenden Landes. Schwere Zwischenfälle gleich welcher Art gab es in Essen keine, hilfreich sind dabei Bürger, die anpacken, wo die Stadtverwaltung an ihre Grenzen kommt. Nachbarn mögen einen Baum vermissen, der für eine Unterkunft fiel, oder müssen vorübergehend die Nähe einer Zeltstadt in Kauf nehmen, und Sportler entbehren nur ungern ihre Turnhalle. Für die Betroffenen sind das keine Lappalien, aber auch keine Katastrophen. Letztlich ging das Leben in Essen seinen normalen Gang.

Diese Gelassenheit ist positiv, keine Frage. In ihrer ganzen Dimension steht die Flüchtlingskrise allerdings erst am Anfang. Der Oberbürgermeister rechnet am Ende mit 10.000 neuen Bewohnern, und nimmt diese Zahl als Richtschnur für neue Wohnbaupläne. Damit es bei dieser Zahl bleibt, müsste der Flüchtlingsstrom im nächsten Jahr aber sehr schnell und sehr merklich abebben. Wahrscheinlich ist das nicht. Und dann? Eine Frage, die derzeit niemand seriös beantworten kann.

Fakt ist: Schon die geplanten festen Unterkünfte für (noch) 10.000 Flüchtlinge in den oft guten Stadtrandlagen werden nur schwer durchzusetzen sein. Die Diskussionen in den jeweiligen Nachbarschaften haben eine ganz andere Schärfe als bei den Zeltdörfern. Die Sachzwänge, die die Stadt anführt, sind zwar nachvollziehbar. Und doch handelt es sich um nichts anderes als Vernichtung privaten Kapitals. Ein Haus am Landschaftsschutzgebiet, das unter dieser Prämisse gekauft wurde, hat einen anderen Wert als ein Haus an einer Schlichtsiedlung für Flüchtlinge.

Arbeitslosenquote liegt bei über zwölf Prozent

Sicher, ein Staat muss manchmal Entscheidungen treffen, die nicht jedem Einzelnen gefallen. Die dazugehörige Kultur der Akzeptanz, die Einsicht, dass es höhere Interessen gibt als die eigenen, ist mittlerweile aber erodiert. Das wird die Stadt zu spüren bekommen.

Und das Wohnen ist ja nur der erste Schritt in Sachen Integration. Der andere heißt: Arbeit . In München oder Stuttgart mag manches einfacher sein, in Essen und Umgebung rangiert die Arbeitslosenquote aber wie betoniert bei über zwölf Prozent, ganz egal wie sehr die Wirtschaft gerade boomt. Es fehlt gerade an den Jobs, die für mäßig bis schlecht Qualifizierte geeignet wären.

Das aber bedeutet: Sehr viele Flüchtlinge werden auf unabsehbare Zeit am Tropf von Transfermitteln aus dem städtischen Sozialhaushalt hängen, der jetzt schon viel zu viele Essener durchs Leben ziehen muss. Kommt der Familiennachzug, wie es etwa Essens Bischof fordert, werden die Probleme potenziert. Asyl ist etwas anderes als geordnete Einwanderung, bei der geschaut wird, ob die Fähigkeiten des Einwanderers zum Land passen. Die aktuelle Vermischung beider Themen ist fragwürdig und birgt Enttäuschungen für beide Seiten und alle Beteiligten.

So sind bei nüchterner Analyse beim Blick ins nächste Jahr mulmige Gefühle durchaus berechtigt. Es wird für viele Bürger unbequemer, und es wird teuer. Ausweichen lässt sich der Lage nach den einmal geschaffenen Fakten aber nicht. Es gilt, das Beste draus zu machen.

Frank Stenglein

Kommentare
04.01.2016
14:17
Mal ne Frage an alle Flüchtlingsstromkritiker hier und anderswo...:
von bderks | #10

Hat schon jemand wg. eines Flüchtlings auf irgendwas verzichten müssen?

Nur mal so interessehalber.

1 Antwort
Betrachtung
von Erbeck1 | #10-1

Das liegt in der Betrachtungsart - natürlich haben Menschen bereits verzichtet! Jemand mit Eigentum hat an Eurowert verloren. Jemand mit direkter Nachbarschaft zu Flüchtlingen hat an Ruhe verloren ...... .

Der Kommentar von #8 gefällt mir und er beantwortet auch etwas Ihre Frage - nicht jeder ist identisch betroffen und sie gehören wohl zu den weniger Betroffenden, was auch für mich gilt und dennoch ist mir die Lage anderer nicht egal.

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Die nüchterne Analyse verheißt für 2016 nicht viel Gutes
Die nüchterne Analyse verheißt für 2016 nicht viel Gutes
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2016-01-01 11:00
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