Die Axt für den Alltag

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Preise hat Hagen Rether schon viele abgeräumt, doch nach seinem jüngsten Auftritt in der Lichtburg darf sich der Essener Kabarettist sicherlich unbestritten den Titel „Größte Quasselstrippe im Land“ ans Revers heften. Vier Stunden lang, bis kurz vor Mitternacht, präsentierte er dem ausverkauften Haus den Ritt durch die Mieseren dieser Welt mit zahlreichen aktuellen Ausflügen.

Und Rether wäre nicht Rether, wenn er das aktuell heißeste Eisen, Islam und Islamismus, Toleranz und Terror, ungeschmiedet ließe. Ganz langsam fängt er an, plaudert sich durch das Thema Fremdenfeindlichkeit, nimmt Angela Merkels „Islam gehört zu Deutschland“ aufs Korn, lästert über das unsägliche „Das wird man doch mal sagen dürfen“ von Lieblingsfeind Thilo Sarrazin, landet schließlich bei der „Scheinheiligkeit“ der aktuellen „Wir sind Charlie“-Proteste, um noch einmal das unsterbliche „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt“ des verblichenen Verteidigungsministers Peter Struck zu zitieren. „So einen Mist haben die uns erzählt, jahrelang“, kommentiert er den Letzteren.

Und „dieser Mist“, das Pharisäertum im Großen und im Kleinen der Wohlstandsgesellschaft, das ist auch an diesem Abend vier Stunden lang sein Futter. „Ja, geht’s noch?“, kommentiert er dann, und „Das kann ja nicht sein“, oder „Was machen wir da?“. Das ist nicht lustig, vor allem wenn man selbst gemeint ist. Doch lustig will der Mann, der mit der rhetorischen Axt beharrlich auf die Selbstzufriedenheit im Alltag einschlägt, auch oft überhaupt gar nicht sein. „Sind Sie auch so froh, dass Sie bei den Guten sind?“, fragt er gern sein Publikum.

Das ist provokativ, aber übel nehmen ihm das die wenigsten. Konservative verirren sich nicht allzu häufig in seine Shows, jedenfalls nicht wenn sie vorher wissen, was auf sie zukommt. Rethers Publikum ist weitgehend links und wähnt sich längst nicht in der besten aller Welten. Die wenigsten würden ihm dabei widersprechen, dass ein bisschen weniger Untertanentum und ein Haufen mehr Verantwortung für das große Ganze Not tue.

Manchmal ist der Spiegel allerdings ein Zerrspiegel. Plattitüden wie „Jedes Land bekommt die Regierung, die es verdient hat“ können schon mal Abwehr auslösen. Und das nicht nur bei den Nachkommen derer, die nach der Reichstagswahl 1933 von der NSDAP verfolgt wurden.

Dafür gibt es kein Gejohle und auch nur selten donnernden Applaus. Geklatscht wird zum größten Teil grüppchenweise, gelacht ebenso, am ehesten wenn es um Alltagsbeobachtung und nicht die große Welt geht. Nicht jedem ist der Spiegel vor dem eigenen Antlitz immer ganz genehm. Doch am Ende sind seine Gäste deshalb ja gekommen – und nach vier Stunden klüger wieder nach Hause gegangen.