Der Knalleffekt

Blick auf einen der Verkaufsstände in der Eissporthalle in Essen-West. Aus Sicherheitsgründen mussten in diesem Raum hier
Blick auf einen der Verkaufsstände in der Eissporthalle in Essen-West. Aus Sicherheitsgründen mussten in diesem Raum hier
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
An den Tagen vor Silvester kaufen zahlreiche Essener fleißig Raketen und Böller. Andere stören sich am Lärm und dem Dreck auf der Straße. Und an dem Gedanken, Geld „in der Luft zu verbrennen.

Essen.. Heute Abend ist es wieder soweit. Tausende Essener werden Raketen gen Himmel schicken und das neue Jahr mit lauten Böllern willkommen heißen. Jörg Franzmeier ist auf dem Weg zum Feuerwerksverkauf in der Eissporthalle. Der Holsterhausener könnte zwar persönlich auf die Knallerei verzichten, aber seine beiden kleinen Kinder lieben die bunte Pracht und den Geruch, stehen nachts extra noch mal auf, um die Raketen bewundern zu können. Der Verkauf in der Eissporthalle ist der größte Einzelstandort in ganz Deutschland. Um die 10.000 Feuerwerks-Batterien lagern in gesondert gesicherten Containern vor dem Gebäude, berichtet Organisator Thomas Schiemann.

Der frühere Präsident der Moskitos leitet den Verkauf schon seit 19 Jahren. Gestern Mittag musste er bereits die ersten Angebote durchstreichen, denn einige Artikel sind ausverkauft. Der 58-Jährige hat sich vorher ausgiebig selbst mit Raketen und Böllern eingedeckt. Rund 150 Euro hat er dafür ausgegeben. „Einmal im Jahr darf man ruhig ein bisschen ausflippen“, findet Thomas Schiemann. „Feuerwerk hat auch immer etwas Symbolisches.“

451 Schüsse für 79 Euro

Im Verkaufsraum wird es eng, an der Kasse bilden sich Schlangen. Alle paar Meter steht ein roter Feuerlöscher für den Ernstfall bereit. Alexander Schliemann stapelt die letzten „Ambosse“, die angeblich größte Batterie Deutschlands mit 451 Schüssen in einer Packung. Nach 73 Sekunden ist das Spektakel vorbei. Kostenpunkt: 79 Euro. Komplette Boxen, die man nur einmal anzünden muss und gemischte Tüten verkaufen sich in diesem Jahr besonders gut, wie Schliemann junior berichtet. „Wir haben auch Kunden, die hier für die ganze Familie einkaufen. Das sind dann schon mal bis zu 300 Euro inklusive Bleigießen und Girlanden.“

Patchwork-Familie Funke-Kaiser und Glettenberg ist gerade dabei, ihren Karton voller Silvester-Equipment ins Auto zu laden. Die Kinder durften jeweils für 20 Euro einkaufen, für die Erwachsenen gebe es kein Limit, scherzt Mutter Bettina. „Eine gewisse Lärmbelästigung am Jahreswechsel finde ich okay“, so Ralf Glettenberg. „Wir sind mit Feuerwerk groß geworden, das ist einfach ein Stück Tradition.“ Allerdings sind Raketen und Böller nicht ganz ungefährlich, wie Bettina Funke-Kaiser leidvoll aus ihrer Jugend weiß. „Meine Mutter hat mich deshalb auf die Gefahren hingewiesen“, sagt die 17-Jährige Melina, die Silvester auswärts mit ihrem Freund feiert. „Also vor allem nicht zu viel Alkohol trinken.“

In der Tat kommt es in der Silvesternacht immer wieder zu Unfällen mit Feuer, Glas und Geschossen. Wie die Provinzial-Versicherung in einer aktuellen Studie vorrechnet, haben sich 57 Prozent aller Rheinländer schon mal während des Jahreswechsel verletzt. Dazu zählen häufig auch „Streiche“, wie etwa brennende Wunderkerzen in der Manteltasche eines Freundes. Jeder dritte Rheinländer hat am 1. Januar bereits Brandlöcher in der Kleidung oder auf dem Teppich entdeckt.

Tiere befinden sich in „dramatischer Situation“

Sowohl die Gefahren des Feuerwerks als auch Lärm und Müll auf den Straßen sind für viele Bürger ein Grund, dem Silvesterfest ganz den Rücken zu kehren. Die Essener Polizei stellt sich bereits auf zahlreiche Einsätze ein, wie Sprecherin Tanja Hagelüken erklärt. Die meisten Bürger seien jedoch tolerant und hätten sich an die Aktivitäten während der Tage um Silvester gewöhnt. Sabrina Conradshaus findet die Ballerei jedoch trotzdem nervig. Am liebsten würde sie ganz auf Silvester verzichten. „Ich finde es zu teuer und zu laut. Meiner Meinung nach sollte man das Knallen auf einen Tag beschränken“, so die junge Frau. Schließlich würden schon die ganze Woche Böller gezündet.

Der gleichen Meinung ist auch Bärbel Thomassen, Leiterin des Essener Tierheims. Feuerwerk und Böller seien ein großes Problem für alle Tiere. „Die Tiere können den Lärm nicht einschätzen, werden panisch“, so die Thomassen. „Das ist eine dramatische Situation. Einige flüchten, andere verstecken sich tagelang unterm Sofa.“