Der Hüftschwung stimmt noch
31.12.2012 | 00:07 Uhr 2012-12-31T00:07:00+0100
Steele. „Ich bin ein so genannter Altrocker – so nannte man mich schon, als ich 35 geworden bin“, sagt der Mann auf der Bühne mit dem roten Hemd, der schwarzen Lederjacke, dem hoch gestellten Kragen und der Tolle auf dem Kopf. Sehr viel anders sah der 70-Jährige vor 35 Jahren auch nicht aus: Zum Abschluss des Weihnachtsmarktes hatte der Initiativkreis City Steele (ICS) Ted Herold nach Steele geholt und hunderte Zuschauer tanzten, klatschten und trällerten zusammen mit dem Teen-Idol der 1950er/1960er.
Die Hüfte locker, den Arm nach vorne
Ted Herold kommt nach Steele! Was hätte das vor 50 Jahren noch für Hysterie in den Mädchenzimmern gesorgt. Und für richtig dicke Luft bei Mami und Papi auf der Wohnzimmercouch. „Von dem habe ich schon geträumt, als ich zwölf Jahre alt war“, sagt Ute Kurenbach (66) und wippt begeistert mit. Damals, 1960, da hatte sie gekostet von der verbotenen Ananas aus der Silvesterbowle. Und dabei war ihr Mädchenherz entflammt für den deutschen Elvis, der mit so viel Schmalz in der Stimme von seinen Küssen singen konnte, die noch heißer als der Wüstensand brannten. Für die deutschen Radiostationen war das nicht wohltemperiert genug und für die Mutter sowieso nicht. Zwei Jahre lang musste sich Töchterchen gedulden, bis sie dem Betörer mit dem Rebellen-Image dann in der Lichtburg wahrhaftig gegenüber stand und sich sogar traute, ihm seinen weniger tönenden bürgerlichen Namen entgegenzuhauchen.
Über 50 Jahre später spielte dann Harald Walter Bernhard Schubring wieder die Hauptrolle in einer Mutter-Tochter-Geschichte im Hause Kurenbach. „Als meine Steffi gelesen hat, dass Ted Herold kommt, hat sie sofort gesagt: Da müssen wir hin“, erzählt Ute Kurenbach mit breitem Grinsen während Steffi zustimmend nickt. Ihr gefällt der „Altrocker“ auf der Bühne auch, warum auch nicht, sein Alter sieht man dem Mann am Mikro nun wirklich nicht an und die Posen, die hat er noch fast so gut drauf wie damals als 17-jähriger Heißsporn.
Die Hüfte locker, der Oberkörper leicht schräg gestellt, mit dem ausgestreckten Arm in Richtung Mädchenherzen zeigend und noch einen Hundeblick hinterher: So will man Rocker sehen und wenn sie noch den Hüftshake draufhaben, dann haben auch die Damen auf der Ruhrhalbinsel dem nichts entgegenzusetzen. Und natürlich hat er seine Hits im Gepäck, die zum größten Teil eingedeutschte Klassiker der Szene-Dinosaurier aus den „Rockin’ Fifties“ und den „Swinging Sixties“ sind.
„Das war doch meine Jugend. Älter werden wir alle, aber der kann sich ja noch bewegen“, stellt Maggie Tamms (63) fest, während der frisch wirkende Brecher der Mädchenherzen zu einem weiten Armkreisel ausholt. „Rock’n’Roll is king“, sagt er das nächste Stück an. Gefühlte 90 Prozent der Songs tragen den Schlüsselbegriff im Titel.
Doch wer den deutschen Elvis als längst vergangene Kuriosität abtut, der liegt falsch. Mindestens ein Drittel der Zuschauer waren zu den Glanzzeiten des deutschen King noch gar nicht auf der Welt.
So wie Regina Hochstein (38), die mit vielen Freunden aus Moers gekommen ist, um der Stilikone zum Nulltarif beim Hüftschwung zuzuschauen. Im 1950er-Stil sind sie und ihre Freundinnen echte Blickfänger. Die Herren tragen Tolle, Koteletten und Lederjacke. „Unser Jüngster ist 21 Jahre alt. Rock’n’Roll macht einfach Spaß“, sagt sie und eine Freundin ruft dazwischen: „und ist Lebenseinstellung“. Knapp eine Stunde hat das bunte Grüppchen mitgerockt, dann muss der Star von der Bühne und Autogramme schreiben. Schließlich ist er ja nicht mehr der Jüngste – sondern seit 35 Jahren ein Altrocker.

12:01
Das hat wirklich Spass gemacht! Ted Herold hat selbst mit 70 noch eine gute Stimme, besser als mancher Jungstar. Mein Kompliment an den ICS, die auch dieses Jahr wieder ein sehr abwechslungsreiches und interessantes Bühnenprogramm zusammengestellt haben. Vielen Dank dafuer.