Das Glücksspiel mit der Post

Foto: imago/Ralph Peters
Was wir bereits wissen
Die Auswirkungen des vierwöchigen Post-Streiks sind in Essen sehr verschieden. Manchmal entscheidet, auf welcher Straßenseite man wohnt.

Essen.. Normalerweise sind die Betriebskostenseminare des Eigentümerverbandes Haus und Grund schon Wochen vorher ausgebucht. Nur am Donnerstag war dies anders. Da blieben Stühle leer. Das mag an der Hitze gelegen haben, aber nicht nur. Da ist sich Geschäftsführer Werner Weskamp sicher. Die Seminar-Ankündigung stand im jüngsten Haus-und-Grund-Mitgliedermagazin. Doch das hat wegen des Poststreiks bislang wohl noch nicht oder verspätet in die Briefkästen gefunden. „Anders kann ich mir die Anmeldezahlen gar nicht erklären“, meinte Weskamp.

300 Mitarbeiter im Streik

Der Streik bei der Post dauert schon vier Wochen. Die Auswirkungen im Stadtgebiet sind offenbar sehr unterschiedlich. Es gibt Essener, bei denen seit Tagen gähnende Leere im Briefkasten herrscht. Andere spüren gar nichts. Im Extremfall kann dies von Straßenseite zu Straßenseite unterschiedlich sein. Je nachdem, ob ein Beamter, der nicht streiken darf, dafür zuständig ist oder eben ein streikbereiter Angestellter, räumt die Post ein.

Schwierig ist die Situation vor allem für Branchen, die mit Fristen und Terminen arbeiten. Anwälte beispielsweise. Zwar läuft auch hier die Kommunikation vielfach elektronisch. Doch bei Rechtsanwalt Oliver Allesch kommen manche Gerichtsladungen derzeit erst zwei, drei Tage vorher ins Haus. „Das ist für unsere Organisation schwierig“, sagt er. Auch die eine oder andere Original-Unterlage von Mandanten braucht Tage. „Ich befürchte, das die ganze aufgestaute Post dann auf einmal kommt“, sagt er.

Laut Verdi sind derzeit rund 300 Mitarbeiter in Essen im Ausstand. Mit wenigen Postlern im Briefzentrum an der Daniel-Eckhardt-Straße hat es begonnen, dann kamen die Paketzusteller und die Postboten hinzu. Seit Anfang der Woche werde auch das Postfachzentrum in der Innenstadt bestreikt, sagt Dirk Kriegel, Fachbereichsvorsitzender für Postdienste bei Verdi. Allein dort seien bis zu zehntausend Sendungen liegen geblieben.

Post versucht Lücken zu füllen

Die Post hingegen ist bemüht, die Lücken in den Reihen zu füllen. Es werden Studenten angesprochen, Aushilfskräfte gesucht, es springen Beamte ein, Verwaltungsmitarbeiter, Führungskräfte. Einmal wurde auch sonntags gearbeitet, doch NRW-Arbeitsminister Schneider zeigte der Post dafür die rote Karte.

Der Niederlassung Essen sei es bislang gut gelungen, die Auswirkungen klein zu halten, meint Post-Sprecher Dieter Pietruck. Da gebe es in anderen Landesteilen andere Probleme. Die Post nennt nur bundesweite Zahlen. Demnach kommen noch immer 80 Prozent der Sendungen pünktlich an. Die Erfahrungen der Stadtverwaltung Essen sind da etwas anders. In den Streik-Wochen würde 30 bis 40 Prozent weniger Post eingehen.

Wie lange der Arbeitskampf noch dauert, ist offen. Seit Freitag verhandeln Post und Verdi wieder. Die Ausgangslage ist schwierig, denn es geht um mehr als um ein paar Prozent mehr Lohn. Es geht ums Eingemachte. Die Post hatte Paketzusteller in eine Tochter ausgegliedert und zahlt sie nicht mehr nach dem Haus-, sondern nach dem niedrigeren Logistiktarif. Dagegen protestieren nicht nur die Betroffenen, sondern auch Zusteller und die Mitarbeiter im Briefbereich. Nicht nur aus Solidarität mit den Kollegen. „Sie befürchten, dass mit ihnen genauso verfahren wird“, meint Kriegel.