Der Spaß an der neuen Sprache

„Das ist ein Salat....“ Mit den drei Artikeln im Deutschen haben die Schülerinnen und Schüler in der Auffangklasse für Seiteneinsteiger, darunter viele Flüchtlingskinder, am Viktoria-Gymnasium noch ihre Mühe, doch vieles klappt schon erstaunlich gut. Vor allem haben sie offenbar Spaß an der neuen Sprache und arbeiten im Unterricht engagiert mit.
„Das ist ein Salat....“ Mit den drei Artikeln im Deutschen haben die Schülerinnen und Schüler in der Auffangklasse für Seiteneinsteiger, darunter viele Flüchtlingskinder, am Viktoria-Gymnasium noch ihre Mühe, doch vieles klappt schon erstaunlich gut. Vor allem haben sie offenbar Spaß an der neuen Sprache und arbeiten im Unterricht engagiert mit.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Das Viktoria-Gymnasium hat seit vier Wochen eine Auffangklasse für Kinder aus Flüchtlingsfamilien und andere Schüler ohne Deutsch-Kenntnisse eingerichtet – ein NRZ-Besuch im Unterricht

Essen.. „Ist das eine Orange?“ fragt Ursula Freihold scheinbar naiv in die Runde und hält eine Zitrone in die Luft. „Nein!“ ruft Baiman, ohne sich zu melden. Die 14-Jährige ist eine ehrgeizige Schülerin und muss sich manchmal ein wenig zügeln. Bei fast jeder Frage nach einer deutschen Vokabel fliegt ihr Finger in die Luft. Das syrische Mädchen ist eines von zwölf Schülerinnen und Schülern, die seit vier Wochen eine Auffangklasse für sogenannte Seiteneinsteiger am Viktoria-Gymnasium im Südost-Viertel besuchen. Hierbei handelt es sich vor allem um Schüler aus Flüchtlings- und anderen Einwandererfamilien. Die Kinder im Alter von zehn bis 15 Jahren werden zwar gemeinsam unterrichtet, doch arbeiten sie, ähnlich wie an einer Gesamtschule, an unterschiedlichen und ihrem Alter entsprechenden Lernzielen. Eine didaktische Herausforderung für das Kollegium.

Im Deutsch-Unterricht sind die Kinder eifrig bei der Sache und haben sichtlich Spaß an der neuen Sprache. Denn Schule bedeutet für sie in erster Linie, für ein paar Stunden der Enge ihrer Asylunterkunft entfliehen zu können. Hier werden sie ernst genommen und dürfen etwas, was für die meisten deutschen Schüler selbstverständlich ist: einfach nur Kind sein. „Die kommen sogar zur Schule, wenn sie eigentlich frei haben“, erzählt Schuldirektor Klaus Wilting. So viel Engagement ist er von seinen einheimischen Schützlingen nicht immer gewohnt.

Verständigung mit Händen und Füßen

Diese gehen indes erstaunlich souverän mit der neuen Situation um: „Wir haben unsere Schüler gut auf die Situation vorbereitet, dass es eine Flüchtlingsklasse an unserer Schule geben wird. Und wir sind überrascht, wie gut das funktioniert“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Alice Bienk. „Wir haben viele unserer Schüler von einer ganz neuen Seite kennengelernt.“ Denn einige Jugendliche mit Migrationshintergrund, die vorher hier und da als problematisch galten, erfahren sich plötzlich in einer ganz neuen Rolle. Wird in der Schule sonst von ihnen erwartet, in erster Linie Deutsch zu sprechen und sich nur zuhause in ihrer Muttersprache zu unterhalten, sind nun ihre Fähigkeiten als Dolmetscher gefragt.

Auch Shendrit Maxhuni freut sich darüber, dass nun einige albanische Kinder an seiner Schule vertreten sind. „Es ist schön, mich mal wieder in meiner Sprache unterhalten zu können“, sagt Shendrit. Als die Flüchtlingskinder ihren ersten Schultag hatten, übernahm er spontan Verantwortung und bot ihnen seine Hilfe an. Für sie ist er nun so etwas wie ein großer Bruder. „Ich habe den Kindern gleich gesagt, dass ich jetzt immer für sie da bin.“

Viel Improvisation gefragt

Mit dem 13-jährigen Dejan, ebenfalls aus Albanien, hat Shendrit sich bereits angefreundet. „Am Anfang habe ich nicht geglaubt, dass ich in Deutschland Freunde finden würde. Aber das ist passiert – darüber bin ich sehr froh“, sagt Dejan auf albanisch, während Shendrit übersetzt. Auch der Austausch mit den Eltern der Flüchtlingskinder läuft vor allem über Sozialarbeiter und Dolmetscher, die in den Übergangswohnheimen arbeiten.

Überhaupt war in den ersten Tagen viel Improvisation gefragt, räumt Wilting ein, doch bringen die neuen Schüler auch Bewegung und spannende Impulse ins Schulleben. „Wir haben den Platz dafür und die Leute, die es können“, sagt Wilting anerkennend mit Blick auf Ursula Freihold, die früher schon einmal mit Auffangklassen gearbeitet hat. „Es ist eben alles eine Frage der Organisation.“

Gleiche Regeln für alle

Und der Verständigung. Da einige Schüler nicht alphabetisiert sind oder nur die arabischen Schriftzeichen beherrschen, muss Freihold bei ihnen quasi bei Null anfangen. Die Muttersprache ihrer Schüler beherrscht sie ebenso wenig, und somit läuft die Kommunikation vor allem über Mimik und Gestik. „Man muss die Sprache so anschaulich und konkret wie möglich vermitteln“, erklärt die Pädagogin. „Deshalb bringe ich oft Gegenstände mit in den Unterricht, so prägen sich die Schüler die Vokabeln am besten ein.“ Auf ihrem Pult liegt neben den Zitronen allerlei Grünzeug wie Karotten, Salat oder Kartoffeln.

Doch funktioniert der Spracherwerb eben nicht nur über die Schulbücher, sondern auch über die Landeskunde und Kultur. Deshalb verlassen die Lehrer regelmäßig den Mikrokosmos Schule und unternehmen alltägliche Dinge mit den Schülern. Mal ein kleiner Ausflug oder gemeinsam Eisessen – so sollen die Kinder Schritt für Schritt ihren Radius erweitern und mit der Stadt vertraut werden.

Dabei gelten für die Schüler aus Flüchtlingsfamilien die gleichen Regeln wie für alle anderen, betont Alice Bienk. „Wir behandeln alle gleich und machen keine Unterschiede. Allerdings hatten wir mit den Flüchtlingskindern bislang kaum Probleme.“ Konflikte würden vielmehr auch familienintern geregelt, wobei vor allem die älteren Schwestern eine tragende Rolle spielten: „Die haben ihre jüngeren Brüder ganz gut im Griff“, erzählt Wilting schmunzelnd. Auch, wenn es organisatorisch zunächst schwierig war, habe er seinen Entschluss, eine Flüchtlingsklasse einzurichten, bisher keine Sekunde bereut. „Man bekommt von den Schülern sehr viel zurück.“