Der „Abraham“-Erfinder wird 80

Nach Werden zu kommen, ohne die Abraham-Konditorei Werntges zu besuchen, hat ungefähr den Stellenwert von einer Fahrt nach Paris, ohne sich den Eiffelturm anzusehen. Den Familienbetrieb, in dem Konditorkunst wie ein kostbarer Schatz behandelt wird, begründete Heinz Werntges.

Zusammen mit Ehefrau Agnes, mit der er seit 56 Jahren verheiratet ist, leistete er anfangs unter schwierigsten Bedingungen Pionierarbeit. Jetzt nullt der „Hufergassenjunge“ - wie er sich selbst schmunzelnd bezeichnet, weil er dort geboren ist - zum achten Mal.

Aus der oberen Etage ihrer Wohnung kann er auf die Werdener Kirchtürme und die frühere Platte im Heissiwald blicken.

Die Werntges wohnen in der Woche an vier Tagen im mittelrheinischen Bad Breisig. Und an drei Tagen in Werden. Vom Balkon ihrer Eigentumswohnung in dem 120 Kilometer entfernten Fachwerkstädtchen haben sie einen Panoramablick auf die Uferpromenade, den Rhein, die Schifffahrt, das Rheinfeuerwerk, die Schiffsanlegestelle und auf Bad Hönningen auf der anderen Rheinseite.

„Meine Frau möchte eigentlich für immer in die rheinland-pfälzische Kurstadt ziehen, aber ich bringe es nicht übers Herz. Ich brauche Werden, das Treffen mit den Leuten und Freunden, die ich kenne, den kurzen abendlichen Gang in die Gaststätte und den früheren Gesellenstammtisch der Konditoren“, sagt er. Wie wäre es mit einer doppelten Staatsbürgerschaft an Rhein und Ruhr? Er lächelt über die Frage - und zwar so, als könne er sich mit so einem Gedanken durchaus vertraut machen.

Sein Hobby ist das Sammeln. Die Inhalte mehrerer sorgfältig geführter und gefüllter Ordner – Zeitungsausschnitte, Fotos, Postkarten und viele andere Motive - beleuchten über Jahrzehnte das örtliche Geschehen und die charmanten Eigenheiten der Gemeinde und ihrer Bewohner.

Er erzählt von der alten Kemenate, in der die Folkwang-Studenten mit soviel Absolventen Feten feierten, dass sie ins kleinste Haus Deutschlands normalerweise nicht hineinpassten. „Ich versinke gedanklich und erfreue mich, wenn ich blättere, sichte, ausschneide und meine neue Errungenschaft in die Folie schiebe und abhefte. Es sind für mich Lebenserinnerungen.“ Werntges: „Ich möchte gerne die Zeit festhalten und wenn es ginge, dass sie stehen bleibt, ich bin aber nur ein Mensch.“ Er sammelt auch Sprüche und Gedichte - so das von Heinrich Heine über die Loreley.

Die Schlosserei seiner Eltern baute der Sohn zur Backstube um. Als die ehemalige Familien- und Gesundheitsministerin Antje Huber in den 1970er Jahren 50 wurde, stieß der Hufergassenjunge über Walter Wimmer, Verleger der Werdener und Borbecker Nachrichten, auf das Abraham-Motiv.

Fortan wurde es eine Spezialität mit deutschlandweitem Ruf. Bei diesem einen Bild blieb es nicht – es kamen welche zur Wiedervereinigung, Lebensbäume und zu besonderen Anlässen: Geburt, Konfirmation und Hochzeit, dazu. Heute führt die 49-jährige Tochter Barbara das Geschäft weiter.

„Ich wünsche meiner Frau und mir ein langes Leben – im Besitze unserer geistigen Kräfte“. Abraham könne er zum 80. Geburtstag nicht sehen. Was stattdessen? „Vielleicht Methusalem“ sagt Heinz Werntges, steht auf, geht ins angrenzende Wohnzimmer und zeigt noch viele Werdener Motive, die an der Wand zu sehen sind.