Der Staat darf kein Billiger Jakob sein
04.11.2009 | 18:01 Uhr 2009-11-04T18:01:00+0100
Essen. Auftakt mit Furore: Der neue Stadtkämmerer Martin Klieve plädiert für die Erhöhung der Eintrittspreise für Opern, Konzerte, Theaterstücke und Ballettaufführungen in Essen. Mit dieser Idee trifft er nicht nur auf offene Ohren.
Die Eintrittspreise für Opern, Konzerte, Theaterstücke und Ballettaufführungen in Essen sollen nach Ansicht des neuen städtischen Kämmerers Lars Martin Klieve deutlich angehoben werden.
„Ich bin schon erstaunt, wie viel Geld Bürger bereit sind, für kommerzielle Veranstaltungen, beispielsweise für Musicals wie ,Buddy Holly', auszugeben. Warum sollen dann hochwertige Kulturveranstaltungen wie etwa im Aalto-Theater oder in der Philharmonie so günstig angeboten werden? Nur weil es der Staat organisiert, sollte er nicht als Billiger Jakob auftreten", sagte der seit 5. Oktober als Finanzchef Essens arbeitende Klieve bei seinem ersten öffentlichen Auftritt während einer Diskussionsveranstaltung im Plakatkunsthof Rüttenscheid.
Einnahmelücken schließen
Angesichts eines drohenden 400-Millionen-Euro-Lochs im städtischen Etat für 2010 machte der Kämmerer damit den ersten konkreten Vorschlag, um Einnahmelücken in der Stadtkasse zu schließen.
Immerhin leistete sich die städtische Gesellschaft „Theater und Philharmonie" (TUP), die die fünf entscheidenden Kultursparten betreibt, mit 44 Millionen Euro im Jahr einen höheren Verlust als der gesamte Evag-Nahverkehr, der 36 Millionen Euro kostete.
Im Grillo-Theater kosten derzeit die Eintrittskarten in der Regel zwischen 8 und 25 Euro und im Aalto-Theater für Oper, Musicals oder Ballett zwischen 13 und 47 Euro. Die Essener Philharmoniker spielen für 7 bis 32 Euro auf. Eine große Gruppe von Bürgern zahlt sogar nur halb soviel: Schüler, Studenten und Lehrlinge unter 27 Jahren, Schwerbehinderte und Arbeitslose.
Folgen für Kulturszene bedenken
Dagegen kostet das Buddy-Holly-Musical des Privatunternehmens „Stage Entertainement" zwischen 58 und 105 Euro - inklusive Vorverkaufsgebühr von 15 Prozent.
Trotzdem hält Essens Ballettdirektor Ben van Cauwenbergh von dem Vorstoß Klieves nichts. Eine Erhöhung der Eintrittspreise im Aalto-Theater oder in der Philharmonie werde schwerwiegende Folgen für die Kulturszene haben.
„Wir haben ein begeistertes Stammpublikum, das uns eine hohe Auslastung im Aalto-Theater beschert. Doch wenn die Eintrittspreise erhöht werden, dann bleibt unser Publikum weg", zeigt sich van Cauwenbergh im Plakatkunsthof überzeugt.
11:43
Offener Brief
An den Stadtkämmerer Lars Martin Klieve
der Stadt Essen
Sehr geehrter Herr Klieve,
Ihrem Vorschlag zufolge, sollen die Eintrittspreise für Opern, Konzerte, Theaterstücke und Ballettaufführungen der Stadt Essen deutlich angehoben werden.
Mit vollen Taschen lässt sich das leicht fordern. Gehen Sie doch bitte erst einmal mit gutem Beispiel voran.
Ich fordere Sie auf, das Abo-Büro der TuP Essen anzurufen( Tel. 8122170) und dem freundlichen Dienststellenleiter verbindlich zu erklären, dass für den Rat der Stadt Essen KEINE Freikarten mehr ausgegeben werden und dass die Sonderpreise für Bedienstete der Stadt ab sofort zu entfallen haben.
Bei Ihrem Einkommen werden Sie doch sicher kein Problem damit haben, eine Eintrittskarte mal selbst zu bezahlen, oder?
Wenn man bedenkt, dass ein Rentner aus Gladbeck den vollen Eintrittspreis zu entrichten hat (Rabatt gibt es nur für Seniorenpassinhaber der Stadt Essen), ist nicht zu verstehen, dass im Erwerbsleben stehende Mitarbeiter der Stadt Essen noch Sondervergünstigungen oder gar Freikarten erhalten.
Dass die TuP-Aktivitäten und die Aufgabenstellung eines Theaters im Rahmen der Kulturvermittlung nicht mit den Angeboten der kommerziellen Veranstaltungsanbieter verglichen werden können, werden Sie hoffentlich inzwischen verstanden haben.
Mit freundlichen Grüßen
Ein Besucher
09:55
Wie immer wenn hier diskutiert wird: an unsere Jugend denkt keiner. Ist denn wirklich allen Beteiligten hier nicht bekannt, welche außerordentlich wichtigen Beiträge die TuP bei der kulturellen Bildung unseres Nachwuchses leistet? Wieviel Schulklassen in die Theater kommen? Schauen Sie doch einfach mal in die Spielzeitübersichten was man hier alles für Kinder macht. Und das muß doch zu Preisen möglich sein, dass hier einkommenschwache Familien nicht ausgegrenzt werden.
Wohin das führt wenn man jungen Leuten keine Kultur vermittelt, sieht man doch beim neuen Stadtkämmerer Martin Klieve.
Wir reden doch hier nicht über einen kleinen elitären Kreis der sich Kultur gönnt! Die Besucher von Theater, Schauspiel, Ballett und Konzerten stammen doch aus allen Schichten. Und dass hier ein großer Bedarf besteht, zeigen doch die Auslastungszahlen von weit über 90%.
Wie man auf die Idee kommen kann, diese Veranstaltungen (bzw. Ihren Veranstalter die TuP) mit den profitorientieren, rein kommerziellen Musicalveranstaltern zu vergleichen, ist nicht zu verstehen. Die haben nämlich keinen Kulturauftrag sondern wollen nur Gewinn machen.
#11 sollte auch mal ins Theater gehen statt nur darüber zu schreiben. Selbst erleben ist nämlich etwas anderes.
17:10
@ #6 u #7: Kann es sein, dass es sich bei Ihnen um meine Kollgen aus dem Krankenhaus handelt?
17:05
„Jede Anhebung ist ein wirtschaftliches Risiko: Wenn durch Preiserhöhungen die Zahl verkaufter Karten sinkt, können trotz höherer Preise die Einnahmen sinken
Mein Gott - welch eine Erkenntnis. Einen Wirtschaftsnobelpreis und eine Beföderung nach EG15 bitte - aber sofort!
Im übrigen möchte ich auf den sog. Snob-Effekt verweisen: So erzählen sich die Oberärzte an unserem Krankenhaus regelmäßig in welch tollen Theaterstücken, Opern und Konzerten sie waren und wie traumhaft die Aussicht / die Akkustik von dem und dem Logen-Sitzplatz doch war.
Knappe Güter wecken eben oftmals die größte Nachfrage.
Fragt man sie dann nach weiteren Werken des jeweiligen Künstler oder die in der Literatur vertretenen Auffassung zur Interpretation der Stücke, so herrscht seltsamerweise sofort Schweigen im Walde. Also reine Anwesentheitskultur eben.
Solche Menschen sollte man viel stärker schröpfen - vielleicht lässt sich auf der Gegenseite trotz knapper Kassen dann eine Ermäßigung für die billigen Plätze oder ein Sozialtarif realisieren.
Ich schätze ab einem bestimmten Preislevel würde man sogar entsprechend betuchte Kundschaft aus dem Raum Düsseldorf oder Münster locken können.
08:25
@ der sauerländer
das amt des kämmerers/der kämmererin kann man nicht einsparen - ist in der go so vorgeschrieben - erst informieren - dann schreiben!
(bei den übrigen beigeordneten könnte man verzichten - z.b. bei der kultur ;-)
08:05
Gute Idee Herr Klieve,
bitten Sie den Bürger zur Kasse.
So wie die EVAG, die zweimal jährlich den Fahrpreis erhöht und trotzdem seit Jahrzehnten
Verluste einfährt!
22:39
Der neue Kämmerer hat das getan was unbedingt notwendig ist.
Er hat ein Tabu angesprochen, welches die Kulturfreude auf die Palme bringt.
Die hochsubventionierten Eintrittspreise im Essener Kulturbereich.
Jetzt heulen die Betroffenen,
vergessen aber, dass sie jahrelang zu Billigpreisen Hochkultur genießen durften.
Es ist jetzt Zeit Bilanz zu ziehen.
Bezahlt die Hochkultur angemessen, wenn sie weiterhin in Essen gepflegt werden soll.
17:57
Wieso spart man nicht das Amt des Kämmerers ein? Bei einer Besoldung von B 8 könnte man bei ihm mit gutem Beispiel vorangehen! Wer so ein primitives Bildungsverständis öffentlich zeigt, darf meines Erachtens kein Amt in einer Stadt inne haben, die nächstes Jahr Kulturhauptstadt Europas sein möchte.
17:13
Der Staat darf kein Billiger Jakob sein
Aber der Bürger darf die Kuh sein, d
ie es selbst dann zu melken gilt, wenn gar nichts mehr zu melken da ist!
Dieser Wurm, der sich Stadtkämmerer nennt ist das lebende Beispiel dafür, wie verkorst diese Generation ist!
Erzogen ohne Werte aber mit unerschütterlichem Anspruchsdenken!
Ist ist nicht mehr zum Aushalten!
17:09
Liebe Politiker, macht doch die ganze TuP zu! Dann habt ihr 44 Millionen gespart. das Loch ist dann noch 360 Millionen tief. Das rettet Essen nicht, aber es würde wenigstens zeigen, was euch die Kultur wert ist: nämlich nichts.
Alle diese Ideen vom Sparen in der Kultur retten den Haushalt nicht, machen aber wichtige Einrichtungen kaputt und schädigen das Image der Stadt.
Wann kommt endlich mal eine Kulturpolitik die eine langfristige, verlässliche Finanzierung für gut funktionierende Kultur-Institutionen absichert?