Den richtigen Draht zum Herzen finden
21.11.2007 | 19:37 Uhr 2007-11-21T19:37:44+0100GESUNDHEIT. Mit viel Technik kämpft Dr. Bernhard Küpper darum, schwerkranke Herzen wieder im richtigen Takt schlagen zu lassen.
"Jetzt", sagt Bernhard Küpper, "beginnt die Materialschlacht." Seine Stimme ist ruhiger und noch etwas leiser geworden. Sie klingt nach einer Ruhe, zu der sich Ärzte zwingen müssen, wenn es am Operationstisch schwierig wird. Und der Oberarzt der Kardiologie kämpft: Er muss eine Elektrode in einer Herzvene von Friedrich Stach* befestigen. Das will nicht gelingen, schon seit einer halben Stunde nicht. Entweder ist die Ader zu krumm oder zu groß oder der Blutstrom schiebt die Drähte wieder aus dem Gefäß.
So sucht Dr. Küpper im Operationssaal des Elisabeth-Krankenhauses nach dem richtigen Draht, dem richtigen Katheder und der richtigen Ader. Gelingt es ihm nicht, die Elektrode sicher anzubringen, steht dem 69-Jährigen eine Operation am offenen Herzen bevor. Keine gute Sache bei einem Todeskandidaten: Stachs Herz hat sich vergrößert, ist aus dem Takt geraten und bringt nur noch eine Pumpleistung von 20 Prozent - bei Gesunden sind es 60 bis 70 Prozent.
Mit dieser Herzleistung droht der Tod
Einer von 13 Menschen mit dieser Herzleistung stirbt innerhalb eines Jahres - wenn nicht ein Defibrillator sein Pumporgan künstlich in Takt hält. Daran arbeitet Küpper an diesem Vormittag. Eine OP-Stunde war vorgesehen, zweieinhalb sind jetzt verstrichen, seit Dr. Küpper das Skalpell angesetzt hat und einen vier, fünf Zentimeter langen Schnitt gemacht hat, knapp unter dem linken Schlüsselbein von Friedrich Stach. Von dort will er ihm die aufwändige Technik unter die Haut pflanzen.
Das Gerät ist etwa so groß wie eine Streichholzschachtel, dafür macht Küpper etwas, das er einen "Westentaschenschnitt" nennt. Kein schöner Anblick, wenn der 45-Jährige mit zwei Fingern im Plastikhandschuh unter Haut und Brustmuskel fasst und den Raum schafft für das Gerät. "Mit dem Fingerrücken spüre ich die Rippen", sagt er.
Stach bekommt davon wenig mit, ein, zwei Mal stöhnt er auf, gelegentlich will er die Beine zum Körper ziehen, dann redet Schwester Selma beruhigend auf ihn ein und drückt die Oberschenkel wieder runter. Schmerzmittel halten Stach meist in einem tiefen Schlaf, er braucht keine Vollnarkose. Das wäre für so herzschwache Patienten wie ihn ein hohes zusätzliches Risiko.
Küpper und Herzchirurg Dr. Satirios Spiliopoulos blicken immer wieder auf den Monitor: Herzschlag, Blutdruck, Sauerstoffgehalt, Atemfrequenz - Stach schlägt sich gut. Das regelmäßige Schnarchen beruhigt Operateur Küpper vermutlich mehr, als das leise Gedudel des Radios im Hintergrund.
"Es kommt auch vor, dass Patienten hier auf dem Tisch liegen bleiben", sagt Küpper. Auch Stach gilt als "austherapiert". Als jemand, bei dem andere Ärzte sagen: "Da kann man nichts mehr machen." Doch Küpper kann. Er setzt darauf, dass drei Elektroden am und im Herzen helfen werden, das Leben des 69-Jährigen zu retten. Doch das Befestigen der drei Elektroden wird zum Nervenkrieg. Zwei Mal gelingt der Weg ins Herz scheinbar mühelos. Über die Vene unterhalb des Schlüsselbeins schiebt der Oberarzt Drähte bis ins Herz. Im Vorhof und in einer Herzkammer werden die Elektroden angeschraubt: Ein millimeterdünner Korkenzieher bohrt sich in den Herzmuskel und hält sie im Blutstrom.
Dass kann Küpper nur über das etwa langspielplattengroße Display eines Monitors beobachten: Immer wieder schießt die Röntgenkamera Bilder von Stachs Herz, manchmal macht Küpper kurze Filmaufnahmen. Am Ende der Operation wird Stach ein Achtel der Lebensdosis an Röntgenstrahlung intus haben. Das OP-Team trägt zwischen zehn und 20 Kilo Blei um den Körper. Das kostet Schweiß, senkt aber das Strahlenrisiko. Das ist nötig, immerhin werden im Elisabeth-Krankenhaus jährlich 650 Herzschrittmacher und etwa 80 Defibrillatoren eingebaut.
Endlich ein Röntgenfilm mit einem Happy End
Dr. Küpper erklärt den Unterschied: "Der Defi ist die Radarfalle, der Schrittmacher der ADAC." Heißt: Wenn das Herz stehen zu bleiben droht, bringt der Schrittmacher es wieder auf Trab. Droht hingegen ein Herzrasen oder Kammerflimmern, schickt der Defi starke Stromstöße, die das Pumporgan bremsen und wieder in den gesunden Rhythmus zwingen.
Stach braucht beides. "Sein Herz schaukelt", erklärt Küpper. Die Herzmuskeln des Patienten, der mehrere Infarkte und zahlreiche By-Pässe hat, arbeiten nicht mehr synchron. Das soll sich nach der Operation ändern. Küpper greift wieder zu einem neuen Draht, biegt ihn zurecht und bahnt sich wieder den 40 Zentimeter langen Weg durch die Gefäße. Wieder schießt er Kontrastmittel in das Blut von Ferdinand Stach, wieder piept die Röntgenkamera und filmt den Kampf im Brustkorb. Diesmal, nach fast drei Stunden, zeigt der Film ein Happy End. Küpper hat den richtigen Draht zum Herzen von Friedrich Stach gefunden. Es gelingt, auch die dritte, entscheidende Elektrode sicher in einer Vene zu verankern.
Stach wird den Tag, der sein Leben vermutlich um etliche Jahre verlängert hat, auch weiterhin verschlafen. Das Betäubungsmittel wirkt nach. Er wird eine kleine Narbe unter dem Schlüsselbein behalten und, wenn alles klappt, noch vor dem Wochenende das Elisabeth-Krankenhaus wieder verlassen. Alle drei bis sechs Monate wird er wiederkommen, um kontrollieren zu lassen, ob alle Kabel am rechten Fleck sitzen, ob die Batterie des Defis noch genügend Strom hat. Küpper ist zuversichtlich, dass sich das Herz von Friedrich Stach in den nächsten Monaten wieder erholen wird. Seine Materialschlacht, bei der Bernhard Küpper Technik im Wert eines Mittelklassewagens in der Patientenbrust versenkte, hat einen Sieger. Er heißt Friedrich Stach.
*Name geändert TAGUNG FÜRS INNERE Mehrere 100 Ärztinnen und Ärzte werden von heute bis Samstag zur Tagung der Rheinisch-Westfälischen Gesellschaft für Innere Medizin erwartet - Vorsitzender der Gesellschaft ist der Chefarzt der Klinik für Herz- und Gefäßerkrankungen des Elisabeth-Krankenhauses, Prof. Dr. Georg Sabin. Neben zahlreichen Fortbildungsveranstaltungen im Elisabeth-Krankenhaus stehen Veranstaltungen in der Philharmonie auf dem Programm. Dort werden auch die Gewinner des mit bis zu 10 000 Euro dotierten Förderpreises der Hans-und-Gertie-Fischer-Stiftung geehrt. In diesem Jahr sind es Dr. Martin Meyer (Klinik Bergmannsheil Bochum) und Dr. Felix Vogt (Universitätsklinikum Aachen).
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