Die „Freak Show” ist eine coole Rock'n'Roll-Bar mit viel Liebe zum Detail

Jung und Alt kommen an Wochenenden in der "Freak Show" in Essen-Steele zusammen. Mittendrin: Chefin Ela Nordvall.
Jung und Alt kommen an Wochenenden in der "Freak Show" in Essen-Steele zusammen. Mittendrin: Chefin Ela Nordvall.
Foto: Sebastian Konopka
Was wir bereits wissen
Die Rock'n'Roll-Bar „Freak Show” in Essen-Steele hat in den drei Jahren ihres Bestehens längst Kultstatus erreicht.

Essen-Steele.. „Wow, so einen Club findet man nicht in Hamburg, nicht in Berlin, nicht in London!” Zugegeben, in Steele würde man so eine Bar nicht vermuten voller individuellem, schräg-morbidem Charme. Dennoch muss man genau hierhin reisen, um die „Freak Show zu erleben. Wer hier die unscheinbare Metalltür öffnet und das Treppengelände aus Astra-Bierkästen passiert, wird von einem riesigen Monstermaul mit bleckenden Zähnen begrüßt.

Wer sich trotzdem traut reinzugehen, entdeckt in weiteren Schlündern Theke und Bühne, auf der sich immer wieder illustre Bands das Mikro in die Hand geben. In der Ecke sitzt lässig ein Gitarre spielendes Skelett, auf einer Bank kann man neben Frankensteins Monster Platz nehmen. Ein wenig kommt schon Geisterbahn-Feeling auf in diesem Etablissement.

Die Musik spielt eine große Rolle

Doch hinter der Theke stehen zwei, die Herzlichkeit in dieses kleine bisschen Horror-Show bringen: Ela und Benny Nordvall. Die ungewöhnlichen Dekorationen und Requisiten hat das Paar selbst entworfen und gebastelt. Über ein Jahr lang waren die Nordvalls damit beschäftigt, bis die Bar am Grendplatz Januar 2012 so aussah, wie sie es wollten. „Wir haben alle möglichen Materialien, die wir in die Finger bekommen haben, verbaut”, erinnert sich Ela Nordvall, die ihre so entstandene Bar als ein begehbares Kunstwerk versteht.

Und in dieses begeben sich keineswegs nur „Freaks”, wie der Name vielleicht vermuten lässt – auch wenn mancher Steelenser, der in den letzten drei Jahren noch keinen Fuß in die Freak Show gesetzt hat, vielleicht gerade wegen des Namens etwas vorurteilsbehaftet dem Lokal gegenüberstand. Doch wer selbst mal Bar und Publikum vor Ort in Augenschein genommen hat, stellt fest, dass an den Menschen, die hier ein- und ausgehen, nichts ungewöhnlich ist – abgesehen von ihrer Vielfalt: Junge Hipster sitzen neben Altpunks an der Bar, Teds treffen auf Dreads, Normalos spielen mit Heavy-Metal-Fans Kicker. „Der Begriff ,Freak’ ist für uns positiv besetzt”, erläutert Benny Nordvall, der erst wegen der Bar – und natürlich seiner großen Liebe Ela – nach Deutschland gezogen ist. „Freaks sind ausgefallene Menschen, die ein bisschen verrückt sind und in keine Schublade passen.”

Motto-Partys und Live-Konzerte in der Freak Show: Punk, Rockabilly, Reggae

So wie Benny selbst: In seiner Heimat Schweden hat er in der Punkrock-Band „The Part-Time Posers” gespielt, und zeitgleich ein zivilisiertes Leben als Verkäufer in einem Fotofachgeschäft geführt. „Schon damals meinte mein Chef, ich komme mit leicht verrückten Kunden am besten zurecht”, lacht der 46-Jährige. Eine große Rolle in der Freak Show spielt die Musik: Motto-Partys mit DJs werden ebenso gut besucht wie Live-Konzerte. Und so bunt das Publikum ist, so abwechslungsreich ist der Sound aus den Boxen: Punk, Rockabilly, Reggae und alles was rockig, cool und auch mal schräg klingt. So hat sogar eine äußerst authentische Beatles-Coverband aus England unlängst ihren Weg in den Steeler „Keller”, wie seine Stammgäste das Lokal liebevoll nennen, gefunden. Dazu gesellen sich regelmäßige Open Sessions und Karaokeabende – jeweils stark rockig gefärbt. Einen roten Faden gibt es dann doch bei dem musikalischen Angebot: „Hier kommt alles auf die Bühne, was wir selbst cool finden”, sagt Ela Nordvall.

Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es: „An kaum einem Abend nehmen wir mehr als zehn Euro Eintritt”, sagt die Wirtin, „viele Partys sind sogar frei.” Prima, denn so bleibt mehr Geld, um die große Auswahl an Flaschenbieren zu testen. Oder einen der Cocktails zu probieren, wie man sie nur hier findet: Besonders Mutige etwa dürfen sich an der „Lynchburg Lemonade” mit Jack Daniel’s, Triple Sec, Zitronensaft und Sprite versuchen, auch der „Panic Drink” verspricht eine interessante Geschmackserfahrung. Ganz Experimentierfreudige probieren „Freak Shots” wie „Wurstwasser”, „Dirty Benny”, „Seemannsgrab” oder den „Mexikaner” mit Fisch. Hier ist nun mal alles mit Liebe zum Detail gemacht – selbst die Getränke.

Das alles kostet Kraft und Zeit: „Eine 90-Stunden-Arbeitswoche ist für uns normal”, so Ela Nordvall. Aber missen möchte das Paar die Zeit in ihrer Freak Show auch nicht: „Das ist schon unser Kind”, sagt die Chefin.

„Manchmal erwische ich mich auch dabei, wie ich zärtlich über einen Zahn an der Bühne streichle.” Romantische Freaks.