Das Moltkeviertel in Essen – ein Stadtquartier als großer Wurf

Die Schinkelstraße im Moltkeviertel  - eine besonders schöne Reihe gut erhaltener Altbauten, wie sie in Essen selten ist.
Die Schinkelstraße im Moltkeviertel - eine besonders schöne Reihe gut erhaltener Altbauten, wie sie in Essen selten ist.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Als harmonisches Gesamtkunstwerk aus Häusern, Straßen und Parks ist das Moltkeviertel bis heute einmalig. Stadtbaurat Robert Schmidt wollte hier ab 1908 zeigen, dass auch in Essen eine bessere Wohnkultur möglich sein würde. Keineswegs war es nur für Reiche gedacht.

Essen.. Im Moltkeviertel gibt es sie noch, die knorrigen 100 Jahre alten Bäume. Sind sie wirklich gesund oder bisher nur den gestrengen Blicken der Essener Baum-Doktores entgangen? Egal, das Quartier ist jedenfalls auch deshalb so sehenswert, weil hier alte Häuser und hübsche Straßen mit einigen fast vornehm zu nennenden klassischen Parks eine harmonische Einheit bilden - und alte Bäume gehören da einfach dazu.

Bis heute einmalig und unerreicht

Das Moltkeviertel ist als städtebauliches Gesamtkunstwerk einmalig und bis heute unerreicht in Essen. Dabei sollte hier einst der Startschuss fallen für eine durchgreifende Verbesserung der Essener Wohnverhältnisse, um die es um 1900 immer noch sehr bescheiden bestellt war. Die Firma Krupp hatte zwar auch im Siedlungsbau Beachtliches geleistet, wo aber Private Hand anlegten, war meist das Allerschlichteste gerade gut genug.

Die Stadtplanung war bis dato kaum mehr als ein Handlanger der Grundstückseigentümer, denen es um schnelle Bebauung ging. Südöstlich des Stadtkerns war es der Stadt jedoch gelungen, den Grund und Boden mehrerer großer Höfe aufzukaufen, der geniale Stadtbaurat Robert Schmidt entwarf eine Planung, die die Eigenarten dieses hübschen, leicht ansteigenden und wellige Geländes betonte.

Klare Hierarchie strukturiert das Moltkeviertel

Das ist Essen Ab 1908 wurde gebaut, die besten Architekten ihrer Zeit hinterließen ihre Handschrift und betrachteten es als Ehre, am neuen Essen mitzubauen. Nicht Mittelmaß, sondern eine klare Hierarchie strukturiert das Moltkeviertel: Die Ruhrallee als leistungsfähige Verbindung und Frischluftschneise, die Moltkestraße für die Innenerschließung und schließlich kleine gewundene Anliegerstraßen für die ruhigeren Wohnbedürfnisse.

Auf den höchsten Punkten entstanden die höchsten Gebäude: das Elisabeth-Krankenhaus, das vor dem Mief der Innenstadt ins neue Viertel flüchtete, und die Königliche Baugewerkschule (heute Robert-Schmidt-Berufskolleg). Das Moltkeviertel hatte auch eine soziale Idee: Es wollte einerseits großbürgerlichen Wohnformen Platz bieten - in der aufstrebenden Stadt Essen gab es davon vor 100 Jahren keineswegs genug. Ganz bewusst aber schuf Schmidt auch Straßenzüge, in denen sich klein- bis gutbürgerliche Wohnträume erfüllten.

All dies lässt sich bis heute angenehm erlaufen. Im Dreieck zwischen Ruhrallee, Töpferstraße und der Bahntrasse der S 6 sollte man sich einfach mit offenen Augen treiben lassen, idealerweise an einem schönen Herbsttag und vom gütig stimmenden Startpunkt Moltkeplatz aus. Über optische Beleidigungen, die in den letzten Jahrzehnten leider nicht ausblieben, sieht man dann hoffentlich großzügiger hinweg.

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