Chef der Messe Essen will nun zum Angriff übergehen

Geschäftsführer der Messe Essen, Oliver P. Kuhrt.
Geschäftsführer der Messe Essen, Oliver P. Kuhrt.
Foto: Knut Vahlensieck
Was wir bereits wissen
Oliver P. Kuhrt zieht nach einem Dienstjahr Bilanz. Im Interview erklärt er, warum auch die kleine Umbaulösung den erhofften Befreiungsschlag bringt und wie er die Messe auf Wirtschaftlichkeit trimmt.

Essen.. Herr Kuhrt, Sie sind seit einem Jahr Messechef. Ihre Bilanz?

Oliver P. Kuhrt: Es war ein sehr intensives Jahr. Den Ausgang des Bürgerentscheides zum Messeumbau gleich zu Beginn meiner Essener Zeit hatte ich mir natürlich anders vorgestellt. Dieses einschneidende Ereignis hatte aber auch einen Vorteil: Es hat mich schnell an das Unternehmen herangebracht und mich mit dem Team zusammenwachsen lassen. 2014 würde ich dennoch als ein Jahr des Krisenmanagements bezeichnen.

Inwiefern?

Kuhrt: Nun, wir konnten nach dem Bürgerentscheid nicht erst mal den Kopf in den Sand stecken, sondern mussten schnell eine passende Lösung finden, um nicht noch mehr Vertrauen am Markt zu verlieren. Es ging klar um die Frage: Wie stellen wir sicher, dass uns in der Zwischenzeit keine weiteren Messen abwandern? Das war eine extrem fordernde Situation, weil wir wissen, wie unsere Wettbewerber solche Schwächemomente ausnutzen können. Die Verlängerung der „Schweißen und Schneiden“ bis 2033 hatte da eine sehr wichtige Signalwirkung.

Messe Der Träger der „Reifen“ geht 2018 mit einem eigenen Messeformat nach Köln, welche Messen waren noch auf dem Absprung?

Kuhrt: Unabhängig von unserer schwierigen Situation im letzten Jahr galt und gilt es, diese Überzeugungsarbeit für alle unsere Veranstaltungen zu leisten. Der Markt ist umkämpft, es kostet viel Zeit und Anstrengung, neue Messen zu gewinnen, man kann sie aber leider blitzschnell verlieren. Nun bewegen wir uns aber langsam wieder auf Augenhöhe mit anderen Messen.

Hätte man bei der Umbau-Planung nicht von vorn herein die kleine, günstigere Lösung suchen müssen? Das hätte Ihnen vieles erspart.

Kuhrt: Natürlich hätten wir die ursprüngliche Lösung favorisiert. Für die aktuellen Pläne mussten wir viele Dinge über Bord werfen, die uns durchaus weh tun, wie zum Beispiel ein größerer Kongress-Bereich. Dennoch erfüllt die überarbeitete Lösung die wichtigsten Anforderungen unserer Aussteller, um die Messe fit für die Zukunft zu machen

Was bringt der Umbau wirtschaftlich für die Messe?

Kuhrt: Er sichert zunächst den Bestand. Eine Reihe von Veranstaltern hatte ja angekündigt, dass sie weggehen werden, wenn wir nichts tun. Aber Bestand wahren ist nur das eine. Wir wollen neue Formate entwickeln, aber auch bestehende Messen nach Essen holen. Dafür sind die neuen Hallen zwingend. Ich würde die Messe Essen im Westen gerne dorthin entwickeln, wo die Messe Nürnberg heute im Süden ist. Die Nürnberger müssen sich dort neben München und Stuttgart behaupten, wie wir uns in NRW neben Köln und Düsseldorf. Die Nürnberger haben es exzellent verstanden, internationale Fachmessen zu entwickeln und anzusiedeln. Wenn wir von der Zukunft in Essen reden, reden wir nicht immer von Großveranstaltungen, sondern auch von internationalen Fachmessen, zugeschnitten auf unsere Fläche.

Messe Bis die Messe umgebaut ist, dauert es aber noch eine geraume Zeit.

Kuhrt: Stimmt, wir haben noch einen Weg vor uns und dürfen in der Überzeugungsarbeit für unseren Messestandort nicht nachlassen. Aber da die Vorlaufzeiten für Veranstaltungen immer recht groß sind, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, aktiv in den Markt einzugreifen. Ich habe seinerzeit in Köln fünf Jahre daran gearbeitet, die Gamescom an den Rhein zu holen.

"Das Messegeschäft ist ein kleiner Markt"

Wenn Sie von neuen eigenen Messen sprechen, woran denken Sie?

Kuhrt: Die Chancen, vollständig neue Themen zu entwickeln, sind auf dem deutschen Messemarkt überschaubar. Viele Bereiche sind bereits abgedeckt. Zwei Schwerpunktthemen haben wir uns vorgenommen: Energie und Gesundheit. Hinzu kommt die Weiterentwicklung im Ausland. Darüber hinaus arbeiten wir an der Ausgründung von Teilthemen aus bestehenden Messen. Auch da haben wir zwei Felder identifiziert, an denen wir konkret arbeiten.

Verraten Sie, welche?

Wirtschaft Kuhrt: Nein, da bitte ich um Verständnis. Der Wettbewerb zwischen den Messen ist substanziell. Wenn ich beispielsweise die Pflanzenmesse IPM eröffne, sind die ersten Besucher die Repräsentanten der anderen Messen.

Sind Sie auch so unterwegs?

Kuhrt: Ja, das ist Teil des Geschäfts. Das Messegeschäft ist ein kleiner Markt, der sich wechselseitig beäugt. Wir können jetzt am Markt deutlich selbstbewusster auftreten. Hier haben wir in den letzten Monaten bereits Fortschritte gemacht. Sich als Messe von Format stärker zu positionieren – das schafft man nicht nur vom Büro aus.

Dieses Jahr gibt es neun Messen weniger als 2014. Steht Essen ein schwaches Messejahr bevor?

Kuhrt: Das ist wie bei anderen Messestandorten auch rein zyklusbedingt. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass wir unsere Ziele erreichen werden. Wir stehen vor einer IPM mit neuen Rekorden. Wir haben die E-World vor uns, bei der wir gemeinsam mit unserem Partner Conenergy trotz der Herausforderungen in der Energie-Industrie hervorragende Zahlen erwarten. Persönlich freue ich mich auf die Equitana, die ich das erste Mal erleben werde. Auch mit der Entwicklung der Spiel sind wir sehr zufrieden, bei der sich schon andeutet, dass sie weiter wachsen wird.

Effizientere Strukturen schaffen

Hat eine Messe wie die Mode Heim Handwerk noch Zukunft?

Kuhrt: Absolut. Sie ist die größte Verbraucherschau in dieser Form in NRW und hat damit auch eine wichtige Bedeutung für die Stadt und die Region. Auch wenn sie aus kaufmännischer Sicht nicht mit den Ergebnissen unserer internationalen Fachmessen vergleichbar ist. Um jedoch unseren Anspruch zu realisieren, den städtischen Haushaltszuschuss für die Messe Essen weiterhin zu senken, ist die Orientierung auf ertragsstarke Fachmessen allerdings alternativlos

Die Messe will in den nächsten zehn Jahren 17,5 Millionen Euro sparen. Wie stemmen Sie das?

Kuhrt: Wir haben ein Effizienz- und Restrukturierungsprogramm aufgelegt. Die gute Nachricht ist: Es gibt viele Dinge, die wir aus eigener Kraft anpacken können. Einige Beispiele: Die Messe verliert mit ihrer jetzigen Form der Parkplatzbewirtschaftung viel Geld. Hier wollen wir zu einer stärkeren Automatisierung kommen. Wir verkürzen Rechnungsläufe, um die Skontoquote zu erhöhen. Wir prüfen unsere Einkaufskonditionen am Markt. Wir straffen unsere internen Prozesse und verschlanken unsere Strukturen. Mit mehr Kostentransparenz können unsere Mitarbeiter ihre Projekte besser steuern.

Messe Essen Um einen Stellenabbau werden Sie aber dennoch nicht herumkommen.

Kuhrt: Auf diesem Weg verzichten wir auf betriebsbedingte Kündigungen. Durch die Neustrukturierung im Vertrieb und die Optimierung in der Verwaltung planen wir, am Ende der Laufzeit des Programms mit einer Stammbelegschaft von 175 Mitarbeitern zu arbeiten. Das wären rund zehn Prozent weniger als heute, wir setzen dabei ausschließlich auf natürliche Fluktuation und Altersteilzeit.