Der alte „Löschzug“ als neue Lösung

Vor diesem Gebäude mit den charakteristischen Rundbögen könnte die Szene einen neuen Treffpunkt bekommen.
Vor diesem Gebäude mit den charakteristischen Rundbögen könnte die Szene einen neuen Treffpunkt bekommen.
Foto: WAZ
FDP-Chef Schöneweiß brachte bei „Essen kontrovers“ einen Alternativ-Standort für die Trinkerszene ins Spiel, den die Stadt bereits prüft. Eine Entscheidung steht aber noch aus

Essen.. Für Essens obersten Fraktions-Liberalen liegt die Lösung ganz nah: in fußläufiger Entfernung zum Hauptbahnhof, dennoch nicht auf dem Präsentierteller, etwa auf halber Strecke zwischen dem Nordausgang und dem Ibis-Hotel. In den seit Jahren verschlossenen Räumen der früheren Kneipe „Löschzug“ könnte die andauernde Diskussion um die Verlagerung der Trinker-Szene vom Willy-Brandt-Platz an einen passenderen Ort ein Ende finden. Ein gutes, wie Ratsherr Hans-Peter Schöneweiß bei der Diskussionsrunde „Essen kontrovers“ am Dienstagabend in der VHS betonte: „Da hätten wir die Lösung“, meinte der FDP-Fraktionschef: „Da sind sogar Toiletten drin. Unser Vorschlag erfüllt alle Kriterien.“

Sofort alle Gegenargumente

Zumindest die meisten von denen, die Oliver Balgar von der Suchthilfe als Voraussetzung dafür nannte, dass ein alternativer Platz von den suchtkranken Menschen angenommen wird. Er müsse zentral und dennoch verträglich mit seinem Umfeld sein, eine „gute Erreichbarkeit der Hilfsangebote“ bieten, gut einsehbar und beleuchtet sein. Ein windgeschützter Unterstand sei so unabdingbar wie ein Wasseranschluss und ein Müllcontainer, so Balgar mit Blick auf die neuen Möglichkeiten an der Hollestraße. Von dort ist es ebenso nah zur „Bierversorgung mit Gleisanschluss“, wo sechs Bier für 1,80 Euro für arme Menschen ein schlagendes Standort-Argument sind.

Es ist kein Geheimnis, dass das Gebäude mit den verrammelten Rundbögen auch von der Stadt in die engere Wahl genommen wurde, nachdem der Standortvorschlag an der Hachestraße fast so schnell vom Tisch war wie er um die Ecke kam. Kein Wunder also, dass Ordnungsdezernent Christian Kromberg inzwischen das öffentliche Feuer scheut, das schnell viel anrichten kann: „Wird ein Platz zu früh benannt, sind sofort alle Gegenargumente da“ – und der Standort ist verbrannt. Die Verwaltung sehe sich durch den jüngsten Ratsantrag von SPD und CDU aber in der Verpflichtung, eine Alternative für die Betroffenen zu benennen. Jeweilige Vor- und Nachteile nehme man zurzeit unter die Lupe. Mehr gab’s nicht zu holen. Allen hartnäckigen Nachfragen von Moderator Ulrich Führmann zum Trotz will Kromberg die Katze erst aus dem Sack lassen, wenn es einen Verwaltungskonsens gebe: „Ich nenne hier keinen Zeitpunkt und keinen Ort. Da bin ich stur.“ Nur soviel: „Wir müssen zügig arbeiten.“ Der von der FDP ins Feld geführte Vorschlag stehe im Übrigen schon länger auf der Prüfliste.

Kein „Saufraum“

Eins jedoch wird mit der Stadt nicht zu machen sein: Dass in den Räumlichkeiten an der Hollestraße eine Art „Saufraum“ entstehen soll, wie es Schöneweiß offenbar vorschwebt. Das, so hieß es am Rande der Diskussionsrunde von VHS und NRZ, verstetige und vergrößere die Szene womöglich nur noch. Sollte der Standort am Ende das Rennen um die bestverträgliche Alternative zum Treff am Willy-Brandt-Platz machen – und dafür spricht momentan einiges –, müsse er zwingend mit einem Umsonst-und-draußen-Klo für die Szenegänger ausgestattet werden, so Kromberg: „Sonst stinkt’s anderswo.“

Wie unerträglich das sein kann, weiß Thomas Campe aus leidvoller Erfahrung, seitdem der Notausgang der U-Bahn vor dem Handelshof als Essens Harnsteinzimmer verschrien ist: „Ich kann nicht sagen, dass mich die Trinkerszene stört“, bekannte der Direktor des Mövenpick-Hotels: „Doch für eine Stadt wie Essen ist es peinlich, dass Bürger nirgendwo ihre Notdurft verrichten können.“ Mittlerweile habe der penetrante Urin-Geruch aus dem Abgang, der nach Krombergs Worten „hoffentlich bis zum Ende des Jahres“ dicht gemacht wird, nicht nur zur Folge, dass die Hotel-Lobby nicht mehr zu lüften sei. Auch wirtschaftliche Einbußen machten sich bemerkbar, so Campe: „Unsere Gäste beurteilen uns nach dem ersten Eindruck und wir haben mittlerweile Probleme, höhere Zimmerpreise durchzusetzen.“

Bei allem Verständnis für berechtigte Interessen an Sicherheit und Sauberkeit appellierte Oliver Balgar an die rund 50 Zuhörer: „Wir reden zuallererst über Menschen.“ Und Kromberg muss man nicht mehr davon überzeugen, dass es Augenmaß und Konsequenz gleichermaßen bedarf, „um das soziale Zusammenleben vernünftig zu organisieren“.