Das Stift Rellinghausen war ein geschützter Ort für adlige Damen

Was wir bereits wissen
Das über 1000 Jahre alte Damenstift Rellinghausen liegt verborgen in einer Senke. Bis heute blieb der dörfliche Charakter des Ensembles mit Fachwerkhäusern und der mächtigen Stiftskirche erhalten.

Essen.. Es gibt Orte in der Stadt, die muss man im wahrsten Sinne des Wortes entdecken. Das über 1000 Jahre alte Stift Rellinghausen gehört dazu. Während andere Kirchen gerne auf Hügeln weithin sichtbar thronen, machtvoll das Christentum verkündend, hat sich das Gotteshaus in einer Senke quasi versteckt. Wer die Frankenstraße Richtung Ruhr herunter fährt und nach links schaut, kann die heutige St. Lambertuskirche weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick aus dem Autofenster heraus sehen. Mit Absicht haben sich die Stiftsdamen diese verborgene Lage ausgesucht: Denn die unverheirateten Damen niederen Adels suchten in der familiären Gemeinschaft Schutz, Geborgenheit und religiöse Festigkeit.

Dörfliche Idyllemitten in der Stadt

Sichtbar dagegen ist der grüne, höher gelegene Stiftplatz mit dem inzwischen als Restaurant bekannten Stiftshaus. Eine Bank lädt zum Verweilen ein, von hier schweift der Blick über das Ensemble, das die Jahrhunderte überdauert hat. Die Stiftskirche mit ihrem romanischen Turm aus dem 12. Jahrhundert wirkt im Schatten der mächtigen Bäume fast bedrohlich düster und trutzig, im Gegensatz dazu suggerieren die links gelegenen Fachwerkhäuser dörfliche Idylle: Das ehemalige Armenhaus, das früher eine Schule war, die Küsterei, das Brauhaus, wo heute die Pfarrei untergebracht ist, und das einstige Wohnhaus der adligen Damen gehören zweifelsohne zu den ältesten Gebäuden in der Stadt.

Noch älter ist der Friedhof rund um die Kirche: Bewacht von einer steinernen Kreuzigungsgruppe sind die Stiftsdamen in direkter Nähe zu ihrem Wohn-und Schaffensort zur letzten Ruhe gebettet worden. Und habe ihren Frieden gefunden. Denn friedlich ist es hier. Fast könnte der Besucher vergessen, dass er sich mitten in einer Großstadt befindet. Selbst die Geräusche der stark befahrenen, nur ein paar Meter höher gelegenen Frankenstraße dringen nicht durch. Stattdessen zwitschern die Vögel, rauscht der Wind in den Baumkronen.

Nur noch ein paar schiefe, verwitterte Grabstelen und -steine mit unlesbaren Inschriften ragen aus dem Boden. Doch wie viele Stiftsdamen hier begraben sind, wer weiß das schon? Das gesamte Areal inklusive des Bodens steht unter Denkmalschutz, also dürfen weder Historiker, noch Hobbyarchäologen oder Schatzsucher im Erdreich nach Zeugnissen der Geschichte graben, Gott sei Dank. Der Schutz galt leider nicht für die baufälligen aber erhaltenen Wohnhäuser der letzten Stiftsdamen, die bis zur Säkularisierung im Anfang des 19. Jahrhunderts hier wirkten: Bis in die siebziger Jahre hielten die Häuser tapfer durch, dann fielen sie der Ignoranz der damaligen Stadtoberen zum Opfer, wurden dem Erdboden gleichgemacht. Nur unterhalb der Stiftskirche steht noch ein letztes großes Fachwerkhaus, in dem die Damen in einer Art Wohngemeinschaft zusammen lebten. Direkt dahinter beginnt schon der dichte Stadtwald.

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