Der Essener Süden kennt keine Köttelbecke
14.04.2010 | 13:57 Uhr 2010-04-14T13:57:00+0200
Essen.Mit den Dingen verschwinden offenbar auch die Wörter. Schon hat sich der Ötsch verabschiedet, den heute kaum noch ein Jugendlicher kennt. Und auch auf dem Bolzplatz wird nicht mehr gedötscht, sondern gezockt – wie Essens Sprache sich wandelt.
Mit den Dingen verschwinden offenbar auch die Wörter. Schon hat sich der Ötsch verabschiedet, den heute kaum noch ein Jugendlicher kennt. Doch das Essener Wort für Spatz hätte nach Einschätzung des Sprachforschers Georg Cornelissen überleben können, auch wenn der Vogel immer seltener wird. Weil sich das Wort vom Ursprungsbegriff schon getrennt hatte und Onkel oder Tante liebevoll dem netten Neffen oder der niedlichen Nichte übers Haar strichen und sagten: „Wat bisse doch ‘n Ötsch.“ Ein Schätzken also.
Georg Cornelissens Untersuchung ist in Buchform im Klartext-Verlag erschienen. Das 136-seitige Werk mit 17 farbigen Sprachkarten heißt „Zwischen Köttelbecke und Ruhr“ und kostet 9,95 Euro. Sämtliche Essener Schulen mit einer Oberstufe - es sind 39 Stück - bekommen einen Klassensatz von je 25 Exemplaren des Buches. Damit, so die Hoffnung, auch in Zeiten des Zentralabiturs, das Essener Deutsch im Unterricht eine
Chance bekommt.
Doch auch als Kosewort kommt der Ötsch heute nicht mehr durch, den Sprachforscher noch vor rund 75 Jahren nachgewiesen haben, als Helmut Hellberg zwischen Lippe und Bergischem Land dem Volk auf den Schnabel schaute und in Essen eine Nord-Süd-Sprachgrenze ausmachte.
Die, so der Sprachforscher des Landschaftsverbandes Rheinland, gibt es auch heute noch - aber sie verwischt mehr und mehr: die Menschen ziehen zwischen den Städten und Stadtteilen mehr hin und her. Und auch zwischen den Generationen verwischen Worte.
Dennoch, sagt Georg Cornelissen, gibt es immer noch eine vielfältige Sprachlandschaft zwischen Köttelbecke und Ruhr. Mit der Köttelbecke - allen Renaturierungsbemühungen der Emschergenossenschaft zum Trotz - ist eben auch jener Fluss gemeint, der Altenessen von Karnap trennt und in den viele Köttelbecken münden. Und die sterben im Süden allmählich aus: In früheren Jahren und Jahrzehnten verbanden die Essener mit „Köttel“ eben nicht Fäkalien sondern auch die Kurzen (oder die Blagen - was alte Menschen übrigens weniger als abwertend empfinden als die Jungen). Kurz bedeutet eben im — äh — Wasserfall: Wir haben einen Bach vor uns. Jedenfalls wird das in Kettwig, Werden und Heisingen so gesehen, wo im Nordosten und Karnap mit der Köttelbecke eher die offene Abwasserrinne assoziiert wird.
Mittlerweile erobern die
Zocker die Bolzplätze
Wo vor kurzem noch auf dem Bolzplatz gebötscht oder gedötscht wurde, wird mittlerweile unter Jugendlichen übrigens gezockt — dass man nicht Karten — sondern Ballspiele zockt, ist vermutlich neu.
So ist Cornelissen sich jedenfalls sicher, dass die Sprachgrenzen mehr und mehr weggeschliffen werden. Noch aber können Düsseldorfer heraushören, ob ein Altenessener oder ein Kettwiger einen Text vorliest. Gewiss, sie nennen nicht die Stadtteile, aber der Kettwiger wird immer noch eher dem Rheinischen zugeordnet und der Altenessener dem Ruhrgebiet. Essen sein Deutsch gibt es also nicht, sondern Regiolekte, die bis in die Stadtteile hinein unterschiedlich sind. Doch auch von außen wandern neue Worte ein: Statt der Pommes sind die Fritten vorsichtig im Vormarsch. Und Butteram fürs Butterbrot sagt schon keiner mehr, dabei war das mal Essener Standart. Und auch die Knifte, Dubbel oder Bütterken sind für viele Jugendliche nicht mehr im aktiven Wortschatz. Bei ihnen gibt’s ein Sandwich. Ob’s dem Volksmund schmeckt oder nicht.
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