„Der Friedhof ist ein lebendiger Ort“

Borbeck..  In den Augen von Winfried Paus ist ein Friedhof kein Ort, an dem Tod und Trauer vorherrschen. „Ein Friedhof ist ein lebendiger Ort“, sagt er. „Deshalb ist es unsere Aufgabe, diesen Ort interessant zu machen.“

Winfried Paus ist Friedhofsgärtner. Der 56-Jährige kennt den Friedhof an der Hülsmannstraße wie kaum jemand sonst. Schon sein Großvater und sein Vater haben auf der Ruhestätte gearbeitet. Winfried Paus ist in ihre Fußstapfen getreten. Seit 1988 führt Winfried Paus in dritter Generation die Friedhofsgärtnerei der Familie. In zwei Jahren wird auch sein Robin in den Betrieb einsteigen.

Das älteste noch erhaltene Grab auf dem katholischen Friedhof an der Hülsmannstraße in Borbeck stammt aus dem Jahr 1984. Eingeweiht wurde die Ruhestätte jedoch schon einige Jahrzehnte zuvor. Die damals existierenden Friedhöfe am Germaniaplatz und am Dionysiuskirchplatz waren mit der Zeit zu klein geworden.

Heute gibt es auf dem vier Hektar großen Friedhof 4200 Grabstellen. Etwa 3000 davon sind belegt. Zwischen den Gräbern sind viele freie Flächen, auf denen einfach nur Rasen wächst. „Ende der 1970er-Jahre war der Friedhof zuletzt voll belegt. Da war hier nichts mehr frei“, sagt Paus. „In Borbeck gab es damals ein Sprichwort: ,Es ist mir egal, ob Himmel oder Hölle – aber auf den Friedhof Hülsmannstraße will ich.’“

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat Winfried Paus erlebt, welchen Wandel es bei Grabgestaltung und Bestattungsformen gegeben hat. Und er kennt die Gründe für den „Leerstand“ auf dem Friedhof. „Die Menschen sind mobiler geworden“, sagt er. „Früher wohnten die Menschen über Generationen in Borbeck. Sie hatten hier ihre Arbeit, ihr Brot, ihr Zuhause. Da war ganz klar, dass sie auch an einer Familiengrabstätte festhalten.“ Heute zögen die Menschen wegen der Arbeit häufiger um. Und wer in Köln, München oder Berlin wohne, sei weniger geneigt, die Laufzeit für das Familiengrab zu verlängern, wenn diese ausläuft.

Die Urne ist immer beliebter

Dass Urnenbestattungen immer beliebter werden, sei ein weiterer Grund für die vielen freien Gräber, die man beim Spaziergang über den Friedhof sieht. „Ein Urnengrab braucht nur ein Sechstel des Platzes, den ein Sarg benötigt“, sagt Paus. Urnengemeinschaftsgräber bräuchten sogar noch weniger Platz. „Viele entscheiden sich für die Urne, weil sie ihre Kinder nicht mit der Grabpflege belasten wollen“, sagt Paus. „Wer hat denn heute noch Lust, sich um Grabpflege zu kümmern?“, fragt er dann. „Die Leute kaufen sich ihre Freizeit – und lassen den Gärtner das machen.“

Er versucht, auf solche Entwicklungen zu reagieren. Derzeit gestaltet er mit seinen zehn Mitarbeitern ein neues Grabfeld auf dem Friedhof an der Hülsmannstraße: Wege sind bereits zu sehen, drei Hügel werden noch aufgeschüttet, ein kleiner Brunnen soll das Ensemble komplettieren. 2016 soll das Ganze fertig sein. Es wird ein sogenanntes „dauergrabgepflegtes Gemeinschaftsfeld“, auf dem bis zu 250 Menschen bestattet werden können. Die Pflege übernimmt Paus’ Firma, die Angehörigen brauchen sich um nichts zu kümmern. „Da ist dann immer alles sauber, ordentlich und einheitlich“, sagt Paus. „Und weil alle Leistungen aus einer Hand kommen, ist die Pflege auch günstiger.“

Paus sagt, bei seiner Arbeit mache ihm Spaß, dass er etwas gestalten kann. Etwas, das bleibt. Mit seinen Mitarbeitern hat er auf dem Friedhof einige „Hingucker“ geschaffen: Einen Eisenbahn-Prellbock gibt es, eine Ruine und sogar einen Bergbaustollen. Besucher staunen zuweilen, so etwas hatten sie auf einem Friedhof nicht erwartet. Aber genau das ist ja das Ziel von Winfried Paus – den Friedhof interessant zu machen.