Das „System Kunze“ und seine Grenzen

Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Vorwürfe des Miteigentümers Remondis gegen den Geschäftsführer der Entsorgungsbetriebe sind schwerwiegend, eigentlich bleibt Klaus Kunze nur der Rückzug. Ein Kommentar von Frank Stenglein.

Auch für Klaus Kunze gilt die Unschuldvermutung - das vorab. Doch die Fülle der vorgeworfenen Verfehlungen und die akribisch wirkende Art ihrer Dokumentation lassen eigentlich nur den Schluss zu, dass bei der EBE sehr viel im Argen liegt. Miteigentümer Remondis hat ja nicht aus der Hüfte geschossen, sondern die Geschäftsunterlagen der EBE von Wirtschaftsprüfern und Anwälten regelrecht sezieren lassen. Wenn stimmt, was dabei herauskam, dann muss dies nicht nur den Staatsanwalt interessieren. Klaus Kunze wäre dann schlicht und einfach nicht mehr haltbar, er ist es politisch schon jetzt nicht mehr. Das weiß hoffentlich auch der Oberbürgermeister, der bislang über Kunze seine Hand hielt.

Dafür gibt es aus Sicht des OB gute Gründe. Der robuste EBE-Chef dient nicht nur als Bollwerk gegen die mittlerweile ungeliebte Firma Remondis, die die EBE auf mehr Effizienz trimmen will. Kunze ist auch Garant dafür, dass die Entsorgungsbetriebe das bleiben, was sie seit Willi Nowacks Zeiten immer waren: SPD-Trutzburg, Macht-Zentrale und Versorgungsanstalt für Kinder und Verwandte sozialdemokratischer Mandatsträger. Und wenn es von Nutzen war, half man auch gern mal Christdemokraten beim „Unterbringen“. Soviel Pluralität ist in Essen immer drin...

Indem Remondis den EBE-Chef sturmreif schießt, verfolgt das Unternehmen natürlich auch eigene Interessen. Diese müssen nicht zwingend identisch sein mit den Interessen der Stadt, des Gebührenzahlers und der EBE-Belegschaft, das ist unstrittig. Was der Bürger aber erst recht nicht braucht, ist eine EBE, in der das Geld verpulvert wird, das eigentlich für die vielfältigen EBE-Dienstleistungen gedacht ist.

Was gibt es da nicht alles zu bestaunen. Die seltsame Extra-Bezahlung von Betriebsräten etwa erinnert fatal daran, wie früher bei VW in Wolfsburg Arbeitnehmervertreter bei Laune gehalten wurden - der Vorsitzende büßte das dort damals gar mit Haft. Was SPD-Ratsherr Hoppensack bei der EBE so alles geleistet hat, um allein 2012 satte 210 000 Euro einzustreichen, würden wir uns doch gern mal im Detail zeigen lassen. Der Eindruck ist schier übermächtig, dass hier ein Parteifreund besonders üppig bedacht werden sollte. Und merkwürdig: Während im öffentlichen Dienst selbst Aufträge mit vierstelligen Volumen oft auszuschreiben sind, gebietet Kunze freihändig über deutlich Sechsstelliges. Fast schon wieder rührend ist die Pflege interner und externer Freundschaften mit reichlich Fußball, Udo-Jürgens-Konzerten und Weiße Flotte-Fahrten. Wenn, ja wenn nicht auch hier der Bürger immer mit im Boot säße - als Zahlemann.