Der Bergmannsdom – Gotteshaus aus Stahl, Stein und Holz

Schlicht und schön: der große Kirchenraum mit den Emporen. Das holzvertäfelte Gewölbe wird von Gussstahlsäulen getragen.
Schlicht und schön: der große Kirchenraum mit den Emporen. Das holzvertäfelte Gewölbe wird von Gussstahlsäulen getragen.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Der 1901 erbaute Katernberger Bergmannsdom ist die größte evangelische Kirche in Essen und die letzte erhaltene Stahlsäulenkirche der Stadt.

Essen.. Wenn Jens Kölsch-Ricken durch die Katernberger Kirche führt, ist der evangelische Pfarrer in seinem Element: „Viele Besucher kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, wenn sie die Kirche betreten. Auch mich berührt die Stimmung, die hier herrscht, immer wieder aufs Neue.“ Der Aha-Effekt hat nicht nur etwas mit der Größe zu tun – immerhin finden in dem 1901 geweihten Gotteshaus, das im Volksmund nur Bergmannsdom heißt, 1430 Gläubige Platz. Vielmehr verbirgt sich hinter der biederen roten Backsteinfassade eine Schönheit, die auf ihre Art in der Stadt einmalig ist.

Wer jetzt Glanz und Gloria, Fresken und Putten erwartet, wird allerdings enttäuscht: Stahl, Stein und Holz sind die vorherrschenden Materialien, aus denen die letzte erhaltene Stahlsäulenkirche Essens erbaut wurde. Es sind „ehrliche“ Materialien, die der Essener Architekt Carl Nordmann vor 114 Jahren ganz bewusst gewählt hat: Sie sollten einen direkten Bezug zum Leben der Gläubigen herstellen, die in ihrer Kirche den Dialog mit Gott suchten.

Im Zweiten Weltkrieg vom Bombenhagel verschont

Dämmrig-dunkel wirkt der schlichte Kirchenraum auf den ersten Blick, fast behaglich und beschützend auf den zweiten. Das liegt vor allem an dem großartigen holzvertäfelten Tonnengewölbe, das von schlanken Gussstahlsäulen getragen wird. Hölzern sind auch die drei Emporen und die Kirchenbänke, die sich wie fast die gesamte Inneneinrichtung noch im Originalzustand befinden. „Wie durch ein Wunder blieb die Kirche im Zweiten Weltkrieg vom Bombenhagel verschont“, erklärt Kölsch-Ricken. Wer das Deckengewölbe näher betrachtet, wird an die Verstrebungen im Stollen erinnert. Das war von Carl Nordmann so gewollt. Die Bergleute sollten sich in ihrer Kirche zuhause fühlen.

Denn erbaut wurde die dreischiffige Hallenkirche, deren schlanker Turm lange vor dem Doppelbock von Zollverein ein Wahrzeichen des Stadtteils war, zu einer Zeit, als Katernberg noch mit großem C geschrieben wurde und die schwere Arbeit unter Tage den Rhythmus des Lebens bestimmte.

Damals wuchs Katernberg rasant – und für die 6000 Glieder zählende evangelische Gemeinde wurde die Vorläuferkirche schlichtweg zu klein. Dies veranlasste den Industriellen Franz Haniel, Gründer der Zeche Zollverein, zu einer großzügigen Geste: Ihm lag das Seelenheil seiner Belegschaft am Herzen, und so kaufte er für den Bau einer größeren Kirche das Grundstück am Markt. Die Baukosten von 240.319 Mark wurden von vielen kleinen und großen Spendern getragen – aus der Gemeinde aber auch von anderen Bergwerks- und Fabrikbesitzern.

Sozialpolitisches und politisches Engagement in der Arbeiterkirche

Doch die neue Kirche wurde nicht nur zu einem Ort, an dem man Gott begegnen konnte. Sie wurde auch ihrem Ruf als Arbeiterkirche gerecht, und so gab es in ihrer langen Geschichte von Anfang an sozialpolitisches und politisches Engagement. Hier wollte man sich im Nationalsozialismus nicht gemein machen mit den der NSDAP nahe stehenden Deutschen Christen, später zog es etliche linke und friedensbewegte Pfarrer nach Katernberg.

„Wir fühlen uns seit jeher dem Bibelvers: ,Macht den Mund auf für die Stummen und Schwachen‘ verpflichtet“, so Kölsch-Ricken. Der Ausdruck dieser Haltung findet sich schwarz auf weiß hinter dem Altar: Dort steht seit Anfang der 1950er Jahre in großen Lettern die erste Barmer These. Das theologische Fundament der oppositionellen „Bekennenden Kirche“ in der Zeit des Nationalsozialismus gilt als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der deutschsprachigen Kirche im 20. Jahrhundert.

Bis heute ist man in Katernberg stolz darauf, mitten im Stadtteil eine Stätte der Hoffnung, der Begegnung und des Trostes zu haben, die auch immer öfter für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird. Beinahe wäre das nicht möglich gewesen: Ende der 1990er Jahre war der Bergmannsdom nur noch eine Bauruine, war der prägnante Turm vom Einsturz bedroht und das gesamte Kirchenschiff gefährdet. Das rief die Gemeinde und viele Spender auf den Plan. Und ihnen gelang, was viele nicht für möglich gehalten hätten: Innerhalb kürzester Zeit trugen sie zwei Millionen D-Mark für die Sanierung zusammen.