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Loveparade-Tragödie

Der schlimmste Einsatz seines Lebens

25.07.2010 | 19:54 Uhr

Essen / Duisburg.Bei der Loveparade-Tragödie gerieten auch Essener Polizisten und Helfer an ihre Grenzen. Nach bisherigen Erkenntnissen keine Todesopfer aus Essen.

Am Tag danach fällt es Lars Lindemann immer noch schwer, sein Entsetzen in Worte zu fassen: „Es war eine extrem unwirkliche Situation.“ Knapp 24 Stunden zuvor hat der Essener Polizist vor dem Todes-Tunnel gestanden, um vor laufenden Fernsehkameras zu erklären, was bis heute unbegreiflich scheint. Lindemann und seine Kollegin Tanja Horn, die beide der Pressestelle der Essener Polizei angehören, sollten am Samstag bei der Loveparade die Duisburger Behörde unterstützen. Es wurde, so der 37-jährige Polizeibeamte, „der schlimmste Einsatz meines Lebens“.

Leichen auf dem Boden

Nachdem die ersten Meldungen über die Katastrophe die Einsatzzentrale aufgeschreckt haben, fährt Lindemann zum Unglücksort. Auf dem Boden liegen Leichen, um ihn herum werden Verletzte versorgt, gleichzeitig wummern nicht mal 100 Meter entfernt die Techno-Bässe über das Gelände. Lindemann, der seit 17 Jahren im Polizeidienst ist: „Die meisten Besucher hatten gar nicht mitgekriegt, was geschehen war.“ Spiel mir das Lied vom Tod – die Szene auf dem ehemaligen Duisburger Güterbahnhof wird Lindemann nie mehr vergessen.

Bedenken im Vorfeld

Nicht nur viele Besucher stehen unter Schock. Auch Polizisten ringen um Fassung, nehmen die Hilfe von Notfallseelsorgern in Anspruch. „Wir mussten die Leute regelrecht anbrüllen, um Platz für die Rettungswagen zu schaffen“, berichtet ein anderer Essener Polizist, der bei einer der Absperrungen eingesetzt war. Manche der Teilnehmer seien „unfassbar aggressiv“ gewesen, erinnert sich der Beamte und führt das auf Alkohol und Drogen zurück. Mit Blick auf den Veranstaltungsort habe es unter den Polizisten schon vorher Bedenken gegeben: „Hoffentlich geht das gut hier.“ Für das, was dann geschah, hat der Essener Ordnungshüter nur ein Wort: „Grauenhaft.“

Auch die Essener Feuerwehr und andere Hilfsdienste rasen am Samstagnachmittag mit Blaulicht Richtung Duisburg. 176 Helfer, darunter sechs Notärzte, sind im Einsatz, von den Schwerverletzten werden mehrere mit Hubschraubern ins Uni-Klinikum Essen geflogen.

Zur gleichen Zeit herrscht am Essener Hauptbahnhof Chaos. Der Bahnverkehr ist fast völlig zusammengebrochen. Wer es schafft, mit dem Zug oder in einem der bereitgestellten Autobusse aus Duisburg wegzukommen, ist am Ende seiner Nerven. Figen Uhlmann: „Ich hatte Todesangst.“ So wie die junge Frau aus Oberhausen berichten viele Besucher über dramatische Szenen.

Obwohl die Polizei davon ausgeht, dass sich unter den Loveparade-Besuchern viele Gäste aus Essen befanden, hieß es bis zum frühen Sonntagabend: „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen gibt es unter den Toten keine Essener.“ Allerdings waren bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Opfer identifiziert.

Unter Schock - einige Raver berichten von ihren Erlebnissen

Nicht nur Polizei und Feuerwehr sind völlig schockiert über den Horror bei der Duisburger Loveparade. Auch „Ra­ver“ aus Essen können nicht fassen, was passiert ist.

Eva Anders aus Frintrop war mitten unter ihnen und hat anfangs nichts mitbekommen: „Irgendwann kamen jede Menge SMS; jeder wollte wissen, ob’s mir gut geht“, sagt sie. Nur langsam habe sich alles rumgesprochen. „Wenige Hundert Meter von mir entfernt sind Menschen umgekommen, das ist einfach schrecklich.“ Auf dem Weg nach Hause habe das völlige Chaos geherrscht. Immer wieder wurden am Duisburger Hauptbahnhof Wege gesperrt, „keiner wusste wohin. Da be­kommt man es mit der Angst zu tun“, gibt die 25-Jährige zu.

„Ich hatte Panik
und Todesangst“

Bianca Baum (37) aus Freisenbruch war seit dem Vormittag in Duisburg, erfuhr aber erst gegen 19 Uhr per SMS von einer Freundin von der Katastrophe. „Die Stimmung war so­fort am Boden. Wir wollten zurück nach Essen.“ Auf dem Heimweg wurde Baum durch einen Tunnel zum Hauptbahnhof geführt. „Dort war’s ebenfalls total eng. Viele verletzten sich und schrien. Ich hatte Panik und Todesangst, nachdem ich wusste, was den anderen Menschen im Tunnel passiert ist.“

Pascal Kamp aus Überruhr war mit Freunden kurz vor dem Unglück im Todes-Tunnel und kletterte über eine Mauer, um der Masse zu entkommen. „Bereits auf dem Weg vom Bahnhof zum Paradegelände mussten wir lange warten. Wir waren mitten im Gedränge. Es gab kein Vor und kein Zu­rück mehr. Von hinten drängelten immer mehr Leute“, sagt Kamp. Einige haben sogar Bauzäune eingerissen, um aus der schmalen Schleuse zwischen den beiden Tunnelröhren zu fliehen. Auf dem Festivalgelände selbst sei die Stimmung aber völlig gelöst gewesen, „ein komisches Gefühl“, für Pascal Kamp, dem das Entsetzen über den Horrortrip noch anzuhören ist: „Wären wir nicht die Mauer hochgeklettert, hätten wir wahrscheinlich ein paar Minuten später die Panik miterlebt. Keine Ahnung, wie das dann für uns ausgegangen wäre.“

Züge verspäteten
sich oder fielen aus

Durch die Tragödie kam es zu erheblichen Problemen im Betrieb der Deutschen Bahn. Als die ersten Nachrichten von den tödlichen Unfällen der Duisburger Loveparade einliefen, war der Fahrplan vollends über den Haufen ge­worfen. Die Rückreise der Be­sucher setzte viel früher und massiver ein als geplant und überschnitt sich zudem noch mit dem immer noch andauernden Anreiseverkehr. Denn während plötzlich tausende Gäste der Loveparade gleichzeitig nach Hause wollten, wussten andere noch nichts vom Unglück und machten sich auf den Weg nach Duisburg. Das Chaos hatte zahlreiche ausfallende und erheblich verspätete Züge zur Folge.

Die Bahnhofsmission re­agierte prompt und alarmierte weitere ehrenamtliche Helfer, die Reisende auf den Bahnsteigen über Chancen zur Weiterfahrt informieren sollten. Das erwies sich als fast unmöglich: Die Zugführer wussten oft bis zur Ab­fahrt nicht, wohin die Reise gehen soll. Ständig bekamen sie per Funk neue Anweisungen. „Wo kann ich denn noch hin?“, fragte der Lokführer einer S-Bahn per Handy am Leitstand nach. Inzwischen war die Strecke nach Duisburg immer wieder gesperrt. Schließlich lenkte er den Zug nach Oberhausen, um wenigstens einige Raver schnell nach Hause zu bringen.

Ulrich Führmann, Pascal Hesse, Sebastian Auer, Kai Süselbeck

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Kommentare
26.07.2010
21:46
Der schlimmste Einsatz seines Lebens
von haltestelle | #18

#7Alfred Hollerbach
Es hätte auch auf der A 40 passieren können...
Sehe ich auch so. Zumindest stellenweise war es brisant. Die haben halt mehr Glück als Verstand gehabt.

26.07.2010
15:51
Der schlimmste Einsatz seines Lebens
von Simone Lietz | #17

Unfassbar. Trauer. Wut auf die Vernatwortlichen. Mein tiefstes Mitgefühl gilt allen Angehörigen der Opfer und Verletzten. Die, die das mit ansehen mussten, wünsche ich, dass sie diese bilder verarbeiten können. Die Toten sind durch nichts zu ersetzen. Ich hoffe nur, dass jeder mal in sich geht und über sich selbst und seine Verhaltensweisen gegenüber anderen Mitmenschen nachdenkt. Klar liegt die Verantwortung hauptsächlich bei den Veranstaltern und denen, die das abgesegnet haben. Aber auch hier gab es rücksichtslose Menschen, die sich aggressiv verhalten haben. Mein Dank und Respekt gilt allen, die selbstlos geholfen haben und so verhindert haben, dass es weitere Tote gab. Auch danke ich allen Sanitätern und Hilfskräften, die nun schreckliche Bilder mit sich herumtragen müssen. Bitte liebe Mitmenschen denkt über euch selbst auch nach, damit sowas nie mehr passieren kann

26.07.2010
15:27
Der schlimmste Einsatz seines Lebens
von drmccoy | #16

Eine ähnliche Situation durfte ich vor einiger Zeit in Dortmund erleben als wir zum Fußballspiel mit der U-Bahn zum Stadion wollten. Den Abgang zur U-Bahn wurde durch Sicherheitskräfte & Polizei versperrt, so das auch hier immer mehr BVB Fans von hinten nach drängelten. Auch hier gab es bereits tumultartige Szenen, UND DAS NUR WEIL DIE SICHERHEITSKRÄFTE FLASCHEN EINSAMMELTEN. Unfassbar! Früher hat das in Dortmund friedlicher und reibungsloser funktioniert.

26.07.2010
14:54
Der schlimmste Einsatz seines Lebens
von Desdemona | #15

Das Ruhrgebiet kann solche Menschenmassen fassen, das haben wir alle bei dem Stillleben auf der A40 mitbekommen und auch bei der Loveparade in Dormund.
Nur wurde hier die Menschenmenge nich eingefercht wie in Duisburg.
Es ist unglaublich traurig was dort passiert ist, ich war zu dem Zeitpunkt im Kino und hab es erst später in den Nachrichten erfahren und war total schockiert, denn eigentlich wären wir auch gerne auf der Loveparade gewesen,wenn wir uns kurzfristig aufgrund gesundheitlicher Bedenken nicht fürs Kino entschieden hätten.
Ich bin wirklich froh dass ich nicht dort war um das mitzuerleben und ich bin in Gedanken bei den Familien der Opfer.

26.07.2010
10:58
Der schlimmste Einsatz seines Lebens
von e.buerger | #14

Es erchüttert mich, dass 19 Menschen sterben müssen weil ereignisbesoffene Politik und, Verwaltungen meinen aus der tiefsten Provinz -dem Ruhrgebiet- eine Weltstadt machen zu müssen.

26.07.2010
10:09
Der schlimmste Einsatz seines Lebens
von Hoby | #13

sandvik, toller Vorschlag! Das Ruhrgebiet ist von der gesamten Infrastruktur her nicht auf derartige Masssen ausgelegt??? Ist ja interessant!! Aber die Infrastruktur rund um Nürburgring & Co. ist es??? Der Nürburgring bspw. liegt mitten in der PAMPA!! Wie sollen da 1-2 Mio Leute hinkommen??

26.07.2010
09:37
Der schlimmste Einsatz seines Lebens
von canideloklaus | #12

Jeder vorausplanende Mensch schaut doch zuerst einmal nach, wieviele Menschen bei den zurückliegenden Lps vor Ort waren, in Essen über 1 Mio und plant dann das entsprechende Event. Hier zeigt sich doch schon die Stümperhaftigkeit der Siherheitsplanung, wenn man einen Platz auswählt, der max. 300.00 Menschen fasst. Bei einem Zugangsvermögen von 20.000 Besucher pro Stunde,
durch einen Tunnel hätte die Befüllung des Geländes 15 Std.!! vor Veranstaltungsbeginn durchgeführt werden müssen!

26.07.2010
09:06
Der schlimmste Einsatz seines Lebens
von sandvik | #11

Abgesehen von der unnötig reisserischen Aufmachung über das beiwohnen eines Pressesprechers bei der LP sollte man nun wirklich die Verantwortlichen zur Rechneschaft ziehen. Dazu gehört auf jeden Fall OB Sauerland der ja um jeden Preis diese LP in Duisburg haben wollte. Desweiteren sollte diejenigen die gesagt haben, daß das Sicherheitskonzept okay ist und genug Platz da ist ebenfalls ihren Hut nehmen.
Und das alles ohne Abfindungen oder ähnliche Spielchen auf Kosten der Bürger.
Solche Veranstaltungen gehören definitiv eher auf Flächen wie Nürburgring oder so (siehe Rock am ring etc.).
Ein Gebiet wie das Ruhrgebiet ist von der gesamten Infrastruktur her nicht auf derartige Massen ausgelegt.

26.07.2010
07:51
Blockierter Kommentar.
von Stadionjetzt | #10

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

26.07.2010
07:30
Der schlimmste Einsatz seines Lebens
von Alfred Hollerbach | #9

Es hätte auch auf der A 40 passieren können.
Am Stand des WDR kein durchkommen.Da kein Weg zur Flucht vorhanden habe ich die Stecke an der Breslauerstr.über die Gleise verlassen.

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