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Weihnachts-Interview

„Die Flüchtlinge ändern sich - wir ändern uns“

23.12.2015 | 07:00 Uhr
„Die Flüchtlinge ändern sich - wir ändern uns“
Franz-Josef Overbeck, Ruhrbischof seit 2009 Bischof, zeigtein der Flüchtlingskrise früh eine klare Haltung.Foto: Kerstin Kokoska

Essen.  Bischof Franz-Josef Overbeck über Angst und Sorge, Zuversicht und Hilfe in der Flüchtlingskrise. Der Ruhrbischof spricht über „deutsche Reifeprüfungen“.

Herr Bischof, die Christen erzählen zu Weihnachten eine 2000 Jahre alte Geschichte aus dem Nahen Osten, „als Quirinus noch Statthalter von Syrien war“, wie es im 2. Kapitel des Lukas-Evangeliums heißt. Und man denkt: Syrien, mein Gott, wir sind mittendrin.

Deshalb wird die Herbergssuche das Motiv meiner ersten Weihnachtspredigt in der heiligen Nacht sein. Im Nahen Osten, wo Judentum, Christentum und Islam ihren Ursprung haben, erleben wir so etwas wie einen Stellvertreterkrieg für die großen Auseinandersetzungen, die uns im Weltmaßstab beschäftigen. Das geht uns nicht nur nahe, sondern rückt uns im warmen Deutschland regelrecht auf die Pelle. Wobei für mich gilt – um ein anderes geflügeltes Wort zu wiederholen – wir schaffen das.

Warum sind Sie sich da so sicher?

Weil das eine der Reifeprüfungen ist, die wir als Deutsche machen. Nachdem wir der Welt vor nicht langer Zeit wenig ruhmreich vorexerziert haben, was es heißt zu kämpfen, werden wir jetzt zeigen, was es bedeutet zu helfen.

Aber die Flüchtlingswelle scheint kein Ende zu nehmen, und mancher sorgt sich, ob wir uns da nicht überschätzen – finanziell, organisatorisch, auch emotional. Finden Sie diese Bedenken zu kleinmütig?

Ich habe schon beim Caritassonntag gesagt: Die Flüchtlinge ändern sich, wir ändern uns. Und wer nicht bereit ist, sich zu ändern, wird natürlich nicht nur mit Angst und Sorge reagieren, was ich wirklich gut verstehen kann. Der wird auch glauben, wir seien dazu nicht imstande.

Mancher mag gehofft haben, wir bauen ein paar Asylheime, reichen gut erhaltene Klamotten rüber, geben was in den Klingelbeutel, und danach geht es weiter wie bisher.

Genau das wird so nicht passieren. Von daher verstehe ich die Ängste und die Neigung zu politischen Bewegungen und Glücksversprechern, die glauben, wir könnten diese alten Zustände wiederherstellen. Die Wanderungsbewegungen, die wir jetzt von Syrien, Irak, Afghanistan und Pakistan erleben, werden uns auch noch mal von Afrika erreichen – als Folge des so genannten arabischen Frühlings, den wir ja alle eher mit Jubel verfolgt haben. Das bedeutet auch, dass wir hohe Zinsen zahlen müssen – für eine verfehlte Politik, aber auch für eine sehr auf unseren eigenen Wohlstand konzentrierte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Die Welt wird komplexer, das bedeutet für viele eine Heraus- aber auch eine Überforderung. Aber dann darf man erst recht nicht Sirenen folgen, die glauben, Vereinfachung wäre die Lösung der Stunde.

Wichtige Lebensdaten
Ruhrbischof Overbeck

19. Juni 1964 geboren in Marl,1983 Abitur am dortigen Geschwister-Scholl-Gymnasium, Beginn des Theologiestudiums an der Universität Münster, 1984-1990 Studium der Theologie und Philosophie in Rom.

1989 Priesterweihe in Rom durch Joseph Kardinal Ratzinger; 1990 Kaplan in Haltern; 1994 Domvikar am St. Paulus-Dom in Münster; 2000 Promotion zum Dr. theol. an der Katholisch-Theologischen Fakultät Münster.

2007 Ernennung zum Titularbischof von Matara (Nordafrika) und Weihbischof in Münster; 2008 Wahl zum Diözesanadministrator des Bistums Münster.

2009 Ernennung zum Bischof von Essen; 2011 Berufung durch Papst Benedikt zum Militärbischof für die Bundeswehr; 2014 Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz.

Die komplexe Welt zeigt sich oft ganz einfach: Wenn Sie in einem großen Textil-Kaufhaus eine Hose für elf Euro kaufen können, ahnt doch jeder, dass der Preis kaum fair zustande kam.

Und doch sind viele in unserer Gesellschaft erstaunt, wenn sie merken, welchen Preis wir dafür bezahlen, dass wir schon lange auf Kosten anderer leben. Wenn ich am Wochenende die Tüten eines bestimmten Textil-Discounters und anderer Warenhäuser aufsammle, denke ich auch: Na, wie viel Mühe und ungerechter Lohn steckt da drin? Das beschäftigt uns schon seit den 1970er Jahren. Und es hat 40 Jahre gedauert, bis es nun zu einem Megathema für alle wurde. Unser Wohlstand ist ein Segen, aber wir werden jetzt zu Recht von denen gefragt, auf deren Kosten er aufkam: Was zahlt ihr auf Dauer?

Geht es, wie Roland Koch sagt, in Wahrheit allein um die Frage, ob wir „bereit sind, unseren Gemütlichkeitsbauch anknabbern zu lassen“?

Das gilt sicher nicht für alle Menschen in unserer Gesellschaft, denn es gibt diese Schicht, die wirklich arm ist und wenig hat bis gar nichts. Aber einen großen Teil trifft das.

Und? Sind wir denn bereit?

Wenn ich sehe, mit welcher Hilfsbereitschaft ganz viele Leute sich zum Beispiel der Flüchtlinge annehmen, dann ist die weit überwiegende Mehrheit bereit – und tut auch schon viel. Ich sehe aber auch die anderen, die eher ängstlich und skeptisch sind. Und es gibt natürlich den Teil, der all dem ablehnend gegenüber steht. Dabei haben wir hier in unserer Region noch die allerwenigsten Probleme, was Akzeptanz angeht und das Gefühl, was tun zu müssen.

Unter den ablehnenden sind auch viele Christen. Sind Sie enttäuscht?

Mich macht das ausgesprochen nachdenklich, weil das Bibelmotiv der Herbergssuche für alle gilt. Aber auch hier zeigt sich eben: Wir werden von einer Volkskirche zu einer Kirche im Volk, und es klären sich viele Motive, w a r u m Menschen glauben und unter welchen Bedingungen sie es können.

Ihre Forderung, dass auch wir uns ändern müssen, hat ein riesiges Echo ausgelöst.

Dass wir uns ändern müssen, wenn wir mit den Entwicklungen Schritt halten wollen, ist für mich erst einmal eine ganz normale Erkenntnis. Aber mich hat in der Tat sehr nachdenklich gestimmt, von welcher Seite und mit welcher Vehemenz, mit welchen Unterstellungen und Wortverdrehungen reagiert wurde, um selber eine politische Aussage platzieren zu können.

Versuchen Sie mit Kritikern, ins Gespräch zu kommen? Oder sagen Sie: Da ist Hopfen und Malz verloren?

Ich rede mit jedem unter der Voraussetzung, dass es mit Anstand geht. Wenn der andere die Argumente nicht einsehen mag oder sie in sein Konzept der Lebensdeutung nicht integriert, ist das zu tolerieren.

Und doch, der Ton wird rauer, viele positionieren sich neu, wie diese oft gehörte Floskel zeigt: „Ich bin zwar nicht ausländerfeindlich, aber . . .“

Und wieder ist das die Angst. Unsere Herausforderung liegt auch darin zu diskutieren, wie wir uns als Wertegemeinschaft verstehen. Gerade angesichts der Herausforderungen des „Islamischen Staates“ werden wir daran erinnert, uns positiv zu bestimmen: Was trägt uns?

Gute Frage. Es ist noch keine Ewigkeit her, da wurden gerade in den Gemeinden des Ruhrbistums Lebensmittelpakete für Polen gepackt. Ausgerechnet in Polen aber vermisst man jetzt Solidarität mit den Flüchtlingen.

Das gründet wohl im Glauben, man könnte die Entwicklung wie ein Schlechtwettergebiet überstehen, indem man sich abschottet von all den Veränderungsprozessen, und danach scheint wieder die Sonne über der alten Welt. Aber wir befinden uns nicht in einem Schlechtwettergebiet, sondern in einem Klimawandel – nicht nur beim Wetter, sondern auch im Blick aufs Soziale.

Fürchten Sie nicht, dass – wenn die Flüchtlingswelle anhält – Sie ihre Position noch mal korrigieren müssen? Aus praktischen Erwägungen?

In der Tat: Die praktischen Erwägungen, die Frage der Kapazitäten, sind ein realistisches Maß, aber nicht das Maß von allem. Hinzu kommt die Stimmung der Bevölkerung. Und das dritte: Wir müssen trotzdem eine Gesamtverantwortung wahrnehmen, die größer ist, als das, was heute und morgen zu sehen ist. Flüchtlingsströme werden zum Zeichen des 21. Jahrhunderts.

Und kein Weg zurück?

Ich hoffe, dass es neben der klugen Innenpolitik im Blick auf die Aufnahme von Flüchtlingen und ihre Integration eine kluge Militärpolitik gibt, präventiv tätig zu werden. Und dass eine Außenpolitik betrieben wird, die eine heimatnahe Unterbringung der Flüchtlinge unterstützt. Wir müssen viel mehr investieren als bisher, damit die Leute in ihrer Region bleiben und schneller nach Hause zurückkehren können, als wenn sie tausende Kilometer weit weg sind.

Das Gespräch führte Wolfgang Kintscher.

Wolfgang Kintscher
Kommentare
24.12.2015
12:21
„Die Flüchtlinge ändern sich - wir ändern uns“
von ejd | #3

Die Menschen sollen sich ändern, aber wann will sich Hr. Overbeck mit seinem Verein ändern?
Die Bürger sollen für die Flüchtlinge spenden, aber wann...
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„Die Flüchtlinge ändern sich - wir ändern uns“
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2015-12-23 07:00
Essen