Essen

Die Klausur zeigt „eine körperliche und geistige Indisposition": So hart war das Abi in Essen vor über 100 Jahren

Norbert Fabisch hat die 100 Jahre alten Abiklausuren untersucht.
Norbert Fabisch hat die 100 Jahre alten Abiklausuren untersucht.
Foto: DER WESTEN
  • An der Viktoria-Schule haben 1915 die ersten Mädchen in Deutschland Abitur gemacht
  • Ihr Abi war ganz anders als heute
  • Auswendiglernen und schöne Schrift waren damals wichtiger

Essen. Oberstudiendirektor Paul Borchard ist knallhart: „Hässlicher Klang!", „die Arbeit zeigt eine schwere körperliche und geistige Indisposition". Oder „Im Wirrwarr hochklingender Redensarten erstickt." Was der Lehrer den jungen Frauen der Viktoria-Schule in ihre Klausurbögen schrieb, klingt wie die Abrechnung mit einer Chaos-Klasse.

Dabei war es der Abiturjahrgang 1915. 17 Mädchen. Die geistige Elite des Ruhrgebiets. Das erste Mal durften Frauen in Deutschland eine Abiprüfung an einem Gymnasium ablegen. Zuvor war ihnen das nur durch Nachmittagsunterricht und eine Prüfung als externe Schülerin an einem Jungen-Gymnasium erlaubt. Schulunterricht für Frauen diente in dieser Zeit noch vornehmlich dazu, sie heiratsfähig zu machen.

Ostern 1915 ist das anders. Die Schülerinnen aus dem Ruhrgebiet, zehn von ihnen aus Essen, legten an der erst vor drei Jahren gegründeten Viktoria-Schule ihre Prüfung ab. Eine Zeit zwischen Vaterlandsgloria und Kriegsernüchterung. Das Thema der Arbeit: Wann darf ich von einem heiligen Krieg sprechen.

Nicht nur für die Schüler geht es um viel

„Das Thema wurde bereits im Herbst 1914 bei der Regierung eingereicht. Da waren die Menschen noch voller Euphorie, was den Krieg betrifft. Ostern 1915 war davon schon viel verloren gegangen. Viele der Mädchen hatten bereits Familienmitglieder an der Front verloren", erklärt Norbert Fabisch. Er war 28 Jahre lang Lehrer an der Viktoria-Schule. Sein Fach: Geschichte. Und deshalb ist er an der Vergangenheit interessiert.

Auch für den Schulleiter ging es bei den Klausuren um viel. Schließlich musste er nicht weniger beweisen, als dass Mädchen genauso schlau sind wie Jungen. Abitur-Arbeiten, die die deutsche Kriegsführung kritisierten, hätte den Lehrer um seinen Job gebracht.

Die Abiturklausuren sind schon deshalb etwas besonderes, weil sie den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. Das Archiv der Viktoria-Schule wurde bei den Bombenangriffen auf Essen nicht zerstört. Während die ganze Stadt in Schutt und Asche lag, traf die Schule nur eine Brandbombe, die nicht explodierte. Klausuren aus über 100 Jahren lagern deshalb heute dort. Und zeigen, wie anders das Abitur damals gewesen ist.

Klausuren völlig anders als heute

Fabisch: „Heute ist den Schülern das Thema der Klausur unbekannt. Sie sollen selbstständig Lösungen finden. Damals war das anders: Die Schülerinnen mussten an den Lippen des Lehrers kleben." Minutiös schrieben sie mit, was der Lehrer sagte. Der machte Hinweise, was relevant für das Abi werden konnte: „Wenn der Lehrer sagte: 'Denkt an eure Abiprüfung' oder 'den Hassgesang gegen die Engländer könnt ihr bis Morgen auswendig' war das ein sicheres Zeichen, dass dieser Stoff abgefragt wird."

In der Abiklausur zählte dann, wie geordnet die Schüler den Stoff rezitieren konnten. Dabei war nicht nur der Inhalt entscheidend. Auch die äußere Form zählte. Blättert Norbert Fabisch durch die 100 Jahre alten Papierbögen sieht er dort seitenweise fehlerfreie Sätze. „Würde hier etwas durchgestrichen sein, hätte der Lehrer daraus geschlossen, dass das Thema nicht verstanden wurde. Die Schülerin wäre durchgefallen."

Doch auch was inhaltlich richtig oder falsch gewesen ist, war bei dieser Abiprüfung vom Zeitgeschehen beeinflusst. Kritik am Krieg? Unvorstellbar. Fabisch: „Der Korridor des Erlaubten war sehr schmal: Ließ man die Antwort nach dem heiligen Krieg offen, war das schon sehr kritisch. Doch eigentlich wurden Lobeshymnen erwartet."

Mädchen waren stolz auf ihre Ausbildung

Trotzdem waren die Prüfungen nicht leicht. 54 Bücher musste beispielsweise Schülerin Käte Kirschbaum alleine in den letzten beiden Schuljahren lesen. So hat sie es in ihrem Schulheft vermerkt. „Die Mädchen waren stolz auf ihre Ausbildung. Sie hatten die Vorstellung danach alles werden zu können. Das hat sie natürlich extrem motiviert."

Und so schafften auch alle bis auf eine das Abi beim ersten Versuch. Auch der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise hielten viele der Mädchen auf. Aus ihnen wurden Doktorinnen und Lehrerinnen.

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