Das ehemalige Kutel in Essen – ein verlorenes Kinderparadies

Das Kutel, ein Bild von 1977.
Das Kutel, ein Bild von 1977.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Das Kutel in Essen- Fischlaken lockte einst zahllose Familien mit Melk-Karussell und Ponyreiten. Nach einem Zwischenspiel als trostloses Flüchtlingsheim erobert heute die Natur das Gelände zurück. Spaziergänger sind noch eher vereinzelt auf den Waldwegen unterwegs.

Essen.. Brombeerhecken, Blumen und Birken haben längst die Fundamente erobert, auf denen einst Kuhställe standen. Ein hoher Zaun versperrt den Weg dorthin. Vorn auf dem Gelände des früheren Kutels (kurz für Kuh-Hotel) stehen nur noch das ehemalige Restaurant und die Molkerei. Moos schlängelt sich die Stufen hoch zur Tür, die Fenster sind beschlagen, die Fassade bröckelt.

Dabei war das Kutel, das es seit 1969 in Fischlaken gab, jahrelang beliebtes Ausflugsziel. Nicht nur wegen des Melk-Karussells. Außer Kühen gab es einen Spielplatz und Ponys und im Laden die wohl beste Erdbeerbuttermilch. Drumherum führen Wander- und Reitwege in die Wälder. Manche sind zu Pfaden geschrumpft oder von umgestürzten Bäumen versperrt, worauf Schilder hinweisen. Einige Wege haben erst unter den Folgen von Kyrill, dann unter den Rückefahrzeugen gelitten, die tiefe Furchen hinterließen.

Unterkunft für 700 Roma

„Schön ist es hier immer noch“, sagt Heribert Rüsing (73), der lange an der nahe gelegenen Ludscheidt-straße lebte und quasi aufs Kutel blickte. „Bauern gründeten es als Genossenschaft“, erzählt er. Von ihnen hat der Essener Milchhof den Betrieb übernommen, später kamen Tuffi, Campina, dann das Aus. Rüsing war aber nicht nur Nachbar, er gehörte als Grünen-Politiker auch in den Zeiten zu den Bezirksvertretern und Ratsmitgliedern, als „das Kutel ständig Thema war“. Immer wieder tauchte die Frage auf, was die Stadt mit dem Gelände tun könne. Schließlich stellte sie 86 Container auf dem Overhammshof auf und brachte zwischen 1990 und 2004 dort 700 Roma unter.

Geblieben sind aus der Zeit nur verrostete Schaukeln und Klettergerüste, der Stacheldraht und die Kamera oben auf dem Restaurant. „Es ging um die Sicherheit der Flüchtlinge“, sagt Rüsing. Damals sei das Lokal zum letzten Mal voll gewesen: „Mit aufgebrachten Bürgern“, obwohl es nie ernsthafte Probleme mit den Flüchtlingen gegeben habe. Die Unterbringung aber sei miserabel gewesen; das Lager zeigte der empörte Rüsing damals gar Europa-Politikern.

Rest des Kutels soll abgerissen werden

Aus Sicht eines Umweltschützers sei es eine Schande, solch ein Gelände am Rande eines Landschaftsschutzgebietes brach liegen zu lassen. Vielleicht hätte man doch irgendwann Geld in die Hand nehmen sollen, um etwa ein Natur-Ausflugsziel für Schüler zu schaffen. Stattdessen soll der Rest noch abgerissen werden, das hat die Stadt längst beschlossen. Doch auch hierfür fehlt derzeit das Geld. Fest steht seit mehr als zehn Jahren: Das ehemalige Kutel-Gelände soll renaturiert werden. Unklar ist, ob es sich selbst überlassen oder aktiv gestaltet wird. Auch darüber werden wohl die finanziellen Mittel entscheiden.

Kurzfristig haben sich hier Trödelmärkte und ein Landschaftsbaubetrieb angesiedelt, sagt Rüsing. Der Partyservice blieb als Pächter viele Jahre, nun zieht auch er um. Hundesportler haben Hürden aufgestellt, wo ehemals Kinder auf den Ponys im Kreis geritten sind. Vom früheren Trimm-Dich-Pfad existieren keine Spuren mehr. Aber es warten immer noch viele Wege darauf, (wieder-)entdeckt zu werden, auf denen heute eher vereinzelt Wanderer oder Jogger laufen. Die Strecken führen ins Hespertal, an den Baldeneysee, zum Haus Scheppen oder nach Kupferdreh. „Es lohnt sich, die Leute hierhin zu locken“, sagt Heribert Rüsing über das Naherholungsgebiet am ehemaligen Kutel. An das erinnern sich sogar manche, die nie dort gewesen sind, aber die Produkte im Supermarkt gekauft haben. Das Markenzeichen: drei grüne Kuhköpfe, die auch viele Kinder von der Schulmilch anlächelten.

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