„Denn jetzt ist alles Zukunft“

Lesen gegen das Vergessen: Zwölf Stunden lang ging es im Grillo-Theater in der Nacht von Freitag auf Samstag um nichts anderes als um: Krieg und Frieden. Zur Erinnerung an das Ende des 2. Weltkriegs vor 70 Jahren hatte das Schauspiel Essen zur großen Nachtlesung geladen. Und 72 Vorleser machten mit – vom Pfarrer bis zum Professor, von Schauspielern bis zu Vertretern Essener Stiftungen, vom Politiker bis zum Journalisten. Sie alle erinnerten mal literarisch, mal ganz persönlich an die Rückkehrer und Heimatlosen von damals, an das Leiden und die Schuld der Vergangenheit, aber auch an die Verantwortung der Zukunft. Mit Texten von Borchert und Böll, von Primo Levi über Stéphane Hessel bis zu Lessings „Ringparabel“. Und manchmal auch mit Tagebüchern des eigenen Urgroßvaters oder mit Erinnerungen damaliger Kriegsgefangener wie dem heute 90-jährigen Joachim Scholz.

Religions und Partei übergreifend war dieses besondere Lesebündnis, das vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert angeführt wurde, der den Abend mit Auszügen aus Richard von Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs 1985 eröffnete. Und manch einer nahm das einem Zitat von Käthe Kollwitz entliehene Motto der Nacht, „Denn jetzt ist alles Zukunft“, zum Anlass, perspektivische Verbindung zu suchen.

So traten Superintendentin Marion Greve für den Evangelischen Kirchenkreis Essen und Stadtdechant Jürgen Cleve fürs Bistum Essen gemeinsam aufs Podium, um nicht nur mit der Lesung aus Psalm 85 an die immer wiederkehrende, gemeinsame Verantwortung für den Frieden zu erinnern. Schlugen TuP-Betriebsrat Adil Laraki und seine Kollegin Yvetta Duchoslav in ihrer deutsch-arabischen Lesung aus „Leo Africanus“ volkerverständigende Töne an. Setzten Künstler des Katakomben-Theaters musikalische Akzente wie Sängerinnen des Aalto-Opernchores.

Dass sich die zunächst gut gefüllten Reihen irgendwann merklich lichteten, war den naturgemäß schweren Stoffen wie der späten Stunde geschuldet. Doch einige, die sich bei Brot, Suppen und Gesprächen im Grillo-Foyer gestärkt hatten, blieben gleich bis zum nächsten Morgen. Und wer zwischendrin mal eingenickt war, freute sich über ein Erwachen im Zeichen der Erinnerung.