Den Essener Dialekt und Heine vergaß sie nie

Sie musste mit ihrer Familie vor den Nazis fliehen, um ihr Leben zu retten. Und ihr sollten nach dieser Flucht noch viele Lebensjahre geschenkt werden: Am 31. Januar ist Mila Zille nun mit 96 Jahren im südafrikanischen Johannesburg gestorben. Ihr Neffe Klaus Pielsticker aus Freiburg erinnert an seine Tante, die in Essen aufwuchs und ihre Heimatstadt nie vergaß:

Mila Zille kam am 18. Januar 1919 als jüngste Tochter des jüdischen Rechtsanwaltes Carl Cosmann und seiner Frau Mila (geborene Pielsticker) zur Welt. Sie musste als junge Frau in der Pogromnacht 1938 miterleben, wie ihr Vater von den braunen Horden auf der Straße zusammengeschlagen, äußerlich und innerlich verletzt nach Hause kam, wie ein SA-Trupp die Wohnung an der Huyssenallee verwüstete und das Cello ihres Vaters zertrat.

Die Familie konnte noch im August 1939 nach England auswandern. Wie viele andere jüdische Flüchtlinge wurden die Cosmanns als deutsche Spione verdächtigt und auf der Insel Man in der irischen See interniert. Mila Zille hat oft erzählt, was ihre – nicht-jüdische – Mutter sagte, wenn jemand darüber klagte: „Seid froh, Ihr atmet hier freie Luft.“

1948 zog die Familie nach Südafrika, wo Mila Cosmann Wolfgang Zille heiratete, einen Verwandten des Berliner Zeichners Heinrich Zille. Zwei ihrer Kinder, Carla und Paul, leben in Johannesburg. Ihre älteste Tochter, Helen Zille, machte eine bemerkenswerte politische Karriere, erst als Bürgermeisterin von Kapstadt, seit sechs Jahren ist sie Regierungschefin der Provinz Westkap. Als sie 2014 den Freiheits-Preis der Friedrich-Naumann-Stiftung erhielt, erinnerte sie daran, dass ihre Mutter aus Essen stamme und verriet, sie selbst habe eine Vorliebe für preußische Tugenden.

Gesellschaftlich engagiert hatte sich schon Mila Zille, die zwar Baptistin war, sich aber zeitlebens sehr jüdisch fühlte. Mit der Apartheid in Südafrika konnte sie sich nie abfinden und setzte sich früh in der Black Sash (Schwarze Schärpe) ein, einer Vereinigung weißer Frauen, die sich gegen die staatlich verordnete Rassentrennung engagierte. In diesem Geiste hat sie ihre Kinder erzogen. Es war ein großes Glück, dass sie das Ende der Apartheid und Nelson Mandela als Präsidenten erlebte.

Mila Zille liebte die deutsche Sprache, liebte Heine, Tucholsky und Kästner, von denen sie bis ins hohe Alter viele Gedichte auswendig aufsagte. Mit den Neffen aus Deutschland konnte sie zu ihrer Freude Essener Dialekt sprechen, aber sie zuckte zusammen, wenn sie „Achtung, Achtung!“ hörte.

Die Aussöhnung mit der Familie ihrer Mutter war ihr ein Herzensanliegen. In ihren Neffen, die sie oft in Südafrika besuchten, sah sie ein anderes Deutschland. Sie besuchte das Land mehrmals, kam auch nach Essen, wo sie 1995 am Empfang der Stadt für vertriebene jüdische Mitbürger teilnahm. Ihr Elternhaus an der Huyssenallee war den Bomben zum Opfer gefallen, aber seinen Standort fand sie gleich wieder.

Bis zum Schluss war Mila Zille geistig wach und am Tagesgeschehen interessiert. So las sie mehrere Zeitungen täglich und ließ sich stets von ihrer Tochter Helen berichten, wenn diese sie in Johannesburg besuchte. Und bis zuletzt konnte sie herzlich lachen, Erinnerungen ausgraben und Geschichten erzählen. Sie starb nach einem erfüllten Leben im Kreise ihrer Kinder. Ihre älteste Schwester Otta Herzfeld lebt in Buenos Aires; sie ist 104 Jahre alt.