Der Kirchberg von St. Dionysius ist ein Ort der Stille

Von dem historischen Häuserensemble rund um die Borbecker Dionysiuskirche ist nur noch eine Handvoll Gebäude übrig geblieben.
Von dem historischen Häuserensemble rund um die Borbecker Dionysiuskirche ist nur noch eine Handvoll Gebäude übrig geblieben.
Foto: Essen
Was wir bereits wissen
Der Kirchberg von St. Dionysius ist nicht nur der geistige Mittelpunkt Borbecks, hier gibt es auch bauliche Kleinode und einen selten gewordenen Zustand: Ruhe. Pfarrkirche und Kirchplatz, die auf einem natürlichen Berg thronen, wirken wie losgelöst vom alltäglichen Trubel.

Essen.. Rund um die Borbecker St. Dionysiuskirche ist es an diesem sonnigen Vormittag fast unwirklich ruhig. Totenstill, wie es scheint, besonders wenn man weiß, dass unter den Füßen der Spaziergänger die Gebeine unzähliger Borbecker liegen. Nicht alle sind zu Staub zerfallen, wie der letzte Knochenfund auf dem Kirchvorplatz vor acht Jahren gezeigt hat. Doch der Kirchberg von St. Dionysius birgt nicht nur den einstigen Friedhof der Gemeinde, sondern auch Zeugnisse früherer Kirchenbauten, die bis zu 1000 Jahre zurückliegen.

Nicht ganz so lange war das mächtige Gotteshaus lebendiger und stolzer Mittelpunkt des Ortes, den die Essener Fürstäbtissinnen ab dem 14. Jahrhundert zu ihrer Sommerresidenz wählten. Heute wirken Pfarrkirche und Kirchplatz, die auf einem natürlichen Berg thronen, wie losgelöst vom alltäglichen Trubel zu ihren Füßen. Sie sind ein wunderbarer Ort der Stille und des Rückzugs, um Kraft zu schöpfen. Leider laden keine Bänke zum Verweilen ein, dabei wäre rund um die Backsteinbasilika genug Platz unter den schattenspendenden Bäumen.

Zeichen der Verwahrlosung

Mehrere Wege führen auf den Kirchberg; der mit der spektakulärsten Sicht auf den Glockenturm ist die steile Treppe am Weidkamp neben der Alten Cuesterey. Leichte Zeichen der Verwahrlosung zeugen vom nicht immer sensiblen Umgang mit der Ortsgeschichte, der nicht nur dem Sparzwang geschuldet sein kann: Unkraut sprießt aus den Ritzen, eine Laterne liegt halb geknickt auf den Stufen, statt eines schmiedeeisernen Handlaufs, der zum Ambiente passen würde, gibt’s ein schnödes weißes Kunststoffgeländer - auch das ist in der Mitte gebrochen. Im Kontrast dazu strahlen die Alte Cuesterey und das knapp 200 Jahre alte Haus linker Hand gediegene Behaglichkeit längst vergangener Zeiten aus.

Beide Gebäude gehören zu der Handvoll Häuser, die vom einst geschlossenen Ensemble, das den Kirchplatz eingerahmt hat, übrig geblieben sind. Auch hier erklingt das alt bekannte Klagelied: Was die Bomben des Zweiten Weltkrieges nicht schafften, erledigten in den 1950er und 1960er Jahren die Bagger der Investoren und Modernisierer. Und so bietet sich das übliche Bild: Glatte schmucklose Fassaden der Nachkriegszeit wechseln sich mit der kleinen Pfarrbücherei und den hübsch renovierten Vikarie-Gebäuden auf der Rückseite des Platzes ab.

Marien-Statue aus Thüringer Tropstein

Essen entdecken Ins Auge sticht das zweigeschossige Fachwerkhaus, in dem heute ein Restaurant untergebracht ist. Wer hier an lauen Sommerabenden vor der Tür sitzt und speist, muss nur einmal um die Ecke gehen und steht vor einem Kuriosum, das sich an der äußeren Chorwand befindet: Die Borbecker Lourdesgrotte bewegt sich hart an der Grenze zum Kirchenkitsch. Gestiftet 1911 vom längst verschwundenen Borbecker Knappenverein, erbaut aus Thüringer Tropfstein, beherbergt sie eine Marien-Statue nach dem französischen Vorbild. Immer noch legen Gläubige zu ihren Füßen frische Blumen ab und entzünden Kerzen für die Erlösung.

Essen entdecken Es mutet schon wie ein kleines Wunder an, dass ausgerechnet diese Grotte neben dem Kirchturm als einziger Teil den Zweiten Weltkrieg überlebt hat; der Rest der 1863 errichteten Pfarrkirche lag in Schutt und Asche und wurde ab 1947 in schlichterer Form wieder aufgebaut.

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