Der Schatz im Quecksilbersee
05.05.2008 | 15:50 Uhr 2008-05-05T15:50:00+0200SCHULE. Ein 15-Jähriger fliegt von der Schule, weil er eine Chemikalienflasche hat mitgehen lassen. Die Eltern versuchen zu retten, was zu retten ist.
Mal angenommen, Pubertät ist der Start zum Raumflug ins Ungewisse. Mit kräftigem Hormonschub abheben zu eigenen Planeten, das Schwerefeld von Elternhaus und Schule hinter sich lassen. Lernen, um sich selbst zu kreisen. Aber auch, einen eigenen Kurs zu finden. Dieser 15-Jährige, der sich Dennis nennen möchte, steuert gerade einen höchst gefährlichen Kurs. Der Absturz droht, schnell und hart. Auch wenn er sich abkapselt wie die fiktive Raumfahrtlegende Major Tom, der sich im All verlor, weil er nicht mehr zuhören wollte, als die Bodenstation ihn rief. Verloren im Weltall.
Dennis fliegt gerade. Und zwar von der Schule. Die Viktoriaschule hat ihn entlassen - "Entfernung von der Schule" heißt das im Amtsdeutsch. Die drastische Strafe gibt's selten, im vergangenen Schuljahr flog kein einziger der 19 000 Gymnasiasten in Essen von seiner Schule, in diesem Schuljahr sind es drei. Dennis hat am 14. April eine Flasche mit Quecksilber eingepackt. Einfach so, weil sie da stand, sagt er. Die Dämpfe hätten viele Menschen töten können. Passiert ist zum Glück nichts.
Die Bezirksregierung weist eine neue Schule an
Außer für Dennis. Das Quecksilber ist immer noch giftig genug, sein Leben zu ruinieren. Findet er seinen Kurs wieder? Können ihm die Eltern ein Rettungsseil zuwerfen? Nutzt er die Chance am neuen Gymnasium? Dem dritten innerhalb von zwölf Monaten - im vergangenen Jahr wechselte er bereits die Schule, am alten Gymnasium hatte er die falschen Freunde, so seine Mutter. Jetzt hat der Teenager seine zweite Chance vertan. Jetzt bekommt er seine dritte. Von Amts wegen. Die Bezirksregierung wird ihm eine Schule anweisen. Freiwillig hat ihn keine Penne nehmen wollen.
Seine Eltern haben beschlossen, für ihren Sohn zu kämpfen, suchen die Öffentlichkeit, suchen Rechtshilfe, wollen, dass ihr Sohn wieder ans Gymnasium kann, weiterlernen, im zweiten Anlauf die Versetzung in die Klasse 9 schafft - sie wollen ihren Schatz im Quecksilbersee retten. Trotz des blauen Briefes. Mathe, sagt Dennis, Mathe kriegt er wieder in den Griff. Und die zweite Fünf - in Sport? Das müsste nicht die Hürde sein, an der Dennis strauchelt.
Ein Typ der Marke "netter Junge" für den keine Oma die Straßenseite wechseln muss - so sieht er aus, wenn er da am Tisch sitzt. Er sagt auch was, wenn man ihn fragt. Aber er ist eher halblaut als vorlaut. Und echte Antworten gibt er nicht, auf die Frage, was denn in seinem Kopf vorgegangen ist, als er die Flasche aus dem Physikraum genommen hat. Warum er nicht SOS gefunkt hat, die Pulle auf den Tisch stellt, beim Hausmeister, beim Schulleiter. Und sagt: "Ich hab was Dummes angestellt. Wie komm' ich aus der Nummer raus?"
Nein, Dennis nimmt das giftige Zeug mit, von dem er annahm es sei Salpetersäure, mit der er seine Chemikaliensammlung erweitern wollte - für welche Experimente auch immer. Er vertraut sich nicht seinen Eltern an, als ihm klar wird, dass eine groß angelegte Suche nach dem Täter losgeht. Er sucht das Weite, verschwindet zu einem Freund und versteckt die Flasche hinter Handtüchern im Familienbad.
Die Polizei sieht die kriminelle Energie und packt zu: Als Dennis am Abend nach Hause kommt, klicken die Handschellen. Bis er endlich etwas sagt, verbringt er Bedenkzeit im Polizeigewahrsam. Dann gesteht er. Vielleicht wird er mit dieser Geschichte bei falschen Freunden zum Helden - wenigstens für einen Tag.
Für diese Woche jedoch ist er ins Polizeipräsidium vorgeladen. Gerade strafmündig, wird gegen ihn ermittelt. Die Flasche mitgehen lassen - das ist Diebstahl. Dennis schreibt eine Entschuldigung für die "Teilkonferenz" seiner Schule (siehe Infobox). Die Runde war ohnehin bereits schon einberufen - für den Mittwoch nach dem Quecksilberklau.
Warum stand die giftige Substanz herum?
Denn Dennis hatte vor einigen Wochen Reizgas dabei. Aus Angst vor einem falschen Freund, sagt er. Er hat es einem anderen falschen Freund in der Parallelklasse gegeben, der hat einen Mitschüler gefunden, der naiv genug war, das Zeug auszuprobieren. Und sowas riecht an jeder Schule nach Ärger.
Dafür wurde er für eine Woche vom Unterricht ausgeschlossen. Das Gremium schloss direkt die nächste Sitzung an. Dennis fand dort keinen Fürsprecher, doch seine Eltern waren bei ihm. Hilft ihre Fürsorge? Oder bestärkt sie Dennis in dem Glauben, dass sie ihn schon rausboxen?
Das zumindest ist die Auffassung von Hans Schippmann, Schulleiter der Viktoriaschule, der in seinem Arbeitszimmer die Akten gern auf dem Besprechungstisch ausbreitet. Weil er von dort den Blick über den Schulhof schweifen lassen kann. Wer geht rein? Wer geht raus? Gibt's Konflikte?
Früher, sagt er, haben Eltern und Lehrer am gleichen Strang in die gleiche Richtung gezogen, um so die Kinder auf Kurs zu bekommen. Heute erlebt er immer mehr Eltern, die ihre Kinder bedingungslos verteidigen, auch mit rechtlichen Mitteln. Sicher, es nervt, wenn die Eltern nachbohren. Warum stand die Flasche da überhaupt rum? Hat der Physiklehrer, Typ zerstreuter Professor, seine Aufsichtspflicht verletzt? Ist die Teilkonferenz rechtlich korrekt einberufen worden? Berechtigte Fragen, gewiss. Aber diese Antworten werden Dennis nicht weiterhelfen.
Flugkontrolle an Dennis - hören Sie uns?
DIE TEILKONFERENZ Im Paragrafen 53 des Schulgesetzes sind die "Ordnungsmaßnahmen" aufgeführt, die gegen Schüler verhängt werden können. Neben Verweisen und der Versetzung in eine Parallelklasse zählt dazu auch die Entlassung von der Schule, über die eine "Teilkonferenz" (der Schulkonferenz) zu entscheiden hat. Dabei sind: die Schulleitung, der Klassenlehrer und drei weitere Lehrer sowie Vertreter der Schulpflegschaft und des Schülerrates. Letztere nahmen an der Sitzung von Dennis nicht teil. Der betroffene Schüler und die Eltern müssen in der Konferenz laut Gesetz angehört werden.
09:58
Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Hass, schrittweise Ausgrenzung, Ängste schüren - diese Stichworte fallen mir hier ein und führen mich direkt, dank Wikipedia, zum Stichwort HETZE:
im gesellschaftlichen Sinn bezeichnet man unsachliche und verunglimpfende Äußerungen zu dem Zweck, Hass gegen Personen oder Gruppen hervorzurufen, Ängste vor ihnen zu schüren, sie zu diffamieren oder zu dämonisieren.
Historisch bedeutsam ist vor allem die Judenhetze der Nationalsozialisten, die die schrittweise Ausgrenzung der Juden aus dem gesellschaftlichen Leben in Deutschland mit sorgfältig durchdachten Mitteln der Propaganda vorantrieb.
Mann Mann Mann, seid Ihr erwachsen und eure Kommentare...pädagogisch so wertvoll! Wer sich bis hier her noch nicht von seinem schlechten Gewissen hat überführen lassen, für den habe ich nichts, ausser vielleicht noch ein von kopfschütteln untermaltes Pfui übrig.
Noch schnell die aktuellen FAKTEN: Der Schüler wurde am Freitag von einem seiner Lehrer, mit Beginn des Unterrichts, und mit dem Kommentar, ob er sich am Unterricht beteiligen möchte oder nicht, sei dem Lehrer egal und nicht wichtig, der letzten Reihe verwiesen.
Ich bin erstaunt und wenn es nicht ein solches Armutszeugnis wäre, wäre ich fast schon amüsiert...
15:55
ich bin in dennis klasse und ich muss sagen, dass er sich öfters daneben benommen hat... bei lehrern im unterricht war er still, sagte nie ein wort..gerüchte gingen umso mehr um.... um allen möglichen kram... warum er nichts sagte, was er in seiner freizeit machte all sowas eben... in den pausen hing er bei den falschesten der falschen freunde ab (mit ausnahmen, die sich jedoch auch mitreißen ließen bei irgendwelchem quatsch der angezettelt wurde)... so ging das eine weile... es wurde ja immer schlimmer... der hatte garkeinen respekt mehr vor lehrern... im unterricht still, in den pausen ******* baun ... ich finde, sowas geht nun wirklich zu weit! un dann tut er so als wäre nichts gewesen, als wäre er eher ein held... war bei der polizei, stand in der zeitung.... wow! denkt er auch mal an die gründe?! dass er menschen in gefahr brachte?! dass ER die ******* gebaut hat?! wahrscheinlich nicht, denn bis jetzt hatte er immer einen doofen auf den er alles geschoben hat, der ihm vllt sogar freiwillig geholfen hat alles wieder grade zu biegen, auch wenn man selbst seinen kopf hinhalten muss.... un seit gestern ist er wieder da... sitzt auf seinem platz und tut so als wäre nie etwas gewesen.... das kann doch nich so weitergehen! aber leider wird er auch von manchen gefeiert! auch jene müssten ihm mal zeigen wo es lang geht! dennis hört doch nie auf! unsere klasse war mal eine geminschaft.... jetzt ist sie eine gruppe aus leuten, die den gleichen unterricht besuchen hinter dem rücken aber über sich herziehen .... danke, Dennis... ich hoffe, er würde endlich gehen, damit man neu anfangen kann.... ohne so einen unruhestifter... vllt schafft ja sogar er einmal nicht immer von seinen schulen zu fliegen!
22:31
Mein Kind teilt nun erzwungenermaßen weiterhin mit diesem Schüler die Klasse..Darüber wurden weder wir Eltern noch die Schüler informiert. Dennis hat schon vor dem Quecksilbervorfall sehr viel Unruhe in die Klasse gebracht. Ich frage mich wirklich, was noch passieren muß, damit Schule und Schüler vor ihm geschützt werden. Er hat viele Menschen in Gefahr gebracht. Weder er noch seine Eltern haben sich bei den Mitschülern dafür entschuldigt.
09:11
Wie sagte einst Michael Mittermeier: Ein Arschlochkind!......können wirs nicht nochmal reinschieben?
Spass beseite: der Bengel sollte mit 15 Jahren wissen, dass er die Finger von Dingen zu lassen hat, die ihm nicht gehören! Das weis das Gros der Kinder schon mit 6 Jahren!
Welche Rolle spielt es da, ob die Flasche beaufsichtigt wurde??????
Klarer Fall: wenn die Eltern versagen, sind es immer Lehrer und Schule schuld.
ARMES DEUTSCHLAND!