Die Essener Band „78 Twins“ ist „Fast Beinahe Bekannt“

Pop und Funk statt Hupkonzert: Als die A40 im Kulturhauptstadtjahr zur großen Musik-Bühne wurde, waren natürlich auch die „78 Twins“ auf der Autobahn.
Pop und Funk statt Hupkonzert: Als die A40 im Kulturhauptstadtjahr zur großen Musik-Bühne wurde, waren natürlich auch die „78 Twins“ auf der Autobahn.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Die Essener Band „78 Twins“ beherrscht die Kunst des Überlebens im harten Musikgeschäft. Die Doku „Fast beinahe bekannt“ erzählt ihre Geschichte.

Essen.. Natürlich hat man so seine Vorstellungen, wovon ein Film über eine Rock-Band zu handeln hat: Mädchen, Drogen, Sex – und Ruhm nicht zu vergessen. Ungefähr an dieser Stelle müssen Grammy-Preisträger Peter Brandt und der Film- und Videoproduzent Tobias Berbuer einmal kräftig gegähnt und dann beschlossen haben: Wir machen mal was anderes! Das Kontrastprogramm zum filmischen Hohelied auf ergraute Gitarren-Götter bietet nun die Essener Band „78 Twins“.

„Fast Beinahe Bekannt“, so der augenzwinkernde Titel ihrer Band-Doku, die am 9. Februar im altwehrwürdigen Essener „Filmstudio“ seine Premiere feiert, ist das ungeschminkte Portrait einer Band, die seit Jahren im Musikgeschäft überlebt – und zwar ohne Marketing-Stab und Plattenlabel im Rücken. Eine von vielen im Land und doch einzig. Für die Filmemacher waren sie ohne Frage erste Wahl.

Funk, Pop und Balladen

Der alte Tourbus ist an diesem Morgen in Huttrop geparkt. Grau scheint hier alle Melodie, doch im Hinterhof ist eine der für viele Kenner besten Live-Bands des Landes zu Hause, die auch noch die kleinsten Bühnen-Absteigen zu brodelnden Tanzpalästen macht, wenn sie ihre mitreißende Mischung aus knackigem Funk, sanften Balladen und saftigen Poprhythmen hören lässt. Ein paar hundert Meter weiter rauscht der monotone Sound der A 40. Als die Autobahn im Kulturhauptstadtjahr 2010 einen Tag lang auf Stillstand gestellt war, da haben auch die „78 Twins“ ihre Instrumente ausgepackt. Schade nur, dass dieser historische Moment im Film nicht auftaucht. Irgendwie hat das Kamerateam damals nicht daran geglaubt, dass sowas klappen könnte: Samstagnacht noch in Ulm zu spielen, ein Stündchen auf der Autobahnraststätte zu ruhen und am nächsten Morgen die Ruhr.2010 zu beschallen.

Da kannten die Filmleute die 1978 geborenen Korn-Zwillinge Benny und Bastian, den Mann am Bass, Sven Hiller, und Gitarrist Martin Ettrich noch nicht so gut. Die Vier brauchen keinen Tour-Truck, keine Roadies, im Grunde nicht mal einen Soundcheck, um ihr Publikum zu begeistern. „Wir spielen eigentlich überall, wo ein Stecker ist“, sagt Martin Ettrich. Einfach „hinfahren, aufbauen, fertig“. Kein Gedöns. 80 bis 100 Mal im Jahr machen sie das. Wer von der Musik jenseits der Arenen-Auftritte leben will, führt volle Fahrtenbücher.

Sie selbst verstehen sich als „Profis im Amateursektor“, so Benny Korn, der schon seit rund 25 Jahren zusammen mit seinem Zwillingsbruder Bastian auf der Bühne steht. Etliche Titel haben sie eingespielt. Sie waren Preisträger beim Deutschen Rock und Pop Preis 2006“ in Duisburg und Gewinner des Grand Prix der Komponisten in Aachen 2004. Vor allem ihre Live-Auftritt gelten als legendär, und spätestens wenn Bastian Korn auf dem Piano seine akrobatischen Einlagen macht, steht der Saal kopf.

Peter Rüchel ist Ehrengast

Das muss man gesehen haben und deshalb steht der Konzertmitschnitt natürlich im Mittelpunkt der Doku, die ansonsten weder Drehbuch noch Ausstattungsetat kannte. Für die Aufnahmen im Bahnhof Süd musste erst mal ein Starkstromgenerator in den Garten gewuchtet werden: Scheinwerfer, Mikrofone und 5.1Dolby-Surround. „Da sah es mal aus wie bei den Stones“, grinst Sven Hiller.

Vermutlich wird die Premiere am 9. Februar nicht ganz den Hype auslösen, für den die Rolling Stones vor ein paar Jahren mit der Musikdoku „Shine A Light“ sorgten, aber die Vorstellung ist längst ausverkauft. Es gibt Fans, die nehmen auch hunderte Kilometer Anfahrt in Kauf, um ihre Bühnenlieblinge zu erleben. „Und wenn’s nur 20 davon gibt, lohnt es sich immer, auf die Bühne zu gehen“, sagt Bastian Korn.Leidenschaft ist kaum bezahlbar. Vielleicht wird der Film ein einmaliges Ereignis bleiben. Vielleicht wird die Nation danach mehr von dieser Band aus Essen hören. Ein bisschen stolz sind sie schon. Auch auf den Ehrengast Peter Rüchel. Der hat vor vielen Jahren mal den Rockpalast in der Grugahalle erfunden. Es wäre kein schlechter Auftritts-Ort für diese Live-Band, die bislang nur „fast beinahe bekannt ist“.