Der Wald braucht mehr Ruhe

Feierabend, bald geht die Sonne unter. Aber für eine Runde im Wald reicht es allemal. Wenn es stockdunkel wird, muss man nur die Stirnlampe einschalten. Die Förster aber sehen die Freizeitaktivitäten zu vorgerückter Stunde eher kritisch.
Feierabend, bald geht die Sonne unter. Aber für eine Runde im Wald reicht es allemal. Wenn es stockdunkel wird, muss man nur die Stirnlampe einschalten. Die Förster aber sehen die Freizeitaktivitäten zu vorgerückter Stunde eher kritisch.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Immer mehr Freizeitaktivitäten werden in die Abendstunden verlegt. Jogger mit Stirnlampen und Mountainbiker sind abseits der Wege unterwegs.

Essen.. Die Tiere im Essener Wald bleiben nicht mal nachts unter sich. Es sind die Menschen, die ihre Freizeitaktivitäten nach Feierabend immer weiter in die Abend-, und sogar in die Nachtstunden verlegen. Das fuchst den Fuchs.

Immer noch darf der Essener Wald südlich der A 40 nicht betreten werden – bis auf 14 Hauptwege, die inzwischen freigeräumt werden konnten. Für die Bürger, die sich im Forst erholen oder Sport treiben wollen, ist die noch gültige grüne Sperrzone ein Ärgernis. Doch Fuchs und Co. kommt dieses Verbot gelegen. Der Mensch war vorher für sie ein Störenfried – zunehmend auch in der Dunkelheit. Und wird es wieder sein, sobald alle Sperrungen aufgehoben sind.

Technik macht’s möglich

Es ist spät nach Feierabend, die Sonne ist schon untergegangen. Freizeitsportler kennen keine Sperrstunde. Die Technik macht’s möglich. Schon für wenige Euro kann jeder in einem Discounter eine Stirnlampe kaufen. Turnschuhe an, Lampe aufgesetzt - raus in den Wald. Immer mehr Nacht-Jogger sprinten durch den Wald, ihre Sicht beschränkt sich auf den Lichtkegel der Lampe. Macht nichts. Der Wald sieht doch eh’ immer gleich aus.

Auch Mountainbiker sind unterwegs, und der ein oder andere macht schon tagsüber genug Probleme, weil er querfeldein sich seine eigenen Wege sucht und dabei die Flora gefährdet. Und für manche Geocacher ist es noch spannender, im Dunkeln nach dem „Schatz“ zu suchen.

Schäden abseits der Wege

Der Stadt bereiten zur vorgerückten Stunde geplante Freizeitaktivitäten noch kein Kopfzerbrechen, solange sie nicht überhand nehmen und sich die Tiere an diese Nachtschwärmer gewöhnen – vorausgesetzt, sie bleiben auf den Wegen. Die Geocacher-Szene sei in Essen überschaubar und auch weitgehend sensibilisiert, damit nicht versehentlich eine Höhle als Versteck genutzt wird, in der Fledermäuse nisten. Die schlimmsten Schäden abseits der Wege hatten vor einigen Jahren Mountainbiker angerichtet. Im Naturschutzgebiet Kamptal im Stadtteil Schönebeck hatten sie sogar illegale Sprungschanzen gebaut – derzeit sei es aber ruhig. Auch wegen Ela.

Für die Zukunft aber sieht das Regionalforstamt Ruhrgebiet, zu dem auch der 1.750 Hektar große Essener Wald gehört, die Lage eher kritisch. Der Wald wird immer stärker von Sportlern und Hobby-Freunden in Anspruch genommen, nachts werden Wildtiere – und Insekten gar in Scharen – verscheucht.. „Die Gefahr, dass es zu Zerstörungen in der Natur kommt, ist größer geworden,“, gibt Reinhart Hassel, Leiter des Regionalforstamtes zu bedenken. Und das nur deshalb, weil sich Waldbesucher nicht an die Regeln halten. Sie dürfen wertvolle Biotope, Aufforst- und Naturverjüngungs-Areale nicht betreten, und, sie müssen in Naturschutzgebieten auf den vorgegebenen Wegen bleiben. Doch die Realität sei eine andere: „Unser Wald ist ein rechtsfreier Raum geworden“, ärgert sich Hassel. „Man will sich nichts vorschreiben lassen. Aber so etwas darf nicht jeder selbst entscheiden, weil die Lage im Wald nur Fachleute richtig einschätzen können.“

Nicht alle Wege führen zum Ziel

Hassel wünscht sich, dass die Waldbesucher mehr Rücksicht auf die Natur nehmen. und die Vorschriften beachten. Kontrollieren kann seine Behörde das nicht. „Dafür fehlt uns das Personal.“

Ulrike Eitner, Vorstandsmitglied beim Naturschutzbund Essen (Nabu) schlägt vor, nicht mehr alle vom Orkan Ela blockierten Waldwege freizumachen, „damit wieder etwas mehr Ruhe in den Wald einkehrt“. Sie plädiert für mehr Wege-Rückbau. So könnte auf manche parallel verlaufende Pfade wie am Baldeneysee verzichtet werden. Insofern ist der Orkan, trotz der immensen Schäden, die er angerichtet hatte, auch eine Chance, einiges im Forst neu zu ordnen. Dafür will sich der Nabu in der städtischen Arbeitsgruppe stark machen, die sich nach Ela mit der Neukonzeption des Waldes beschäftigt.