Den Opfern ein Gesicht geben

Kurz hinterm Obelisken, dort wo der Weg auf die berüchtigte Blutstraße führt, haben sie jetzt wieder Verkehrszeichen 1006-37 platziert: Vorsicht, Krötenwanderung.

Ja, Tiere hatten es hier oben auf dem Weimarer Ettersberg schon immer gut, auch damals, bei den Nazis: ob Diensthunde, Pferde oder die Vögel auf dem Falknerhof, ob die im eigens gebauten Tiergehege gehaltenen Wildschweine, das Damwild oder die putzigen Bären, deren ausgelassene Kabbelei auf dem Felsenzwinger die Waffen-SS sogar auf Ansichtskarten verewigen ließ.

Es gehört zu den schwer fassbaren Wahrheiten, dass nur wenige Meter vom beschaulichen Ausflugsziel entfernt, hinter dem mit 380 Volt gesichert Drahtzaun des Konzentrationslagers Buchenwald, Menschen zu Tausenden auf brutalste Weise ums Leben kamen: erschlagen und erschossen, erfroren, zu Tode gefoltert oder gestorben an purer Entkräftung. Vernichtung durch Arbeit und unmenschliche Lebensbedingungen – eine Hölle auf Erden, acht Jahre lang.

Bis sich an jenem 11. April 1945 – morgen ist das 70 Jahre her – das Tor auftat: 21.000 Insassen erlebten die Befreiung Buchenwalds und die Ankunft der US-amerikanischen Streitkräfte. Unter den Geretteten der US-amerikanische Publizist Elie Wiesel genauso wie der Essener Krupp-Arbeiter Theo Gaudig.

Sie haben vom Grauen erzählen können, Zehntausende andere nicht: Die fanden in Buchenwald oder einem der Außenlager (von denen es auch zwei in Essen gab) den Tod.

Zwar gelang es der Gedenkstätte Buchenwald vor fünf Jahren, von weit mehr als 50.000 Toten gut 30.000 Namen zu veröffentlichen, eine Zahl die mittlerweile auf über 38.000 angewachsen ist. Doch jetzt will man es nicht bei bloßen bibliographischen Daten belassen, sondern auch die Geschichte der Opfer erzählen, etwas von ihrem Leben schildern – und wenn es nur zehn, zwanzig Zeilen sind.

„Wir freuen uns über jede Information“, sagt der leitende Historiker der Gedenkstätte Buchenwald Harry Stein: Er weiß, dass das bei 38.000 Menschen eine Generationen-Aufgabe und man obendrein spät dran ist: Die letzten Lebenszeugen und unmittelbaren Angehörigen der Opfer sterben weg. Und damit vielleicht auch die Chance, an Stoff zu kommen, damit man „zu den Namen ein Gesicht zeigen “ kann.

Eines wie das des jungen Anton Deuter aus Borbeck, einem „besonders bei der Jugend beliebten Kommunisten“, wie ein Zeitgenosse zu berichten wusste. Oder das des Altendorfer Krupp-Schlossers Nikolaus Franz, der in die Fänge der Nazi-Justiz geriet, weil er dem kommunistischen Jugendverband angehörte.

Der traf sich jeden Freitag am Aussichtsturm der Gruga und flog 1935 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ auf: Die jungen Leute hatten Flugblätter und Klebezettel mit eindeutigen Parolen gegen die Faschisten unters Volk gebracht.

Dem damals 23-jährigen Nikolaus Franz brachte das zwei Jahre Zuchthaus ein, aber nach verbüßter Haft noch ein weiteres Problem: Zwar habe er sich „hausordnungsmäßig geführt“, schrieb der Direktor der Strafanstalt, Wüllner, wohlwollend. Er sei aber „derart in seiner kommunistischen und staatsfeindlichen Ideenwelt befangen, dass von einer inneren Umstellung bei ihm nichts zu spüren ist“. Schutzhaft sei aus diesem Grund durchaus angebracht.

Es war letztlich das Todesurteil für den jungen Franz, der Ende Februar 1937 mit der Haftnummer 364 nach Buchenwald kam und sich dort – wie es heißt, ohne ansonsten Grund zu Beanstandungen zu geben – unbeugsam zeigte. So lehnte die dortige Lagerkommandantur im April 1938 eine Entlassung des mittlerweile 25-Jährigen als „verfrüht“ ab, weil der junge Kommunist sich „noch nicht zu der Überzeugung durchgerungen“ habe, „dass seine Weltanschauung falsch ist“.

Mehr an Nachrichten gibt die dünne Handakte aus dem Archiv des verstorbenen Geschichtsforschers Ernst Schmidt im Essener Haus der Geschichte nicht her: Nur ein Telegramm findet sich noch, gesendet vom Konzentrationslager an die Staatspolizei Düsseldorf, Außendienststelle Essen: Nikolaus Franz, zuletzt wohnhaft an der Nordhofstraße 118 in Essen, sei am 17. Juni 1940 um 0.35 Uhr an Herzschwäche nach Blinddarmoperation verstorben und zwei Tage später eingeäschert worden, wie SS-Obersturmbannführer Roedl berichtete.

Oder doch totgeschlagen? Todesursachen wurden in Buchenwald gern gefälscht.

Mit dem spärlichen Material aus dem Haus der Essener Geschichte lässt sich ein klein wenig Licht in das Leben von drei der 62 Essener bringen, die im KZ Buchenwald zu Tode kamen. Die übrigen 59 sind nicht namenlos, aber bis auf weiteres in der Erinnerung dieser Stadt ohne Gesicht. Gestorben wie die Tiere.

Oder nein, schlimmer.