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Das Auffangtuch für Kämpfernaturen

15.01.2008 | 20:27 Uhr

GESUNDHEIT. Hauptsache, man muss nicht oben ohne gehen: Ellen Wittke-Michalsen verkauft selbstgenähte Kopfbedeckungen für Krebspatienten.

Indis - das steht für "individuell". Und für Indianer. Doch wer Ellen Wittke-Michalsens Tücher trägt, ist nicht auf dem Kriegspfad, sondern auf dem Leidensweg. Zu ihr kommen die Frauen, die zur Krebsbehandlung im nahegelegenen Brustzentrum sind und denen die Haare verloren gehen, wenn der Tumor in der Brust mit Chemotherapie behandelt wird. Irgendwann ist ihr das aufgefallen: Kopftücher gibt es viele, Perücken für Krebspatienten auch, aber die jucken und kratzen oft. Viele dieser Kopftücher sehen, nun ja, nach Krankheit und Krebs aus, zumindest nach alter Frau.

"Die Patientinnen sind oft so jung, da wollte ich etwas anderes anbieten", sagt die zierliche 38-Jährige. Etwas Modisches, das sich Frau gern zu Kopf steigen lässt. Ein Kleidungsstück, mit dem sich Patienten den Krebs an den Hutersatz stecken können. Ein Tuch als kleine Therapie, die den Träger stärkt und schützt. Statt der Marter ein Totem für den Kampf um die eigene Gesundheit. Wegen der sprichwörtlichen kardiologischen Desensibilität der amerikanischen Ureinwohner. Genau: Indianerherz kennt keinen Schmerz.

Die Indi-Geschichte hat vor etwa drei Jahren so richtig angefangen. Seitdem betreibt Ellen Wittke-Michaelsen den gerade 15 Quadratmeter großen "Laden für Gesundheit", gleich rechts vom Eingang des Knappschaftskrankenhauses in Steele, eine angenehm unklinisch riechende Oase. Das verdankt der Patient, der zum Kunden wird, vor allem der Mischung aus Parfums und Tees. Hinzu kommen zum Beispiel Schröpfgläser, Müsliriegel, Postkarten und Bücher.

Kurz: Was Menschen auf gesündere Gedanken bringt und Patienten der Klinik für Naturheilkunde so kaufen, ehe daheim der innere Schweinehund größer ist als der Gedanke an gesünderen Lebenswandel.

"Und auf dem Weg zwischen Brustzentrum und Naturheilkunde kommen die Patientinnen oft kurz nach der Diagnose hierher", erklärt sie. Hier können sie tun, was sie kennen und mögen: Sie kaufen ein. Ellen Wittke-Michalsen nimmt sich Zeit. Da wird das Indi zum Auffang-Tuch, zum Gesprächsstoff für 20 Euro und ein sogar fröhliches Auswahl-Stündchen.

Denn ein blanker Kopf ist für Frauen immer noch ein Tabu. "Es zieht sich durch die Kulturgeschichte, dass der kahle Kopf bei Frauen etwas mit Bestrafung zu tun hat", so die 38-Jährige. Weniger kulturhistorisch betrachtet: Oben ohne - damit ist frau im Winter schnupfen- und im Sommer rotgefährdet. Vor allem, wenn der Haarverlust schnell einsetzt und sich die Kopfhaut nicht an die fehlende Schutzschicht gewöhnt.

"Gutes T-Shirt-Material, einfarbig, reine Baumwolle" - das ist der Stoff aus dem der Talisman ist. Es gibt sie einzipflig und zweizipflig. Letztere haben oft noch stärkere Nebenwirkungen: Gute Laune zum Beispiel. Isi hat sie erfunden, die fünfjährige Tochter, als sie sich eines Abends neben die nähende Mama stellte, sich eine Strumpfhose falsch rum auf den Kopf zog und sagte: "Guck mal ich habe auch ein Kopftuch." Nun wickelt sich Frau die "Beine" ums Haupt - fertig ist der Indi-Kopfschmuck.

Oft näht sie ihn immer noch selbst, wenn's schnell gehen muss oder ein spezielles Stück verlangt wird. Viele Tücher aber lässt sie nähen - in den Behindertenwerkstätten des Franz Sales Hauses und in einer vergleichbaren Einrichtung in Steinfurt.

Denn ihre Tücher sind beliebt. Durch persönliche Kontakte und Besuche verkauft sie sie mittlerweile auch in Klinikläden in München, Bremen, Bremerhaven, Dresden, Nürnberg - macht bald vierstellige Verkaufszahlen für die Holsterhauserin.

Ähnliche Tücher werden oft von einst Betroffenen für jetzt Betroffene gemacht. Doch das ist bei ihr anders: Sie hat sich schon mit 14 Jahren Stoff in die Haare gewoben. Aufgewachsen in der DDR, hat sie gelernt: Was nicht gut ist, muss man verbessern und was es nicht im Laden gibt, muss man selbst herstellen - die Indi-Philosophie als persönliche Unabhängigkeitserklärung.

Das soll auch so bleiben, denn Serienfertigung und Großproduktion würden ihrem höchstpersönlichen Haupt-Talisman die Seele rauben - das Indi wäre kein Indi mehr. Mittlerweile näht sie Indis auch für Männer - "die wollen das Label dann aber gern außen tragen". Menschen, die am plötzlichen Haarausfall (Alopecia) leiden, gehören dazu. Demnächst will sie es auch für krebskranke Kinder im Uni-Klinikum anbieten.

"Kindis" heißen diese Tücher und wieder ist's eine Tochter, diesmal Bea, die ältere, die hilft, ein gutes Produkt zu erstellen: "Sie ist 14. Da geht nix mit Herzchen und mit Teddybären. Ich sehe schon an ihrem Gesicht, ob ein Tuch cool ist oder nicht." Bei aller Coolness schreckt sie aber doch vor einem Design-Vorschlag zurück. Ein Krebs-Kopftuch mit Totenköpfen? Lieber nicht. Indianer sind keine Piraten.

STEPHAN HERMSEN

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