Das Hauptbad im Essener Bäder-Test

Einmalig in Essen: 1000 Plätze bietet die Tribüne des Hauptbades. Doch wegen des millionenschweren Sanierungsstaus wird das Bad geschlossen und durch einen deutlich kleineren Zweckbau am Thurmfeld ersetzt.
Einmalig in Essen: 1000 Plätze bietet die Tribüne des Hauptbades. Doch wegen des millionenschweren Sanierungsstaus wird das Bad geschlossen und durch einen deutlich kleineren Zweckbau am Thurmfeld ersetzt.
Foto: Ulrich von Born
Was wir bereits wissen
Das Essener Hauptbad war ein Schwimmtempel, den man jahrelang verfallen ließ. Nun gilt eine Sanierung als unbezahlbar – das Bad wird geschlossen.

Essen.. Das Urteil über das Hauptbad ist gesprochen, von der örtlichen Politik: Es wird geschlossen, abgerissen, ersetzt durch einen schnöden Zweckbau am Thurmfeld. Zu teuer wäre ein Erhalt des 1958 eröffneten Bades, heißt es, gut 16 Millionen Euro würde die Sanierung kosten. Der Preis, den Essen für die Aufgabe des einzigartigen Bauwerks zahlt, könnte langfristig viel höher sein. Es ist ein Abschied vom architektonisch Ausgefallenen, von städtebaulichen Ambitionen, vom Mut zur Größe. Ein Abschied, der heute nur deshalb zwangsläufig erscheint, weil man Jahrzehnte lang versäumte, das bauliche Erbe zu pflegen, dem Verfall so taten- wie hilflos zusah.

Der erste Eindruck

Zugegeben, von den städtebaulichen Ambitionen sieht man an der Steeler Straße 38 nicht mehr viel. Die Eingangsfront sei „komplett ihrer ursprünglichen Struktur und Funktion“ beraubt worden, beklagte denn auch das Rheinische Amt für Denkmalpflege, als es dem Bauwerk vor zwei Jahren den Denkmalschutz versagte. Anders gesagt: Der Todesstoß für das Hauptbad ist nicht allein seiner Vernachlässigung, sondern auch den zahlreichen baulichen Veränderungen zu verdanken. Das Gebäude, das auch den Essener Sportbund beherbergt, präsentiert sich im Foyer bestenfalls nüchtern. Um ins Bad zu gelangen, muss man die Treppe ins erste Stockwerk nehmen.

Umkleiden und Duschen

Hallenbad-Test Drehkreuz und Kassenautomat hier oben sind nagelneu; angeschafft schon für das Bad am Thurmfeld. Man kann nur hoffen, dass die Umkleiden nicht mit umziehen: Die orangefarbenen Rondelle auf braunen Fliesen haben noch nicht mitbekommen, dass die 1970er Jahre vorbei sind. Es fehlt die Trennung zwischen Stiefel- und Barfußgang, und die Duschen dürften bestenfalls bei der Bad-Eröffnung vor fast 60 Jahren als modern gegolten haben. „Das Bad ist in einem desolaten Zustand, das kann man nicht schönzaubern“, sagt Betriebsleiter Georg Schwiderski und meint die gesamte Technik. „Aber es ist sauber und hygienisch einwandfrei.“ Vor allem ältere Badegäste vermissen allerdings die Einzelduschkabine, besonders wenn sie sich den Duschraum mit einer Schulklasse teilen müssen.

Die Schwimmhalle

Also raus aus der Dusche, hinein in die Schwimmhalle. Ein Schmuckstück, das poliert werden müsste. In sanftem Bogen und auf verschiedenen Höhen sind die drei Becken angeordnet: zwei 25-Meter-Bassins (15 bzw. 12 m breit) dazwischen ein kleines Lehrschwimmbecken. Auf ganzer Hallenlänge gewährt eine geschwungene Glasfassade einen Blick ins Freie. Die Tribüne bietet 1000 Zuschauern Platz; und sie ist nicht nur gut gefüllt, wenn hier Deutsche Meisterschaften stattfinden, sondern auch wenn sich örtliche Schwimmtalente messen. Bei Großereignissen hängen riesige Fahnen vor der Glasfront, tönen das Sonnenlicht in Landesfarben.

Hoch hinaus

In die Halle ragt eine Galerie, die einst eine beliebte Milchbar beherbergte; heute bauen Schwimmvereine bei Wettkämpfen hier Kuchenbuffets auf. Es soll Schwimmmeister in Essen geben, die als Lehrlinge von hier oben ins Becken gesprungen sind. Eine Mutprobe, auf die Georg Schwiderski verzichtet hat: Wer den Höhenrausch sucht, kann in diesem Bad schließlich auch vom 7,5 Meter-Sprungturm ins Wasser eintauchen. Konnte. Weil unter die abbröckelnde Decke ein Netz gespannt ist, hat man die oberste Etage des Sprungturms gesperrt. Doch er ist bis heute ein Zeichen für das enorme Selbstbewusstsein, das sich in diesem Bad manifestierte.

Die Badegäste

Es gab Zeiten, da standen die Badegäste Schlange, um ins Hauptbad zu kommen, weil es Größe hatte, in jeder Hinsicht. „1958 war das ultramodern, der Milchshake schmeckte super, hier war die Hölle los“, sagt Schwiderski. Heute wird es fast ausschließlich für Schul- und Vereinsbetrieb genutzt: Von den 100 157 Gästen im Jahr 2014 waren 45 679 Schüler und 37 888 Sportschwimmer. Für alle anderen ist das Bad nur von 6.30 bis 10 Uhr geöffnet, am Wochenende gar nicht. Treue Frühschwimmer wie Michaela Melsa aus Stoppenberg, die 2,5 km durchs Wasser pflügt, kommen noch: „Weil man hier nicht Slalom schwimmen muss.“ Aus gleichem Grund nimmt Norbert Bäck (63) den Weg aus Überruhr in Kauf: „Kuperdreh wäre näher, aber ich will ja niemanden stören, der lieber quatschen will. Hier kann ich meine Bahnen ziehen.“ Dass das stolze Bad geschlossen werde, sei eine Schande.

Der Vorsitzende der Startgemeinschaft Essen, Bernhard Gemlau, sieht eine Ära zu Ende gehen: „Das Hauptbad kennt man bundesweit. Nun verschwindet Essen als Austragungsort für große Wettkämpfe von der Landkarte.“ Einige Tränen wird auch Schwimmmeister Schwiderski vergießen – obwohl er sich auf ein Bad freut, „bei dem nicht täglich der Betrieb gefährdet ist“. Leider verzichte man für die neue Funktionalität auf das alte Flair.