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Das virtuelle Klassenzimmer

18.01.2009 | 18:58 Uhr

BILDUNG. Beim computergestützten Lernen setzt die Volkshochschule Maßstäbe - dank "Uli Online" und Heike Hurlin.

48 Schülerinnen und Schüler haben in der Volkshochschule jetzt ihren Schulabschluss nachgeholt. Die Essener VHS setzt inzwischen Maßstäbe beim computergestützten Lernen. (NRZ-Fotos: Oliver Müller)

Sie nennen ihn "Uli Online", die 48 Schülerinnen und Schüler, die in der Volkshochschule ihren Schulabschluss nachgeholt haben. Und dabei geholfen hat ihnen unter anderem Ulrich "Online" Weber. Sein Einsatz fürs elektronische Lernen hat den Jugendlichen und Erwachsenen zwischen 17 und 64 ein besonderes Plus beschert: Sie haben profitiert von der Innovationsfreude der Volkshochschule, die beim computergestützten Lernen so weit geht wie kaum eine andere Schule. Dank "Uli Online", Fachbereichsleiterin Heike Hurlin und anderer.

Gut für die Eigenständigkeit

Anerkennung für den konsequenten Weg hin zum Lernen mit Hilfe des Internets gibt es unter anderem von der Uni Duisburg-Essen. "Ich habe zwar noch nicht systematisch gesucht, aber ich kenne keine Schule, die auf diesem Weg so weit gegangen ist", urteilt Tanja Adamus, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Michael Kerres, so eine Art Papst des internet-basierten Lernens.

Manuel Bündgen zum Beispiel ist von dieser Art zu lernen begeistert. Morgens gibt´s beinahe klassischen Unterricht in den Räumen der Volkshochschule, aber nachmittags und abends wird am Computer und im Internet gelernt: Der Lehrer legt eine Liste aus, die Lerngruppen tragen sich ein und treffen sich dann zum gemeinsamen Lernen, bekommen Aufgaben gestellt, bearbeiten Projekte, erstellen gemeinsam einen Deutschaufsatz oder eine Präsentation und bekommen dafür Noten - und das geht im Prinzip alles, ohne dass sie einmal vom heimischen Schreibtisch aufgestanden wären. "Diese Art zu lernen ist gut für die Eigenständigkeit", sagt Bündgen.

Moodle macht´s möglich: So heißt die Lernplattform im Internet, die man sich als virtuelle Schule vorstellen muss. Man trifft sich, der Lehrer verteilt Aufgaben und man bearbeitet sie. Ein Computer, ein Internetanschluss und hinein ins virtuelle Klassenzimmer - das ist der Weg, den die VHS mit einem der beiden Schulabschlusskurse konsequent beschritten hat - bis hin zum Lernen über Computerspiele. Virtueller Mathematikunterricht - das mussten die Teilnehmer mit einer Mischung aus Begeisterung und Entsetzen feststellen - ist fast so intensiv wie Einzelunterricht.

Für den Abendkurs, in dem diejenigen den Schulabschluss machen, die nebenbei noch arbeiten müssen, gilt das alles zum Bedauern von Heike Hurlin noch nicht: Die Kurse finden in den Räumen des Burggymnasiums statt und da fehlt der Zugang ins Internet. Dabei wäre die Kombination des virtuellen Klassenzimmers mit abendlichen Kursen ideal für Menschen, die sich berufsbegleitend weiterbilden wollen.

Denn die VHS hat eine Lernwelt geschaffen, in der sich scheinbar nicht nur die Computer-Kids-Generation pudelwohl fühlt. "Die meisten unserer Schüler sind mit Computer und Internet aufgewachsen", so Heike Hurlin. Und sie kommen mit der virtuellen Lernwelt gut klar. Die Herausforderung liegt eher bei den Lehrenden. "Die sind nicht mehr der Quell des Wissens, sondern eigentlich so etwas wie ein Coach", erläutert sie. Vorturnen ist nicht mehr, stattdessen müssen sie gewissermaßen die Trainingseinheiten für die Lernenden zusammenstellen - aus dem Universum des Wissens, das das Internet bereithält.

Schwächen beheben

Das Internet ermöglicht zudem, gezielt die Schwächen zu beheben. Bei der multinationalen Schülerschaft in der VHS kann sie so beispielsweise gezielt Sprachübungen anbieten.

"Uli Online" ist derweil schon ein Schrittchen weitergegangen. Er hat sich einen Avatar geschaffen, eine künstliche Internet-Identität, die jetzt unter dem Namen Aristokrat in der Pixel-Welt des Internets agiert. Und dort natürlich in ein Klassenzimmer geht - und lehrt und lernt. Denn Teil des E-Learning-Konzepts der VHS ist, dass die Schüler eine Internet-Präsentation erstellen und eine virtuelle Unterrichtsstunde geben - für die Schüler, die ebenfalls im Internet zusehen, sich melden und Fragen stellen.

Das hat Folgen, die auch schon beim jetzigen Schulabschluss sichtbar wurden. Krimiautorin und VHS-Lehrbeauftragte Mischa Bach, die mit den Absolventen Krimis schrieb, musste in der Kurzgeschichte von Tim Stevens lesen: "Christian ist ein Kind seiner Zeit, im Internet aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Dort hat er Freunde kennengelernt und mit ihnen das Netz erkundet, während die reale Welt immer mehr in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, als wäre sie nur noch ein lästiges Anhängsel..."

Nur zur Beruhigung der Realweltbürger: Die Musik bei der Zeugnisvergabe kam nicht vom Band. Die spielte Manuel Bündgens. Und seine Gitarre brauchte nicht einmal Strom.E-LEARNING E-Learning, zu deutsch E-Lernen, ist ein Sammelbegriff, unter dem alle Methoden des Lernens per Computer zusammengefasst werden. Das geht los mit der simplen Lern-CD und führt über Videokonferenzen bis hin zum Lernen mit künstlich erschaffenen Computer-Figuren in ebenso künstlichen Klassenräumen, die auf dem Bildschirm zu sehen sind. Zudem lassen sich von Lehrern Unterrichtsinhalte wie Texte, Bilder, Videos und Aufgabenstellungen abrufen, einzeln oder im Team bearbeiten. Große Vorteile sind die örtliche, zeitliche und inhaltliche Flexibilität für die Lernenden.

Als Nachteile gelten, dass die Technik oft die Inhalte diktiert oder verändert und dass Selbstdisziplin und Selbstlernkompetenz nötig sind und soziale Kontakte leiden können. Deswegen setzen viele E-Learning-Programme auf eine Kombination des Lernens am Computer und im ganz realen Klassenzimmer.

STEPHAN HERMSEN

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