Der Jesus ist die Rolle seines Lebens

Francesco Livadoti spielt den Jesus. Diese Rolle ist mittlerweile fester Bestandteil  im Leben des 56-jährigen Christen.
Francesco Livadoti spielt den Jesus. Diese Rolle ist mittlerweile fester Bestandteil im Leben des 56-jährigen Christen.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Seit fast zwei Jahrzehnten spielt Francesco Livadoti den Jesus im Passionsspiel der italienischen Gemeinde. Dadurch sei er gläubiger geworden.

Essen.. Andächtig schreitet Francesco Livadoti in seinem weißen Umhang mit dem roten Überwurf durch ein Spalier von Soldaten, Pharisäern und vielen Zuschauern, gefolgt von seinen zwölf Jüngern. Dem 56-Jährigen ist die Versenkung in seine Rolle durchaus anzusehen, in gewisser Weise ist der Jesus die seines Lebens. Schon über 15 Mal hat er ihn in dem aufwendigen Passionsspiel der italienischen katholischen Gemeinde in Essen und sechs weiteren in Ruhrgebiet und Rheinland verkörpert. Doch diesmal müssen sich die rund 70 Darsteller auf neue „Bühnenverhältnisse“ einstellen. Nach vielen Jahren im Elisenpark spielt man zum ersten Mal auf dem Gelände der Holsterhauser Gemeinde St. Ignatius.

Vom Elisenpark nach St. Ignatius

„Das Gemeindebüro ist umgezogen und damit auch der Schauplatz des Spiels. Wir mussten uns bei den Proben neu organisieren“, berichtet Francesco Livadoti, bevor er das Gewand anlegt, das er, von den beiden vergangenen Jahren einmal abgesehen, stets am Karfreitag trägt. Ja, so ganz aus dem Vollen schöpfen wie im Elisenpark können die Akteure nicht mehr. Nun spielen sie vor der Kirche den Einzug nach Jerusalem, wandern mit den hunderten von Zuschauern in den Pfarrgarten zum letzten Abendmahl, nach der Verhaftung zurück auf den Parkplatz vor der Kirche, und nach der Verurteilung gehts zurück in den Pfarrgarten, in dem schon das Holzkreuz auf einem Bühnenelement wartet.

„Wir sind aber zum größten Teil sehr erfahren mit dem Spiel, einen Regisseur brauchten wir für die Änderungen nicht“, so Livadoti. Der Gemeindeseelsorger, Pater Arthur Spallek ergänzt: „Die Gruppe soll sich mit der Aufführung auch identifizieren.“ Manches ergibt sich in dieser „ewigen“ Geschichte allerdings auch von selbst, die deutschen und italienischen Texte sind die gleichen geblieben, und auch der Teil, der vom Band kommt, ist erprobt. Allerdings hat der Jesus-Darsteller diesmal einige szenische Neuerungen eingeführt.

Mittlerweile sind auch die Enkel dabei

„Das Abendmahl und die Fußwaschung der Jünger durch Jesu habe ich eingebracht“, erzählt Livadoti. Denn schon längst hat sich durch die Rolle auch etwas in seiner Persönlichkeit verändert. „Ich bin Jahr für Jahr gläubiger geworden, das merke ich deutlich“, sagt der Mann, der 1979 aus Kalabrien nach Deutschland kam. Abendmahl mit Fußwaschung gehört zu den Dingen, die in seinem Leben in den vergangenen Jahrzehnten hinzugekommen sind. Am Gründonnerstag spielt er in seiner Hertener Stammgemeinde ebendiese Szenen, hier und in zwei weiteren deutschen Gemeinden ist er zusätzlich u.a. als Kommunionshelfer tätig. Außerdem absolviert der Drucker seit 2012 eine viereinhalbjährige Ausbildung zum Diakon.

„Ich weiß auch nicht, woher ich die Zeit und die Kraft nehme“, erzählt der Laiendarsteller, der pünktlich am Aschermittwoch seine 40-tägige Fastenzeit beginnt und sich vor Ostern weder Kopfhaar noch Bart stutzt. Und so kann man schon fast von einem Erweckungserlebnis sprechen, als vor rund zwei Jahrzehnten von der Organisatorin Schwester Jolanda Zampiello in der Gemeinde in Oberhausen gefragt wurde, ob er für den lebendigen Kreuzweg die Hauptrolle spielen wolle.

„Ich konnte darauf erst gar nichts sagen, und habe mir das genau überlegt. Nach einer Woche erst habe ich meine Zusage gegeben“, erinnert er sich an diesen folgenreichen Moment in seinem Leben. Seitdem konnten ihn seine beiden Töchter Jahr für Jahr in der Ostervorbereitung erleben. Dass die Beiden, die mittlerweile selbst Mütter sind, mit den zwei Enkeln Jahr für Jahr zur Aufführung kommen, um den Opa als Jesus zu sehen, versteht sich von selbst.