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Damit die Frühchen Zeit gewinnen

22.08.2011 | 19:29 Uhr
Damit die Frühchen Zeit gewinnen
Dr. Dariusz Michna vom Elisabeth-Krankenhaus, Abt.Kinderheilkunde in Essen kümmert sich um ein Frühchen auf der Kinder Intensivstation.Foto: Alexandra Umbach

Essen. Kliniken wollen Frühgeburten vermeiden. Wer dennoch vor dem Geburtstermin auf die Welt kommt, muss gefördert werden.

Früh übt sich, heißt’s im Volksmund. Doch diese alte Weisheit gilt nicht am Elisabeth-Krankenhaus und auch nicht am Essener Universitätsklinikum – wenn es um Frühgeburten geht. Insgesamt 433 Mal kam vergangenes Jahr in beiden Kliniken das junge Glück zu früh auf die Welt. Doch nicht jedes Baby überlebte, trotz spezieller Versorgung in den Vorzeige-Einrichtungen des Landes für Früh- und Neugeborene, Perinatalzentren genannt.

„Die Vermeidung von Frühgeburten hat in unserem Zentrum oberste Priorität“, betont Professor Dr. Stefan Niesert, Direktor der Frauenklinik am Elisabeth-Krankenhaus . Denn je kleiner ein Frühchen ist, desto anfälliger ist es etwa für Atmungs-, Darm- und Immunprobleme sowie schwere Hirnblutungen, die häufig lebensbedrohlich sind. Erst nach 18 Monaten endet in Nieserts Klinik die Risikosprechstunde für Frühchen. Wie wichtig Nachsorge ist, hat sie in einer Studie zu kleinen Frühchen zwischen 2006 und 2010 untersucht.

Entwicklungstest aus den USA

In einer lückenlosen Dokumentation wurde die Entwicklung von in 2008 im Elisabeth-Krankenhaus zur Welt gekommenen Frühchen in den ersten zwei Lebensjahren erfasst, mit einem Entwicklungstest (Bayley Scales of Infant Development) aus den USA. Demnach liegt die Überlebensrate Neugeborener mit ei­nem Gewicht von 1000 bis 1500 Gramm bei 97 Prozent .

Wichtig dabei: 78 Prozent der kleinen und ex­trem kleinen Frühchen haben die Klinik ohne zusätzlichen Sauerstoffbedarf, Operation ei­­ner Netzhaut- oder Darmer­krankung oder schwere Hirnblutungen verlassen. „Uns war wichtig zu sehen, wie sich ein frühgeborenes Kind entwickelt und welche Defizite es aufweist“, sagt Dariusz Michna, Leitender Arzt der Neonatologie am Klara-Kopp-Weg.

Geburten
40 Wochen sind normal, 37 viel zu früh

Während übliche Schwangerschaften 40 Wochen dauern und die Babys im Zeitraum von zwei Wochen vor bis zwei Wochen nach dem errechneten Geburtstermin das Licht der Welt erblicken, spricht man bei Babys, die vor Vollendung der 37. Woche entbunden werden, von Frühgeborenen. Meist wiegen sie unter 2500 Gramm. Da Babys, die zu früh auf die Welt kommen, die wichtige Entwicklungszeit im Mutterleib fehlt, stellt ihre Versorgung besondere Anforderungen an die Klinik. Vor allem die häufig noch nicht ausreichend entwickelte Lunge des Kindes birgt eine große Gesundheitsgefahr. Um Risiken gering zu halten und bei Problemen schnell helfen zu können, gibt es in Deutschland mehrere spezialisierte Perinatalzentren. Aufgrund ihrer Ausstattung und Erfahrung gewährleisten sie eine bestmögliche Versorgung von Frühchen. In Essen findet man Perinatalzentren der höchsten Stufe „Level 1“ im Elisabeth-Krankenhaus und im Uniklinikum Essen. Sie werden von Neonatologen und ärztlichen Geburtshelfern geleitet und haben räumlich verbundene Entbindungsstation, Operationssäle und Neugeborenen-Intensivstation, verfügen über ständige Arztbereitschaft und einen Neugeborenen-Notarzt. Risikoschwangerschaften wie Mehrlingsschwangerschaften ab drei Kinder sollten nur in
Level-1-Zentren entbinden.

Eltern angeschrieben

Um Informationen über die motorische und kognitive Entwicklung der Kinder zu gewinnen, wurden ihre Familien im vergangenen Jahr angeschrieben und zu einer Nachuntersuchung der nun Zweijährigen in das sozialpädiatrische Zentrum eingeladen. Der ermittelte mentale Entwicklungsindex (MDI) von 84 plus/minus 24 zeigt deutlich das vielleicht unerwartete große Potenzial der Kinder.

„Der MDI ist an den Intelligenzquotienten (IQ) angelehnt, daher haben die Kinder die Chance, einen IQ von 100 und mehr zu entwickeln“, erklärt Michna. Dieses Ergebnis für Frühchen aus dem Umkreis der Stadt Essen sei mit internationalen Studien vergleichbar, „und das, obwohl wir nur relativ wenige Frühgeborene getestet haben“, sagt Dariusz Michna. 41 kleine Frühchen, davon starben drei, kamen 2008 im Elisabeth-Krankenhaus zur Welt. Die Studie habe gezeigt, dass sie bei frühzeitiger Förderung normalgeborenen Kindern um nichts nachstehen müssen.

Frühgeburten  vermeiden

Werden Frühchen nicht gefördert, kann das später zu Defiziten führen. „Häufig haben sie in der Schule Probleme, vor allem im Fach Mathematik“, sagt Michna, dessen Geburtsklinik im September um acht Betten erweitert wird, weil der Bedarf gestiegen ist. Oberstes Ziel bleibt weiter, zu frühe Geburten zu vermeiden. Das gilt eb­enso fürs Klinikum.

„Wir haben uns auf die Cerclage spezialisiert, ein effektives Verfahren, um Früh- und Fehlgeburten zu vermeiden“, betont Dr. Angela Köninger, Leiterin der Geburtshilfe und Perinatalmedizin am Klinikum. Bei Verschlussproblemen des Gebärmutterhalses kann es zu einer vorzeitigen Öffnung des Muttermundes kommen. Um dies zu verhindern, wird der Muttermund bei der Cerclage mittels einer Umschlingung des Gebärmutterhalses verschlossen.

Eine Frühgeburt kann durch das Cerclage-Verfahren deutlich verzögert oder ganz abgewendet werden. „Dadurch gewinnt das ungeborene Kind genügend Zeit, sich im Mutterleib weiter zu entwickeln“, erklärt Dr. Angela Köninger.

Pascal Hesse

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