Essen

Die grüne Hauptstadt hat zu wenig Leute an der Schippe

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Foto: WAZ FotoPool
Das frisch erworbene Etikett kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um die Grün-Substanz in Essen qualitativ nicht gut bestellt ist.

Essen. . Als Essen vor einige Wochen den Titel grüne Hauptstadt errang, gab es viele, die sich freuten. Es gab aber auch Bürger, die mit Ehrenurkunden der EU weniger anfangen können und die sich fragen, ob die Stadtverwaltung nicht besser ihre konkrete Dienstleistungsqualität verbessern sollte, statt die Zeit mit solchen Mätzchen zu verschwenden.

Man muss das wohl differenziert sehen. Eigenwerbung, Marketing – nichts anderes ist so ein Titel erst einmal – kann nützlich sein. Oft ist gerade für Städte und den Stadttourismus das Image viel wichtiger als die Realität. Das Kulturhauptstadtjahr 2010 etwa hat das Bild, das in den Köpfen über Essen existiert, wahrscheinlich positiv beeinflusst. Das gilt, obwohl in Wahrheit ja keine neue Kulturinstitution in die Stadt gekommen wäre, die es vorher nicht schon gegeben hätte.

Etwas überspitzt gesagt: Die Kulturhauptstadt war ein Marketing-Gag, der viel mediale Aufmerksamkeit in die Stadt lenkte, was mit konventioneller Werbung niemals hätte erreicht werden können - vom Thema Geld ganz abgesehen. Ein TV-Bericht ist kostenlos, Werbung aber nicht.

Auch bei der Hauptstadt in Grün spekuliert Essen nun wieder auf die Macht der Bilder und der Phantasie. Bei der Frage, was konkret geschehen soll, kam mit als erstes die etwas müde Idee, demonstrativ einen Tag lang eine Hauptverkehrsstraße zu sperren. Das wirkt zwar wie eine Klein-Kopie des A 40-Stilllebens, das vielen als Höhepunkt des Kulturhauptstadtjahrs gilt, funktioniert aber, wer weiß, vielleicht noch mal.

Dass Essen zudem viele Grünflächen oder Radwege hat, mag den einen oder anderen „draußen“ immer noch überraschen. Für die Essener selbst ist das nichts Neues, sie wissen aber ganz gut, dass Statistiken wenig über Qualität aussagen. Um die ist es leider oftmals lausig bestellt, worauf einige Spielverderber auch hinwiesen. Müll, Pflegerückstände, fehlender Blumenschmuck, baufällige Wege, bauliche Geschmacklosigkeiten - all das reduziert konkret die Lebensqualität, und nicht jeder hat die Gabe, sich die schleichende Substanzverschlechterung mit Etiketten schönzureden.

Die Sorge ist begründet, dass in die Erringung von Hauptstadt-Ehren zuviel Kraft, in die beharrliche Arbeit an Missständen und in die Verbesserung tausender kleiner und großer Details aber zuwenig fließt. In Essen gibt es - gerade beim Thema Grünflächen - schon reichlich Konzepte auf Papier, aber nicht genug Leute mit der Schippe in der Hand.